US-Aktien wirken nach dem deutlichen Rückgang der Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) auf den ersten Blick günstiger, doch eine tiefere Analyse zeigt: Der Markt ist nach wie vor ambitioniert bewertet. Ein Beitrag auf Seeking Alpha untersucht, welche Bewertungskennzahlen seit 2021 gefallen sind – und warum dies Anlegern ein trügerisches Sicherheitsgefühl vermitteln kann.
Bewertung seit 2021: Oberflächlich entspannter, strukturell hoch
Seit 2021 sind „a handful of valuation metrics have significantly dropped". Dazu zählen insbesondere einige der geläufigsten Bewertungskennziffern, die institutionelle und private Investoren regelmäßig heranziehen. Die absolute Höhe der Bewertungen ist jedoch weiterhin über dem langfristigen Durchschnitt, und in der historischen Einordnung bleibt das Niveau „elevated".
Der Beitrag auf Seeking Alpha stellt heraus, dass die reinen Kennziffern zwar eine Entspannung signalisieren, die tatsächliche Marktbewertung aber stärker im Kontext des Zinsumfelds, der Gewinnqualität und der konjunkturellen Risiken interpretiert werden muss. Die Kernbotschaft: Gefallene Multiples bedeuten nicht automatisch ein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis.
KGV und klassische Multiples: Rückgang mit begrenzter Aussagekraft
Zu den Kennzahlen, die seit 2021 „have significantly dropped", gehört das einfache Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der erwarteten Gewinne der nächsten zwölf Monate. Der Beitrag verweist darauf, dass dieser Rückgang zum Teil einer Normalisierung extremer Bewertungen nach dem Liquiditätsboom der Pandemiejahre geschuldet ist. Dennoch liegen die aktuellen KGVs über den historischen Mittelwerten, insbesondere im Vergleich zu Phasen mit ähnlichem Zinsniveau.
Hinzu kommt der Einfluss stark gestiegener Gewinnerwartungen in einzelnen Sektoren. Die Autorin des Beitrags auf Seeking Alpha betont, dass ein niedrigeres KGV, das auf optimistischen Gewinnschätzungen beruht, eine scheinbare Unterbewertung suggerieren kann. Werden diese Erwartungen nicht erfüllt, passt sich die Kennzahl oft abrupt nach oben an – nicht weil der Kurs steigt, sondern weil die Gewinnbasis einbricht.
Alternative Bewertungsansätze: CAPE, Marktkapitalisierung und weitere Indikatoren
Der Beitrag analysiert außerdem längerfristige Bewertungsmaßstäbe. Dazu zählt insbesondere das zyklisch adjustierte KGV (CAPE), das auf geglätteten Unternehmensgewinnen über einen mehrjährigen Zeitraum basiert. Dieses CAPE-Ratio ist im Vergleich zu 2021 gesunken, bleibt aber historisch betrachtet auf einem erhöhten Niveau, das in der Vergangenheit häufig mit unterdurchschnittlichen Renditen über die folgenden Jahre korreliert war.
Ebenfalls betrachtet wird das Verhältnis der gesamten Marktkapitalisierung zur Wirtschaftsleistung (ein Markt-BIP-Indikator). Auch hier zeigt sich ein Rückgang gegenüber den Extremständen der vergangenen Jahre, aber keine Rückkehr in Bereiche, die man als klar günstig bezeichnen könnte. Die Kombination aus hohen Assetpreisen und nur moderat wachsenden realen Unternehmensgewinnen stützt die Einschätzung, dass der Markt insgesamt noch nicht „billig" ist.
Zinsumfeld und Risikoaufschläge
Eine zentrale Rolle in der Bewertung spielt das Zinsumfeld. Seekings Alpha weist darauf hin, dass die Risikoprämien für Aktien gegenüber Staatsanleihen trotz der Korrektur bei den Multiples nicht außergewöhnlich hoch sind. Mit anderen Worten: Der zusätzliche Ertrag, den Investoren für das Halten von Aktien im Vergleich zu sicheren Anleihen erwarten können, wirkt im historischen Vergleich nicht besonders attraktiv.
Der Beitrag hebt hervor, dass der Bewertungsrahmen der vergangenen Dekade stark von Null- und Negativzinsen geprägt war. In einem Umfeld höherer Zinsen müssten Aktienbewertungen tendenziell niedriger liegen, um das zusätzliche Risiko angemessen zu kompensieren. Die Tatsache, dass die Bewertungskennziffern trotz gestiegener Zinsen weiterhin über ihren historischen Durchschnitten liegen, ist ein zentraler Grund, warum der Markt noch immer als überbewertet eingestuft wird.
Gewinnqualität und Margenrisiken
Ein weiterer Aspekt ist die Qualität der Unternehmensgewinne. Die Margen vieler Unternehmen lagen in den letzten Jahren auf Rekordniveaus. Der Beitrag auf Seeking Alpha weist darauf hin, dass ein Teil dieser Entwicklung auf Sondereffekte wie fiskalische Stimuli, temporäre Angebotsengpässe und Nachholeffekte nach der Pandemie zurückzuführen war.
Für eine nachhaltige Bewertung müssten Investoren prüfen, wie belastbar diese Margen in einem Umfeld normalisierter Nachfrage, höherer Zinsen und potenziell steigender Lohnkosten sind. Sollten sich die Margen zurückbilden, dürften Gewinnschätzungen nach unten angepasst werden. Dies hätte direkten Einfluss auf KGV, CAPE und andere gewinnbasierte Kennzahlen – und könnte die aktuelle Bewertungsniveau als noch ambitionierter erscheinen lassen.
Sektorale Verzerrungen und Marktkonzentration
Der Beitrag thematisiert zudem die starke Sektor- und Titelkonzentration der Indizes. Ein relativ kleiner Kreis großkapitalisierter Wachstumswerte trägt einen überproportionalen Teil zur Indexperformance und zur Gesamtbewertung bei. Diese Konzentration lässt Aggregate wie das durchschnittliche KGV oder die Marktkapitalisierungsquote höher erscheinen, als es ein breiter, gleichgewichteter Markt widerspiegeln würde.
Gleichzeitig bedeutet die Konzentration, dass Indexinvestoren stark von der Bewertung und den Zukunftserwartungen weniger großer Titel abhängig sind. Selbst wenn Teile des Marktes bereits „vernünftig" oder sogar günstig bewertet sind, kann die Überbewertung einzelner Schwergewichte das Gesamtniveau signifikant beeinflussen.
Implikationen für die erwartete Rendite
Die zentrale Schlussfolgerung des Beitrags auf Seeking Alpha ist, dass die Kombination aus:
- gesunkenen, aber weiterhin erhöhten Bewertungskennzahlen,
- einem deutlich restriktiveren Zinsumfeld,
- fragiler Gewinnqualität und potenziell rückläufigen Margen
- sowie hoher Marktkonzentration
darauf hindeutet, dass die langfristig zu erwartenden Renditen aus dem aktuellen Bewertungsniveau heraus eher moderat sein dürften. Die historische Erfahrung legt nahe, dass Phasen überdurchschnittlich hoher Bewertungen häufig von zukünftigen Renditen begleitet werden, die unter den langfristigen Mittelwerten liegen.
Fazit: Handlungsperspektive für konservative Anleger
Für konservative Anleger bedeutet diese Analyse: Die gesunkenen KGVs seit 2021 sind kein Freibrief zur aggressiven Risikoaufnahme. Wer Kapitalerhalt und planbare Erträge priorisiert, könnte die Aktienquote diszipliniert gewichten, Qualitätswerte mit soliden Bilanzen und nachhaltigen Cashflows bevorzugen und Klumpenrisiken in stark überbewerteten Segmenten reduzieren. Eine schrittweise, statt sofortige Aufstockung von Aktienengagements sowie eine bewusste Beimischung defensiver Sektoren und liquider Anleihepositionen kann helfen, das Bewertungs- und Zinsrisiko besser zu steuern, ohne vollständig auf die langfristigen Renditechancen des Aktienmarkts zu verzichten.