Der US-Aktienmarkt bleibt nach dem Crestmont-P/E-Modell klar überbewertet, auch wenn sich der Übertreibungsgrad zuletzt leicht reduziert hat. Die jüngste Aktualisierung der Bewertungskennzahlen zeigt, dass selbst unter Berücksichtigung niedriger Zinsen und stabiler Inflation das Kursniveau deutlich über dem historischen Normbereich liegt.
Aktuelle Marktbewertung im Crestmont-Modell
Die Auswertung auf Basis der von Crestmont Research entwickelten Methodik, wie sie auf Seeking Alpha dargestellt wird, nutzt ein zyklisch adjustiertes Kurs-Gewinn-Verhältnis (Crestmont P/E), das mit geglätteten Gewinnen arbeitet. Dieses soll die Verzerrungen konjunktureller Spitzen und Täler reduzieren und ein strukturelles Bild der Marktbewertung liefern.
Das Crestmont P/E liegt aktuell deutlich oberhalb seines langfristigen Durchschnitts und signalisiert damit eine substanzielle Überbewertung des S&P 500. Der Indikator ordnet das heutige Bewertungsniveau in das oberste historische Perzentil ein, vergleichbar mit früheren Phasen ausgeprägter Hausse-Exzesse. Die Abweichung vom Mittelwert bleibt signifikant, auch wenn sie gegenüber den Extremwerten vergangener Monate geringfügig abgenommen hat.
Methodik: Geglättete Gewinne statt zyklischer Schwankungen
Im Unterschied zum klassischen, auf den letzten zwölf Monaten basierenden KGV nutzt das Crestmont-P/E-Modell ein langfristig geglättetes Gewinnniveau. Die Berechnung basiert auf inflationsbereinigten, normalisierten Unternehmensgewinnen, die über mehrere Jahre gemittelt werden. Ziel ist es, die „wahre“ Ertragskraft der Unternehmen in Relation zur aktuellen Marktkapitalisierung abzubilden.
Seeking Alpha verweist darauf, dass diese Konstruktion ähnlich wie das bekannte Shiller-CAPE funktioniert, jedoch mit einem spezifischen Fokus auf eine stabilisierte Gewinnbasis. Damit sollen außergewöhnliche Boom- oder Krisenjahre weniger stark ins Gewicht fallen. Gleichzeitig erlaubt die Kennziffer, extreme Bewertungsniveaus historisch zu verorten und mit früheren Zyklen zu vergleichen.
Historische Einordnung und Bewertungsbandbreiten
Die historische Zeitreihe zeigt, dass das Crestmont P/E in Phasen ausgeprägter Bullenmärkte immer wieder in überhöhte Bewertungszonen vorgedrungen ist. Diese Zonen lagen deutlich über dem langfristigen Mittelwert und korrelierten häufig mit anschließenden Perioden unterdurchschnittlicher Renditen. Die aktuelle Position des Indikators befindet sich in einem Bereich, der in der Vergangenheit selten erreicht wurde.
Gleichzeitig macht die Auswertung deutlich, dass Bewertungsanomalien über längere Zeiträume bestehen können. Übertreibungsphasen lösen sich nicht zwingend kurzfristig auf, sondern können sich über mehrere Jahre strecken. Die historische Spannbreite zwischen Tief- und Hochbewertungen verweist auf ein erhebliches Potenzial sowohl für Mean Reversion als auch für anhaltende Divergenzen.
Makro-Umfeld: Zinsen, Inflation und Risikoprämien
Die aktuelle Überbewertung ist vor dem Hintergrund eines veränderten Zinsumfelds zu betrachten. Die Phase extrem niedriger Leitzinsen und Renditen an den Anleihemärkten hat die Bewertung von Risikoanlagen strukturell angehoben. Selbst bei moderater Straffung der Geldpolitik verweilen die Bewertungskennzahlen auf einem erhöhten Plateau.
Das Crestmont-Modell deutet darauf hin, dass ein erheblicher Teil der gestiegenen Multiples auf die komprimierte Eigenkapitalrisikoprämie zurückzuführen ist. Bei stabiler Inflation und nur graduell steigenden Realzinsen bleibt die relative Attraktivität von Aktien im Vergleich zu Anleihen zwar hoch, gleichzeitig nimmt der Puffer gegenüber unerwarteten Schocks ab. Dies erhöht die Sensitivität der Kurse gegenüber Veränderungen in Gewinnschätzungen und Makrodaten.
Ertragserwartungen und zukünftige Renditen
Die Analyse auf Seeking Alpha betont den Zusammenhang zwischen Ausgangsbewertung und langfristiger Renditeperspektive. Hohe Ausgangs-KGVs, insbesondere im oberen historischen Perzentil, gingen in der Vergangenheit häufig mit gedämpften realen Renditen über nachfolgende 10- bis 12-Jahres-Perioden einher. Das aktuelle Crestmont P/E impliziert demnach ein reduziertes Renditepotenzial.
Während kurzfristige Kursentwicklungen stark von Liquidität, Sentiment und taktischen Faktoren abhängen, wird der langfristige Ertrag maßgeblich durch die heutige Bewertung determiniert. Der Indikator signalisiert, dass die risikoadjustierten Ertragserwartungen für breit diversifizierte US-Aktienportfolios im Vergleich zu historischen Durchschnittswerten eher unterdurchschnittlich ausfallen dürften.
Risiken einer Bewertungsnormalisierung
Eine Rückkehr des Crestmont P/E in Richtung seines historischen Mittelwertes könnte sowohl über Gewinnwachstum als auch über Kursrückgänge erfolgen. In einem Szenario moderaten Gewinnwachstums und nur langsam steigender Unternehmensgewinne wäre eine rein gewinnseitige Normalisierung sehr langwierig. Eine beschleunigte Anpassung würde typischerweise mit einer Korrekturphase an den Aktienmärkten einhergehen.
Die Analyse verdeutlicht, dass Bewertungsrisiken nicht zwangsläufig zu einem abrupten Bärenmarkt führen müssen. Eine jahrelange Seitwärtsphase mit erhöhter Volatilität und realem Renditeverfall ist ebenso möglich. Gleichwohl bleibt das asymmetrische Risikoprofil auffällig: Das Potenzial für weitere Multiple-Expansion erscheint begrenzt, während die Gefahr einer späteren Korrektur durch die hohe Ausgangsbewertung erhöht ist.
Implikationen für die Portfolioallokation
Für die strategische Asset Allocation liefert das Crestmont P/E ein Signal für zurückhaltende Renditeerwartungen bei US-Aktien. Ein hohes Bewertungsniveau spricht für eine konservative Kalibrierung der Aktienquote im Gesamtvermögen, insbesondere bei investoren mit begrenztem Zeithorizont bis zum Ruhestand. Die Kennzahl legt nahe, Bewertungsrisiken bewusst in die Risikoanalyse und in das Rebalancing einzubeziehen.
Die Analyse auf Seeking Alpha unterstreicht, dass Bewertungskennziffern wie das Crestmont P/E nicht als Timing-Instrument, sondern als strategischer Orientierungsrahmen zu verstehen sind. Kurzfristige Marktbewegungen bleiben unberechenbar, die Ausgangsbewertung ist jedoch ein zentraler Treiber der langfristigen Renditeverteilung.
Fazit: Handlungsmöglichkeiten für konservative Anleger
Für konservative Anleger, die sich an der Börse primär am Kapitalerhalt und an planbaren Ertragsströmen orientieren, spricht das hohe Crestmont P/E für erhöhte Vorsicht. Eine mögliche Reaktion könnte darin bestehen, die Aktienquote im US-Markt nicht weiter auszubauen, Gewinne in überbewerteten Segmenten schrittweise zu realisieren und das Risiko über eine breitere Diversifikation zu streuen.
Denkbar ist eine verstärkte Gewichtung qualitativ hochwertiger, cashflow-starker Unternehmen mit soliden Bilanzen sowie eine Beimischung defensiver Sektoren. Ergänzend kommen Anlagen mit stabilen Ausschüttungen in Betracht, um die Abhängigkeit von reinen Kursgewinnen zu reduzieren. Wer einen längeren Anlagehorizont hat, kann investiert bleiben, sollte jedoch die Erwartungshaltung an künftige Renditen dämpfen und regelmäßiges Rebalancing als Instrument des Risikomanagements nutzen.