Nur noch wenig Hoffnung für die WCMWie der Hamburger Investor Karl Ehlerding die Firma zum Erfolg führte - und dann in die Krise.Von Volker MesterHamburg - Für die Beteiligungsgesellschaft WCM, deren Name einst für spektakuläre Übernahmen stand, geht es jetzt nur noch ums Verkaufen: Bis zum 27. November haben das Unternehmen und sein früherer Großaktionär Karl Ehlerding Zeit, für 68 Prozent der Anteile am Duisburger Maschinenbauer Klöckner-Werke einen Investor zu finden.
Dies ist die einzige nennenswerte Beteiligung, die der WCM noch verblieben ist. Doch der Verkauf ist unumgänglich geworden, nachdem der wichtigste Geldgeber, die HSH Nordbank, einen Kredit über 200 Millionen Euro gekündigt hat. Gelingt es der Frankfurter Holding nicht, selbst einen Käufer für die Klöckner-Werke an die Hand zu bekommen, dann würde die Landesbank die Aktien, die ihr als Sicherheit für den Kredit dienen, versteigern.
Zwar steht die WCM, wie es gestern gegenüber dem Abendblatt hieß, in Gesprächen mit potenziellen Käufern für die Industriebeteiligung. Doch selbst wenn es kurzfristig einen Abschluss geben sollte, dürfte es für WCM "richtig eng" werden, meint Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz: "Die Aktien der Klöckner-Werke sollen zu einem Wert in der WCM-Bilanz stehen, der deutlich über ihrem aktuellen Börsenkurs liegt." Damit könnte der Verkauf einen empfindlichen Verlust bringen. Auch die Aktionäre von WCM haben offenbar nicht mehr viel Hoffnung: Das gesamte Unternehmen war gestern an der Börse nur noch 28 Millionen Euro wert - zu seinen Glanzzeiten, Anfang des Jahres 2000, waren es einmal knapp sieben Milliarden Euro.
Sowohl der kometenhafte Aufstieg in den 90er-Jahren wie auch der seit 2001 anhaltende Niedergang sind eng verbunden mit dem Namen des Investors Karl Ehlerding, der weiter dem Aufsichtsrat angehört. Der Wahl-Hamburger hatte 1986 den Börsenmantel der 1766 gegründeten Württembergischen Cattunmanufactur - abgekürzt WCM - gekauft und fortan als Vehikel für Finanztransaktionen genutzt.
Ein goldenes Händchen für Spekulationen hatte Ehlerding schon früh bewiesen: Noch als Schüler investierte er geerbte 3200 Mark in VW-Anteilsscheine und verkaufte die Papiere später für ein Mehrfaches des Kaufpreises. "Die Aktie ist mein Hobby", sagte Ehlerding einmal über sich selbst - doch dabei blieb es nicht.
Seine ersten großen Erfolge waren allerdings Immobiliengeschäfte: Ehlerding übernahm kommunale Wohnungsgesellschaften und sanierte sie, um die Bestände später mit Gewinn wieder abzugeben. Bis zu 70 000 Wohnungen gehörten ihm. Dieses Modell übertrug er auf Unternehmen - etwa auf die Spar-Handels AG, die er 1995 zusammen mit anderen Investoren erwarb und nicht lange danach erheblich teurer an die französische Intermarché verkaufte. Sein Riecher für Geschäfte zahlte sich auch für ihn persönlich aus: Mit einem Privatvermögen in Milliardenhöhe zählte der Sohn eines Krabbenfischers zeitweise zu den reichsten Deutschen. Ehlerding und seiner Ehefrau sowie den beiden Söhnen gehörten bis zu zwei Drittel der WCM-Aktien. Von 40 Finanztransaktionen seien "nur zwei wirklich schiefgegangen", sagte Roland Flach, bis vor wenigen Tagen Vorstandschef von WCM. Doch von diesen beiden Deals hat sich das Unternehmen nie wieder erholt. Es begann 1999: Eine Investorengruppe um Ehlerding sowie die WCM erwerben an der Börse bis zu knapp 20 Prozent der Commerzbank - auf Kredit. Man will die Papiere mit Gewinn an ausländische Geldhäuser, die am deutschen Bankenmarkt interessiert sind, weiterverkaufen. Doch dazu kommt es nicht, stattdessen setzt die Börsenbaisse ein. "Ehlerding hat sich mehr Macht zugetraut als er wirklich hatte", sagt Klaus Schneider, Vorstandsvorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger.
Auch beim Bonner Immobilienkonzern IVG verspekuliert man sich. Ende 2001 steigt die WCM über eine verschachtelte Holdingstruktur dort ein. Doch es gelingt nicht, die Kontrolle über das Unternehmen zu bekommen, die Rechnung geht nicht auf.
"Ehlerding hat hoch gepokert und verloren", urteilt Schneider. Ende 2003 steht die WCM mit 2,4 Milliarden Euro bei den Banken in der Kreide. Zur Sanierung seiner persönlichen Finanzen muss Ehlerding einen großen Teil seiner WCM-Aktien verkaufen, keines der Familienmitglieder hält noch mehr als fünf Prozent am Unternehmen.
Dass Finanzinvestoren wie die US-amerikanische Cerberus nun zu den aussichtsreichsten Kaufinteressenten für die letzte wichtige WCM-Industriebeteiligung gehören, enthält eine bittere Ironie, war doch WCM in Deutschland ein Vorreiter der angelsächsischen Firmenhändler. Doch eines unterschied die Frankfurter immer von diesen Beteiligungsfonds, meint Schneider: "Es gab keine vernünftige Risikostreuung." So vollendet sich mit dem bevorstehenden Verkauf der Klöckner-Werke nun die jüngere Geschichte von WCM: Sie wird wieder zu dem, was sie einmal war - ein leerer Börsenmantel.
erschienen am 1. November 2006 im
www.abendblatt.de/daten/2006/11/01/632660.html