ABSCHIED von der TELEFONZELLE


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ABSCHIED von der TELEFONZELLE

 
24.03.02 14:43
Einst standen sie an jeder Ecke. Heute sucht man sie immmer häufiger vergeblich. Die gute alte Telefonzelle ist vom Aussterben bedroht. Eine Grabesrede.

In einer Telefonzelle klingelt es, Tag für Tag. Niemand hebt ab. Sie steht in der amerikanischen Mojave-Wüste, einem einsamen Ort, das Tal des Todes gleich in der Nähe. Der Wind treibt Sand vorbei.

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Ausgedient: Im Zeitalter des Handys ist das Quaseln in der Zelle nicht mehr "in".
 
Dass massenhaft Anrufe in die Wüstenluft dringen, ist Godfrey Daniels zu verdanken. Er beschloss im Mai 1997, täglich die Wüsten-Telefonzelle anzuwählen. Als knapp einen Monat später Lorene Crawford, Betreiberin einer Vulkanasche-Mine, zum ersten Mal den Hörer abnahm, veröffentlichte Godfrey den Mitschnitt des Gesprächs im Internet - nebst der Telefonnummer. Das hatte Folgen.

Die Mojave-Telefonzelle wurde berühmt: Reporter suchten sie heim, ein Film spielte dort. Zahllose Neugierige reisten in die Wüste - und meldeten sich, wenn es bimmelte. Das Telefonhäuschen wurde zum Chatraum, einem Ort, an dem sich wildfremde Menschen kennen lernen.

Telefonzelle als Kultobjekt. 1960 erfüllte sie noch ihren ursprünglichen Zweck, sie diente dem Minengründer Emerson Ray und seinen Mitarbeitern als Draht zur Welt. Das ist inzwischen anders. Die Region ist verwaist. Telefonzellen sind ein schwieriges Geschäft geworden. Nicht nur in den USA.

Marktschwund: Das Handy macht dem öffentlichen Fernsprecher den Garaus. 130.000 bunte Telefonhäuschen gibt es in Deutschland. Vor sieben Jahren waren es noch 165.000. Die Wartung der Quatschkabinen verschlingt viel Geld, die Einnahmen sind mau: An manch seltenem Standort haben die Telekomkunden innerhalb eines Jahres gerade mal 60 Mark vertelefoniert, selbst die am besten postierten Häuschen bringen nur mehrere hundert Mark pro Monat. "Ein schwieriger Markt", heißt es bei der Telekom.

Zukunft: Es wird noch schwieriger. 60 Millionen Deutsche werden Ende 2001 ein Handy besitzen. Rein rechnerisch gibt es schon nächstes Jahr mehr Mobiltelefone als Nutzer. Wozu noch Telefonzellen? Dem Schwund versucht die Regulierungsbehörde für Post und Telekommunikation Einhalt zu gebieten. Sie will mindestens eine Telefonzelle in einem Umkreis von drei Kilometern sehen. Das ist der Richtwert. Darunter ist der Abriss nur mit Auflagen erlaubt.

Hoffnung: Weil der Deutschen Telekom die Häuschen aufgezwungen werden, auch wenn sie Verluste machen, sucht der Telefongigant nach einem neuen Geschäftsmodell. Das Internet soll helfen: In diesem Jahr wuchsen 1000 Stück der Telekiosk genannten öffentlichen Surfstationen aus dem Boden von Bahnhöfen und Flughäfen. 2002 soll es noch mehr geben. Faxen, Surfen, Sprechen können die Passanten dort. Und Informationen über die Umgebung abrufen, eine Art virtueller Stadtführer.

Abschied: Letzter Blick in die kalifornische Mojave-Wüste: Ein bunter Grabstein steht dort, wo die Wüsten-Telefonzelle stand. Die Arbeiter der Gesellschaft Pacific Bell haben sie im Mai 2000 abgerissen.

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Rückblick: Der Aufstieg und der Fall eines Kommunikationsmittels


1878: Die District Telephone Company testet in New Haven/USA eine Telefonzelle.


1904: Die Deutsche Reichspost stellt in Berlin die erste Telefonzelle auf. Tarif: 50 Pfennig für fünf Minuten plaudern.


1927: Gespräche sind nach Übersee möglich. Allerdings nur aus den Städten Berlin, Frankfurt und Hamburg.


1953: Die Deutsche Bundespost führt das gelbe Telefonhäuschen ein.


1994: Das Jahr der meisten Telefonzellen in Deutschland: Bundesweit gab es 165.000. Heute stehen nur noch etwa 130.000.


2000: Die starke Verbreitung von Handys macht den Telefonzellen den Garaus.
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Nachtrag: Die einsamste Telefonzelle der Welt

 
24.03.02 15:41
Es war einmal eine Telefonzelle, irgendwo im Nirgendwo der Mojave-Wüste. Dann fand sie einen Liebhaber, der ihr eine Website widmete ...

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# ____Dem Rand McNally Welt-Atlas ist zu entnehmen, dass sich die Ortschaft Baker, Kalifornien, auf halber Strecke zwischen Barstow und Boulder City und damit in den westlichen Ausläufern des Mojave-Reservats befindet. Bis nach Las Vegas sind es 75 Meilen, ins Death Valley etwa 30, ansonsten verzeichnet der McNally im absehbaren Umkreis nichts außer Hügeln, ein paar ausgetrockneten Salzseen und weiter, menschenleerer gelber Wüste. Man könnte auch sagen: Baker liegt im Nichts.
Zwölf Kilometer westlich von Baker, am Rande einer Sandpiste, die tief in die Mojave hineinführt, stand eine Telefonzelle. Dieser Umstand wäre bis heute allenfalls einer Handvoll Nachbarn und versprengter Touristen bekannt, wäre nicht im Mai 1997 ein gewisser Godfrey Daniels auf die Zelle aufmerksam geworden. Daniels fiel damals eine Landkarte in die Hände, auf der inmitten des großen, weiten Gelbs der Mojave ein Fliegenschiss mit dem Vermerk Phone Booth klebte.
Nun ist Daniels, Software-Programmierer aus Phoenix, Arizona, ein Mann mit Sinn für Skurrilitäten: Er sammelt Audio-Samples von Prominenten, die den Namen Godfrey beinhalten, und ist Gründer eines eigenen Landes namens Oceania. Die Vorstellung von dem Zivilisations-Außenposten faszinierte ihn sofort. Zufälligerweise hatte ein aufmerksamer Mensch auf der Karte die Nummer der Zelle eingetragen: 760-733-9969.
Daniels, 35, war elektrisiert. „Ich begann, die Nummer jeden Tag anzurufen. Jeden Anruf nahm ich auf Band auf, wobei ich Datum und Uhrzeit meines Anrufs notierte. Ich bat alle, die mich besuchten, das Gleiche zu tun, sich auf meinem Band zu identifizieren und zu erzählen, was sie gerade beschäftigt. An meinem Badezimmerspiegel befestigte ich eine Post-It-Notiz zur Erinnerung: ,Hast du heute schon daran gedacht, in der Mojave-Wüste anzurufen?‘ Ich glaubte, wenn ich nur lange genug anriefe, würde eines Tages schon irgendjemand abnehmen. Ich war bereit, es notfalls jahrelang zu versuchen.“
400 Kilometer entfernt klingelte in diesen Tagen ein einsames Telefon in der Wüste, Tag für Tag, fast einen Monat lang, ohne Antwort. Dann, am 20. Juni 1997, war plötzlich besetzt. Daniels glaubte, sich verwählt zu haben, und probierte es gleich noch einmal: Wieder piepte das Besetztzeichen. Drei Minuten und viele weitere Versuche später meldete sich endlich eine weibliche Stimme: „Hello?“
Von Daniels Transkript des Gesprächs wissen wir, dass der Telefonzellen-Fan in den folgenden 20 Minuten kaum mehr als atemlose Wow´s und Really?´s herausbrachte. Lorene Crawford, die Frau am anderen Ende der Leitung, erklärte ihm, dass ihre Familie in der Nähe eine Mine betreibe und sie diese Telefonzelle regelmäßig auf dem Weg zum Wasserholen benutze. Ihr Vater habe die Installation des Anschlusses 1948 für seine Minenarbeiter beantragt, das US-Telekommunikationsgesetz schrieb damals vor, dass jeder Amerikaner Anspruch auf einen öffentlichen Fernsprecher in erreichbarer Nähe habe. Das abgelegene Telefon sei zunächst per Handkurbel betrieben und mit der Nummer Windmill 2 angewählt worden. Charlie Wilcox, ein alter Viehzüchter, der sechs Meilen entfernt lebe, könne sich noch gut an diese Tage erinnern.

Der Mythos breitet sich aus, vom Internet bis in die Mojave-Wüste

Nachdem sich Daniels aufgeregt von Crawford verabschiedet hatte, traf er zwei folgenschwere Entscheidungen: Er würde sein Experiment fortsetzen und weiterhin täglich die Nummer wählen. Zugleich begann er, seinen Versuch auf seiner Website zu protokollieren, auf der es auch einen Lageplan und die Nummer des abgeschiedenen Abschlusses gab.
Was dann passierte, ist heute nur noch schwer nachzuvollziehen. Es scheint, als entdecken zunächst ein paar Lokalblätter aus Nevada Daniels´ Website, die schnell das kuriose Thema aufgreifen. Dann amüsieren Morning-DJs kalifornischer Radiostationen ihre Hörer damit, es im Nichts klingeln zu lassen. Einige Male geschieht es, dass tatsächlich jemand abnimmt. Denn Godfrey Daniels organisiert - zunächst allein, dann mit Freunden, schließlich mit Fans seiner Website - mehrere „Expeditionen“ zur Telefonzelle, deren Verlauf er ausführlich dokumentiert.
Und er bleibt nicht der Einzige. Immer mehr Netsurfer bevölkern erst Daniels´ „The Original Mojave Phone Booth Site“ (zu diesem Zeitpunkt gibt es bereits ein halbes Dutzend Nachahmer), dann die Einöde um Baker. »The New York Times«, »The Washington Post« und »Los Angeles Times« berichten, »Time« Magazin bekundet Interesse an den Fotos von Daniels Expeditionen. Die Wüste beginnt zu leben. Charlie Wilcox muss öfters verirrten Teenagern den Weg beschreiben oder sie abschleppen, weil sich ihre Toyotas im Sand festgefahren haben. Der Rancher, der sein Leben in der Einsamkeit der Mojave verbracht hat, nimmt täglich Anrufe von Neuseeländern und Niederländern, von Japanern und Mexikanern entgegen - Menschen, die einfach mal ausprobieren wollen, ob am Ende der Welt jemand drangeht, und die dann nicht wissen, was sie sagen sollen, wenn es jemand tut. Es ist die Antithese zu E.T.´s „calling home“ - calling nowhere.
Dennis Casebier, ein Lokalhistoriker aus Goffs, Kalifornien, äußert Verständnis für die seltsame Faszination des verbeulten Telefonhäuschens. „Die Leute in der Stadt brauchen etwas, das sie hier herbringt“, mutmaßt Casebier, „sie suchen einen Fixpunkt in der Wüste. Doch wenn es dazu beiträgt, Menschen aus ihren Fernsehsesseln zu bewegen, dann ist das ganz okay.“ Godfrey Daniels hingegen zeigt sich enttäuscht. „Mein Phone-Booth-Projekt sollte die Phantasie der Leute beflügeln und sie anregen, gewöhnliche Dinge auf ganz neue Art zu betrachten. Stattdessen imitieren sie nur etwas, was ihnen jemand vormacht.“

Alle wollen die Zelle sehen, sogar der Heilige Geist schickt einen Abgesandten

Der Rummel um das Telefon wird derweil immer absurder. Am 3. April 1999, während einer weiteren Zellen-Tour, nehmen Daniels und Freunde mehr als 170 Anrufe entgegen, darunter auch den eines Albaners, der sich live im amerikanischen Radio wähnt. Ein gewisser Rick Karr, 51, kampiert in diesem Sommer für 32 Tage neben der Kabine und liest jedem Anrufer Verse aus der Bibel vor. Einem herbeigeeilten Reporter der »Los Angeles Times« erläutert Karr, der Heilige Geist habe ihm den Auftrag zu dieser Telefonseelsorge erteilt. Im September dreht ein Independent-Filmteam aus Las Vegas einen Thriller mit dem Titel „Dead Line“, in dem die Mojave Phone Booth die Hauptrolle spielt. Während der Dreharbeiten gibt das Team einem Radioreporter aus Melbourne, der zufällig anruft, ein spontanes Live-Interview. Mittlerweile wählen so viele Anrufer die Nummer am Ende der Welt, dass es, wie das »Las Vegas Review-Journal« beklagt, „schwer ist, überhaupt noch durchzukommen“. Tom Brokaw und seine NBC Nightly News, CNN sowie Zeitungen auf der ganzen Welt berichten über das Phänomen der kuriosen Kommunikationskabine. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis sich ein Drehbuchautor ihrer Geschichte annimmt.

Die Zelle verschwindet. Eine Zeitschrift erklärt sie zu einem „Opfer des Webs“

Am Abend des 22. Mai 2000 ist die Zelle plötzlich verschwunden. Zunächst weiß niemand, was geschehen ist. Dann wird Charlie Wilcox von Tom Brokaws Redaktion bei einem Nachbarn aufgetrieben und für die NBC Nightly News interviewt. „Ich habe keine Idee, warum sie das getan haben“, brüllt der Landwirt durch eine knarzende Telefonleitung, „sie haben sich einfach die Zelle geschnappt und sind abgehauen.“
Sie, das sind die Telefongesellschaft Pacific Bell und der Mojave National Park Service, die am gleichen Tag eine gemeinsame Erklärung herausgeben. Der „wachsende Verkehr“ zum Telefon habe derart „negative Auswirkungen auf die Umwelt“ gehabt, dass die Schließung unvermeidlich gewesen sei, heißt es dort lapidar. Eine Zeitschrift aus Los Angeles erklärt die Zelle daraufhin zum „Opfer des Webs“. »USA Today« meldet: „World´s loneliest pay phone will ring no more.“
Während Daniels´ Anhänger die Senatoren, Kongressabgeordnete, Pacific Bell und den National Park Service mit Protest-Mails traktieren, ist in Baker, Kalifornien, wieder Ruhe eingekehrt. Charlie Wilcox hat seine Popularität und den Anschluss an die Welt verloren. Lorene Crawford vertreibt auf ihrer Site T-Shirts und Baseballkappen mit dem Aufdruck „mojave-phone-booth.com“. Draußen in der Wüste erinnern ein paar Kabel und ein versandetes Betonfundament an den Aufstieg und Fall einer einfachen Telefonzelle.
Übrigens funktioniert die Nummer (001) 760-733-9969 wieder. Heute klingelt es genau dreimal, bis sich eine freundliche Frauenstimme meldet. Aber es ist nicht Lorene Crawford.____ //

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Happy End:

...und noch ein klein wenig Musi für Zwergnase

 
24.03.02 16:01
www.hellan.de/my_way.mid>
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