Von John Dorfman

05. August 2004 Das richtige Timing ist alles an der Börse. Und wenn man es perfekt hinbekommt, hat es vermutlich mit Glück zu tun. Mein Fluch, wie der vieler anderer Investoren, die auf werthaltige Aktien setzen, ist es, daß ich zu früh kaufe. In diesem Jahr setzte ich als Schnäppchenjäger beispielsweise zu früh auf Atlantic Coast Airlines Holdings Inc.. Das Unternehmen firmiert jetzt unter FLYi Inc. - und ich sitze bei dieser Position auf Verlusten.
Eine Mittel, um Frustrationen dieser Art zu vermeiden, ist es, so lange nicht auf Schnäppchenjagd zu gehen, wie es nicht nach einem Ende der fallenden Kurse bei den ausgewählten Aktien aussieht. Dieser Idee folgend, erstelle ich zwei Mal im Jahr ein Portfolio aus Aktien, die sowohl werthaltig erscheinen als auch Kursschwung aufweisen.
Sehr gute Bilanz bisher
Bisher gibt es neun Versuche mit einem Portfolio nach diesem Strickmuster. Alle diese Depots haben es seit ihrer Auflage bis zum Stichtag 3. August 2004 zu Gewinnen gebracht. In acht von neun Fällen ist es sogar gelungen, den S&P 500-Index zu schlagen. Der dabei erzielte Vorsprung beläuft sich auf im Schnitt 49 Prozentpunkte.
Dieses Mal ist meine Wahl auf folgende fünf Aktien gefallen: Seaboard Corp., ConocoPhillips, Helen of Troy Ltd., Ryerson Tull Inc. und Adolph Coors Co.. Alle diese Titel weisen ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter 15 auf und sind in diesem Jahr in einem trägen Gesamtmarkt bereits um mindestens 17 Prozent gestiegen.
Kandidat 1: Seaboard Corp.
Bei Seaboard Corp. handelt es sich um ein familiengeführtes Unternehmen mit Sitz in Merriam, Kansas. Die Gesellschaft betreibt Schweinemastfarmen sowie Mühlen (Kaffee und Zucker), ist in der
Seeschifffahrt tätig und erzeugt im Ausland Energie. Erstmals habe ich diesen Titel im April 2002 zu 300 Dollar empfohlen. Innerhalb eines Jahres ist der Kurs danach auf 200 Dollar gefallen, hat sich dann aber wieder erholt und ist auf 539 Dollar gestiegen.
Obwohl der Wert in diesem Jahr schon um 89 Prozent gestiegen ist, weisen sie nur ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von neun, ein Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) von 1,2 und ein Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) von 0,3 auf. Allerdings muß man sich hier als Anleger auf volatile Kursausschläge einstellen. So wurde ich im Bärenmarkt 2002 aus dem Titel herausgeschüttelt, was ich heute bereue.
Kandidat 2: ConocoPhilipps
Mein zweiter Favorit ist das aus Houston, Texas, stammende Unternehmen ConocoPhilipps. Dabei handelt es sich um die drittgrößte amerikanische Energiegesellschaft. Die Aktie ist in diesem Jahr bisher um 17 Prozent gestiegen und hat ein KGV von neun, ein KBV von 1,5 und ein KUV von 0,5 zu bieten.
Dem aktuellen KGV von neun steht ein in den vergangenen sechs Jahren durchschnittliches KGV von 17 gegenüber. Diese Diskrepanz dürfte damit zu erklären sein, daß die Anleger offenbar davon ausgehen, daß der in den vergangenen vier Quartalen erzielte Gewinn von 8,44 Dollar nicht wiederholbar ist. Bei einem Ölpreis von über 44 Dollar je Barrel kann ich diese Bedenken nachvollziehen, meine aber, daß sie unberechtigt sind. Denn ConocoPhilipps ist nur teilweise in der Exploration und der Produktion tätig und sollte sich deshalb selbst bei einem fallenden Ölpreis gut schlagen können.
Kandidat 3: Helen of Troy Ltd.
Der dritte Titel, Helen of Troy, mit Sitz in El Paso, Texas, stellt zahlreiche Produkte wie Haartrockner, Bügeleisen, Frauen-Rasierer, Haarbürsten und Kämme sowie Spiegel her. In den vergangenen zehn Jahren ist es der Firmen gelungen, den Umsatz von 123 auf 475 Millionen Dollar zu steigern. Gleichzeitig ist der Gewinn in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt um 16 Prozent gestiegen. Nach einem Kursplus von bisher 33 Prozent in diesem Jahr beträgt das KGV vierzehn und das KUV 1,8. Die Schulden machen nur 15 Prozent vom Eigenkapital aus.
Kandidat 4: Ryerson Tull Inc.
Portfolio-Vertreter Ryerson Tull Inc., die sich Chicago Home nennen, ist ein Dienstleistungszentrum für Metalle. Man kauft Metalle vom Hersteller und verkauft sie an Baufirmen oder Produzenten. Der Titel ist zwar schon um 32 Prozent gestiegen in diesem Jahr, aber ich glaube, daß der Titel noch weitaus mehr Kurspotential beinhaltet, als die meisten Marktteilnehmer denken.
Auf Basis der fortgeführten Geschäfte ergibt sich ein KGV von vierzehn, und gemessen an den Analystenschätzungen errechnet sich ein KGV von acht. Bei einem KBV von 0,95 und einem KUV von 0,14 sieht die Aktie sehr günstig aus. Nach vier Verlustjahren rechnen Analysten hier jetzt mit einem Gewinn je Aktie von 1,80 Dollar, was das beste Ergebnis seit 1995 wäre.
Kandidat 5: Adolph Coors Co.
Meine diesmalige Favoritenliste endet mit Adolph Coors Co. mit einem Wert, den Analysten hassen. Der drittgrößte Brauer in Amerika erhält von den dreizehn Analysten, die ihn abdecken, keine einzige Kaufempfehlung. Zwölf Analysten raten dazu, die Aktie zu halten und für zwei ist der Titel sogar ein Verkauf. Eine derart schlechte Empfehlungsbilanz weist ansonsten kaum ein größerer Wert auf.
Die Anleger sorgen sich offenbar, ob die Fusion mit Molson Inc. glatt über die Bühne geht. Außerdem ist in der ganzen Branche der Bierabsatz in diesem Sommer eher schlecht gelaufen, und das führt dazu, daß die Anleger die Vorteile übersehen, die Adolph Coors zu bieten hat. So ist es dem Unternehmen in den vergangenen fünf Jahren gelungen, den Gewinn jährlich im Schnitt um 21 Prozent zu verbessern und den Umsatz um 16 Prozent. Seit 1995 ist der Gewinn jedes Jahr gestiegen. Nach einem Kursplus von 20 Prozent in diesem Jahr beträgt das KGV aber noch immer lediglich 14, das KBV 1,8 und das KUV 0,6.
John Dorman ist President von Dorfman Investments und Kolumnist für Bloomberg
Text: Bloomberg