VDI nachrichten, 21.2.2003
Nach Schätzungen der amerikanischen Bundesumweltbehörde EPA müssen US-Kommunen in den nächsten 20 Jahren rund 150 Mrd. Dollar investieren, um ihre Wasserversorgung zu sanieren. Europäische Versorger beginnen, sich in den USA in die Infrastruktur einzukaufen. Doch es regt sich Widerstand.
Nicht nur in Europa, sondern auch in den USA leiden immer mehr Städte und Kommunen unter Geldmangel. Auch für amerikanische Bürgermeister ist es deshalb nahe liegend, städtische Versorgungseinrichtungen oder zumindest deren Wartung und Betrieb an private Dienstleister zu übertragen.
Nach der weitgehenden Deregulierung des amerikanischen Energiemarktes Anfang der Neunziger Jahre ist nun die Privatisierung der städtischen Wasserversorgungen an der Reihe. Erstaunlich ist dabei für viele Amerikaner, dass immer mehr ihrer städtischen Wasserwerke von europäischen Versorgern betrieben werden, die nicht nur in den USA, sondern auch rund um die Welt kommunale Wassersysteme unter ihre Kontrolle bringen.
Globaler Marktführer der Wasserversorger ist die französische Firma Suez Lyonnaise, die aus der einstigen Investorengruppe zum Bau des Suez-Kanals hervorgegangen war, sowie die französische Vivendi-Environment, die sich unlängst aus dem weltweit zweitgrößten Medien-Konzern Vivendi-Universal herausgelöst hat. Nummer Drei ist die deutsche RWE, die seit der Übernahme der britischen Thames Water und des amerikanischen Versorgers American Water Works in mindestens 44 Ländern der Welt Wasserwerke betreibt.
Ihre Marktdominanz in Amerika erreichten die drei Europäer erst innerhalb der letzten drei Jahre:
Suez kaufte 1999 für nur eine Milliarde Dollar den amerikanischen Versorger United Water, der unter anderem Atlanta, Milwaukee und selbst die Bundeshauptstadt Washington D.C. mit Trinkwasser versorgt.
Vivendi kaufte im selben Jahr den damals größten amerikanischen Wasserversorger US-Filter für mehr als 6 Mrd. Dollar.
Im letzten Jahr ist nun auch die deutsche RWE groß in den amerikanischen Markt eingestiegen und hat zu diesem Zweck zuerst den britischen Versorger Thames Water aufgekauft, mit dessen Hilfe sie dann für etwa 6 Mrd. Dollar den größten, noch unabhängigen amerikanischen Versorger American Water Works übernahm. RWE betreibt damit Wasserversorger in mindestens 27 US-Bundesstaaten.
Allmählich regt sich aber in den USA der Widerstand gegen die europäischen Wasser-Riesen.
Repräsentanten der Stadt Lexington, im Bundesstaat Kentucky, äußerten den Wunsch, ihr örtliches Wasserwerk von American Water Works zurückzukaufen, nachdem das Unternehmen von der RWE übernommen wurde. Als Reaktion darauf verschickte die RWE-Tochter einen Rundbrief an ihre rund 100 000 Kunden in Lexington und forderte sie auf, diese „erzwungene staatliche Übernahme“ zu bekämpfen.
Inzwischen hat sich eine Bürgerinitiative namens „Flow“ (For Local Ownership of Waterworks) gegründet, die auch vom ehemaligen Gouverneur Kentuckys, Edward T. Breathitt, unterstützt wird. „Wasserwerke in kommunalem Besitz sind sinnvoll“, so der Edward T. Breathitt und spielt dabei auch bewusst mit alten anti-deutschen Ressentiments, indem er die RWE-Kampagne als „Propaganda-Blitz“ bezeichnet.
Der wundeste Punkt für RWE ist dabei das Image der britischen Tochter Thames Water. Nach einem Bericht der BBC vom 24. Oktober letzten Jahres haben die Leitungsnetze von Thames Water in Großbritannien derart viele Lecks, dass angeblich die täglich verlorene Wassermenge den Tagesbedarf einer Stadt mit 2,5 Mio. Einwohner decken könnte. Das Unternehmen hat auch den Ruf eines notorischen Umweltverschmutzers: 1999 musste die britische Environment Agency in acht verschiedenen Fällen gegen Thames Water vorgehen, öfter als gegen jedes andere Unternehmen des Landes.
Aber auch für die Firmen Suez und Vivendi Environment wird die Expansion in den USA schwieriger als erwartet.
Die Stadt Atlanta beispielsweise kündigte im Januar ihren Vertrag mit Suez vorzeitig, da das Unternehmen nicht die versprochene Trinkwasser- und Servicequalität bereitgestellt habe.
„Nach unseren Erfahrungen halten wir es für besser, wenn die Stadt wieder selbst für ihr Wasser verantwortlich ist“, so Jack Ravan, der Leiter von Atlantas Wasser-Kommission. Der Vertrag mit Suez hatte eigentlich eine Laufzeit bis 2019.
„Viele der Wasserdienstleister haben bei ihren ursprünglichen Vertragsangeboten die tatsächlichen Betriebskosten völlig unterschätzt“, so Peter Gleick, Präsident des Pacific Institute in Oakland, einem Think-Tank, der sich mit den sicherheitspolitischen Auswirkungen von Wasserknappheit beschäftigt.
„Bei den städtisch betriebenen Wasserwerken haben sie mindestens den Vorteil, dass das kassierte Geld in der Kommune bleibt“, so Gleick, „bei privat betriebenen Wasserwerken hingegen verlassen die Profite die Kommune oder sogar das Land.“
Die ursprüngliche Bereitschaft vieler amerikanischer Kommunen, den Versprechungen supranationaler Dienstleister zu vertrauen, ist aber ebenfalls verständlich.
Nach Schätzungen der amerikanischen Bundesumweltbehörde EPA müssen die Kommunen der USA im Lauf der nächsten zwanzig Jahre rund 150 Mrd. Dollar investieren, um die marode Infrastruktur ihrer Wasserversorgung zu renovieren.
Für die Erneuerung der städtischen Abwasserreinigungssysteme der USA veranschlagt die EPA sogar 460 Mrd. Dollar. Die Idee, ein städtisches Wasserwerk lieber einem international tätigen Dienstleister mit mehr Expertise, Erfahrung und Synergien anzuvertrauen, schien auf diesem Hintergrund überzeugend.
Nachdem nun aber die amerikanischen Medien das Thema mit einiger Verspätung für sich entdecken, dürfte die weitere Expansion der Europäer im amerikanischen Wassermarkt sehr schwierig werden.
WOLFGANG HARRER