Ich habe die Telefonkonferenz zu den Halbjahreszahlen komplett gehört und danach die Meldungen der letzten zwölf Monate nebeneinandergelegt. Das Ergebnis ist unangenehmer als der Call selbst. Zum zweiten Mal dieselbe Prognosekürzung, zum zweiten Mal dieselbe Erklärung
Zweimal derselbe Vorgang
Für 2025 hatte der Vorstand mindestens 40 Prozent Umsatzwachstum bei über 20 Prozent EBIT-Marge in Aussicht gestellt. Am 17. November 2025 wurde daraus eine Spanne von 48 bis 52 Mio. Umsatz und 13 bis 16 Prozent Marge. Begründung: Verzögerungen bei internationalen Regierungsaufträgen und ausstehende Folgeaufträge. Geworden sind es am Ende 48,5 Mio. bei 14,4 Prozent.
Für 2026 hatte der Vorstand 75 bis 95 Mio. Umsatz bei mindestens 15 Prozent Marge in Aussicht gestellt. Am 17. August 2026 wurde daraus eine Spanne von 56 bis 61 Mio. und 8 bis 12 Prozent. Begründung: verschleppte öffentliche Beschaffungs-, Genehmigungs- und Abnahmeprozesse bei internationalen Rüstungsprojekten. Die Aktie verlor an dem Tag rund 19 Prozent.
Neun Monate Abstand, dieselbe Ursache, und beide Male landet die gekappte Prognose bei exakt 15 bis 25 Prozent Wachstum. Das ist kein Zufall mehr, das ist ein Muster.
Der Punkt, an dem es für mich kippt, ist aber ein anderer. Die Ad-hoc vom 17. November 2025 trug den Titel "Anpassung der Prognose für das Geschäftsjahr 2025 – Mittelfristprognose bestätigt". Der Vorstand hat also, während er die kurzfristigen Zahlen einsammelte, die 140 Mio. Umsatz und 40 Mio. EBIT für 2027 ausdrücklich noch einmal bekräftigt. Neun Monate später sind genau diese Ziele gestrichen. Wer im November eine Mittelfristprognose bestätigt, die im August nicht mehr existiert, hat sie im November nicht geprüft, sondern benutzt.
Die Halbjahreszahlen
Umsatz 22,8 Mio. Euro nach 23,1 Mio. im Vorjahreszeitraum, also leicht rückläufig. Bereinigtes EBIT 0,1 Mio. nach 3,4 Mio. Cash von 7,3 auf 0,3 Mio. Euro. Operativer Cashflow minus 4,7 Mio., im Wesentlichen Vorräte. Rund 10 Mio. geplanter Umsatz wurden nicht realisiert, genannt wurden K2 für Polen, Siemens-APUs mit skandinavischem Endkunden und ein Engineering-Projekt in Indien.
Dem CFO ist zugutezuhalten, dass er die Ursachen offen benennt. Der Margeneinbruch kommt aus dem Mix, 2025 lief über margenstarke Lizenz- und Verteidigungsprojekte, 2026 über Marinemotoren. Auch die Cashflow-Brücke legt er sauber offen. Der Teil des Calls war in Ordnung.
Die neue Prognose wird als konservativ verkauft und rechnet sich nicht
56 bis 61 Mio. für das Gesamtjahr, minus 22,8 Mio. aus dem ersten Halbjahr, ergibt 33 bis 38 Mio. für das zweite.
Bei der Marge wird es unangenehm. 8 bis 12 Prozent aufs Gesamtjahr sind rund 4,5 bis 7,3 Mio. EBIT. Im ersten Halbjahr kamen 0,1 Mio. zusammen. Das zweite Halbjahr muss damit praktisch das gesamte Jahresergebnis liefern, rechnerisch bei einer Marge von etwa 12 bis 19 Prozent. Das läge über allem, was das Unternehmen in diesem Jahr gezeigt hat, und in Teilen über der Marge, die es im Rekordjahr 2025 erreicht hat. Der CEO nennt die Prognose im Call mehrfach konservativ. Zur Marge sagt er kein Wort.
Die einzige Rechnung, die er zur Untermauerung vorträgt, geht nicht auf. Sinngemäß: Das untere Ende sei allein aus dem H1-Umsatz plus dem Auftragsbestand von 32 Mio. für H2 zu erreichen. 22,8 plus 32 sind 54,8 Mio. Die Untergrenze der eigenen Prognose liegt bei 56 Mio.
Nach zwei Prognosekürzungen mit identischer Begründung wäre der Nachweis fällig gewesen, warum diesmal keine dritte folgt. Der Nachweis fehlt.
Aus einer Ausschreibung wird binnen einer Stunde ein Auftrag
Zu Beginn der Präsentation sagt der CEO, Steyr Motors sei in der offiziellen Ausschreibung der US Navy namentlich genannt, ein Steyr-Motor solle in den knapp 500 Booten verbaut werden. Korrekt und für sich genommen eine gute Nachricht.
Zehn Minuten später wird daraus "the receipt of a US order to equip almost 500 Navy SEAL boats". Am Ende des Calls heißt es "the order from the US Navy Seals". Und als der Analyst von Oddo BHF fragt, ob die 500 Boote im Auftragsbestand stehen, lautet die Antwort ja.
Der Auftragsbestand ist die Kennzahl, mit der dieses Unternehmen seine gesamte Bewertung begründet, gerade jetzt, wo die laufenden Zahlen nichts hergeben. Was hineinzählt, ist damit die wichtigste Frage überhaupt. Von 310 Mio. bis 2030 sind nach Aussage im Call rund 200 Mio. kontrahiert und mit festen Abrufen. Ein Drittel ist Forecast. Diese Aufschlüsselung kam nicht in der Präsentation, sondern erst auf ausdrückliche Nachfrage von Lucas Spang.
Konkret ist ein Wort, keine Zahl
"Concrete negotiations with concrete customers" fällt in dieser Präsentation so oft, dass ich mitgezählt habe. Jeweils mindestens 1.000 USV-Motoren, mindestens 1.000 M12-Generatoren, Produktionsstart 2027.
Dann fragt Oddo BHF nach Stückzahlen. Antwort: ein paar hundert bis 2.000 insgesamt, man sei nicht in der Lage, eine konkrete Zahl zu nennen. Faktor zehn Spannweite und ein ausdrückliches Eingeständnis, dass keine Zahl vorliegt, unmittelbar nachdem zwanzig Minuten lang das Wort konkret als Betonungsmittel gedient hat.
Genau so klangen die Erklärungen im November 2025 auch. Verschoben, nicht verloren, Nachfrage intakt, Story unverändert. Man kann das zweimal glauben. Beim dritten Mal sollte man Zahlen sehen wollen.
Die 20 Mio., die stillschweigend die Brücke wechseln
In der Umsatzbrücke auf 141,3 Mio. für 2029 stecken 20 Mio. aus geplanten Zukäufen. Die früher kommunizierte Planung war rein organisch. Spang fragt zweimal nach, ob die 20 Mio. nicht obendrauf gehörten. Die Antwort bleibt beim Satz, es sei Teil der Brücke.
Ein Ziel, das ohnehin um ein bis zwei Jahre nach hinten rutscht, wird also zusätzlich um einen anorganischen Block verwässert, ohne dass das benannt wird. Wie 20 Mio. zugekaufter Umsatz bei 0,3 Mio. Kassenbestand und einem gerade erst aufgenommenen Vier-Millionen-Darlehen finanziert werden sollen, kam nicht zur Sprache.
Die härteste Frage kam nicht von einem Analysten
Der Journalist der APA fragt nach dem Cash-Verfall von 7,3 auf 0,3 Mio. und danach, ob diese Lage den M12-Hochlauf begrenzt. Die Antwort wiederholt die bekannte Herleitung und endet bei Flexibilität. Keine Zahl zur revolvierenden Linie, keine zur Ausnutzung, keine zum Factoringvolumen, nichts zu Covenants. Der zweite Teil der Frage blieb unbeantwortet.
Mein Fazit
Storniert wurde nach Aussage des Vorstands kein Projekt, und die Nachfrage ist vermutlich da. Darum geht es mir nicht.
Es geht darum, dass dieses Unternehmen zum zweiten Mal innerhalb von neun Monaten eine selbst gesetzte Zahl kassiert, beide Male mit derselben Begründung, und dass die Mittelfristprognose, die bei der ersten Kürzung ausdrücklich bestätigt wurde, bei der zweiten ersatzlos verschwindet. Wer so kommuniziert, hat kein Prognoseproblem, sondern ein Prüfungsproblem: Die Zahlen werden veröffentlicht, bevor jemand sie ernsthaft gegen die eigenen Abrufe gerechnet hat.
Der Call hat daran nichts geändert. Zwischen kontrahiert, verhandelt und erhofft wird sprachlich nicht getrennt, in einem Fall wandert eine Position im Lauf einer Stunde von der einen in die andere Kategorie, und die einzige nachrechenbare Aussage zur neuen Guidance geht um eine Million nicht auf.
Ich weiß nach 58 Minuten immer noch nicht, woher die Marge des zweiten Halbjahrs kommen soll und wie ein Hochlauf ab 2027 bezahlt wird. Was ich weiß: Wenn im November wieder eine Ad-hoc kommt, wird darin stehen, dass sich Beschaffungsprozesse verzögert haben.
Keine Anlageberatung. Zahlen aus dem Earnings Call vom 19. August 2026, den Ad-hoc-Meldungen vom 17. November 2025 und 17. August 2026 sowie der Berichterstattung dazu.