Deutsche wenden sich von Aktien ab
Die Zahl der Aktionäre und Fondsbesitzer sinkt drastisch. Anleger suchen nach Alternativen
von Frank Stocker
Sie gehen ohne große Abschiedsworte. Ein kurzer Anruf bei der Bank genügt. Oder sie rufen nach Monaten endlich mal wieder ihr Online-Depot auf und verkaufen die Restbestände des einstigen Booms. Die Deutschen wenden sich von der Aktie ab.
Am Mittwoch musste Rüdiger von Rosen, Chef des Deutschen Aktieninstituts, eine traurige Bilanz ziehen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres ist die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland im Vergleich zum ersten Halbjahr 2003 um über eine halbe Million zurückgegangen. Dies zeigt die jüngste Infratest-Umfrage im Auftrag des Instituts. Damit hat sich innerhalb eines Jahres fast jeder fünfte Aktionär von dieser Anlageform verabschiedet.
Doch das ist nur ein Teil derWahrheit. Das ganze Ausmaß der Flucht der Anleger aus Aktien ist noch wesentlich größer. Das wird durch einen Blick auf die Geldvermögensstatistik der Deutschen Bundesbank deutlich.
Der Anteil von Aktien am Vermögen der privaten Haushalte in Deutschland lag 2003 um rund ein Viertel niedriger als noch zehn Jahre zuvor. Nicht einmal sechs Prozent ihres Besitzes haben die Menschen hier zu Lande noch in den Anteilsscheinen investiert. 1993 waren es noch knapp acht Prozent. Und damals herrschte wahrlich keine Aktieneuphorie.
Natürlich ist der Verfall der Kurse seit März 2000 ein Grund für den Rückgang des Aktienvermögens in den vergangenen Jahren. Doch 1993 pendelte der Dax erst zwischen 1500 und 2000 Punkten. Ende 2003 lag er doppelt so hoch. Selbst diejenigen, die heute noch Aktien haben, müssen also ihre Depots deutlich verkleinert haben.
Rüdiger von Rosen glaubt, dass die Entwicklung mit den Kurssteigerungen seit dem Frühjahr 2003 zu tun hat. "Bei einem Dax-Stand von über 4000 Punkten haben sich dann viele Anleger entschieden, lieber auszusteigen und Gewinne mitzunehmen", so von Rosen (siehe Interview). Gerade die Kurse der meisten Internet- und High-Tech-Werte waren seither deutlich gestiegen. Anleger, die 1999 oder 2000 in diese Aktien eingestiegen waren und zwischenzeitlich erhebliche Verluste hinnehmen mussten, stießen die Papiere nun wieder ab.
Doch angesichts der niedrigen Bewertung europäischer Aktien und der Aussicht auf ein kräftiges Wirtschaftswachstum wäre es nur logisch, würden die Deutschen nun wieder Aktien kaufen. Das tun sie aber nicht.
Wolfgang Gerke, Professor für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen, sieht daher viel weiter gehende Gründe für die aktuelle Entwicklung. "Die Enttäuschung nach dem Ende des Booms im Jahre 2000 hat dazu geführt, dass sich viele Anleger ganz von Aktien abgewendet haben", sagt er. Skandale um manipulierte Kurse, gefälschte Bilanzen und irreführende Ad-hoc-Mitteilungen taten ihr Übriges. Das Vertrauen ist nachhaltig zerstört.
Zwar hat die Bundesregierung inzwischen einiges getan, um den Anlegerschutz zu verbessern. Der Corporate Governance Kodex verschärft beispielsweise die Anforderungen an Vorstände und Aufsichtsräte. "Die Exzesse des Neuen Marktes sind trotz dieser positiven Ansätze noch lange nicht vergessen", sagt jedoch Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Und Wolfgang Gerke ist sicher, dass es "sehr lange dauern wird, enttäuschte Anleger zurückzuholen".
Keine Aussicht auf eine Trendwende also. Doch wenn sich die Deutschen von ihren Aktien trennen, worin investieren sie ihr Geld dann?
In den vergangenen Jahren profitierten eindeutig Investmentfonds. Wie die Bundesbankstatistik zeigt, haben die Deutschen heute fast doppelt so viel Geld in Fonds investiert wie vor zehn Jahren. Die Studien des Deutschen Aktieninstituts zeigen zudem, dass allein die Zahl der Besitzer von Aktienfonds heute drei Mal so hoch liegt wie 1997.
Die Fondsindustrie hat sich in den vergangenen Jahren zu einer bedeutenden Größe im Finanzsektor entwickelt. Die Zahl der Publikumsfonds und des Fondsvermögens verdreifachten sich in den vergangenen zehn Jahren.
Doch nun wenden sich die Anleger auch von den Fonds ab. Die Absatzzahlen brechen drastisch ein. Nach den jüngsten Zahlen des Bundesverbandes Investment und Asset Management (BVI) zogen die privaten Investoren in den ersten sechs Monaten diesen Jahres über 1,5 Milliarden Euro aus den Aktienfonds der deutschen Investmentgesellschaften ab. Selbst in den schlimmsten Baisse-Jahren flossen dagegen immer noch mehrere Milliarden Euro an neuen Mitteln zu.
Ein Grund dürften die hohen Kosten sein. Deutsche Aktienfonds verteuerten sich in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 20 Prozent. Rund zwei Prozent jährliche Gebühren nehmen die Anbieter heute im Schnitt von ihren Kunden. "Dieser Gebührengrundstock muss erst mal verdient werden", sagt Kai Wiecking von der Fonds-Rating-Agentur Morningstar. "Viele deutsche Anbieter kleben jedoch gleichzeitig sehr stark an ihrem Vergleichsindex", erklärt er. Die erlaubte Abweichung betrage meistens nur drei oder vier Prozent. "Da ist es schwierig, viel mehr als die Gebühren zu verdienen", so Wiecking.
Doch wenn sie das wenigstens täten. "Nur jeder sechste Fonds, der in europäische Standardwerte investiert, hat in den vergangenen zwölf Monaten seine Messlatte übersprungen", hat der Fondsexperte ausgerechnet. Auch auf Sicht von drei oder fünf Jahren sind die Ergebnisse kaum anders.
Der BVI selbst hat soeben statistisch nachgewiesen, dass Anleger, die in einen Sparplan auf weltweit anlegende Aktienfonds investieren, in den vergangenen zehn Jahren eine durchschnittliche Rendite von gerade mal 0,1 Prozent jährlich erzielten. "Überragend ist das nicht", gibt ein BVI-Sprecher zerknirscht zu.
"Das ist natürlich ein Argument für Index-Zertifikate", sagt Fondsexperte Wiecking. Und genau das finden die Anleger auch. Während den Fonds die Kunden wegrennen, explodiert der Handel mit Zertifikaten. "Der Umsatz hat sich in den vergangenen beiden Jahren vermehrfacht", sagt Dieter Lendle, Chef des Deutschen Derivate-Instituts. Genaue Statistiken dazu gibt es leider nicht. "Die Tendenz ist aber weiterhin stark steigend", so Lendle.
Allerdings machen Index-Zertifikate, die die Entwicklung eines Index genau widerspiegeln, inzwischen nur noch einen Bruchteil des Umsatzes mit Zertifikaten aus. Stattdessen dienen die Banken ihren Kunden immer kompliziertere Produkte an, von Discount- über Knock-out- bis zu Turbozertifikaten. "Die Komplexität der meisten Produkte überfordert Privatanleger deutlich", kritisiert daher Stefan Seip, Hauptgeschäftsführer des BVI, die neue Konkurrenz.
Doch Börsenprofessor Gerke glaubt das nur bedingt. Er sieht vielmehr, dass das Finanzwissen der Anleger in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist. "In meinen Vorträgen vor Privatanlegern stelle ich fest, dass heute wesentlich kompetentere Fragen gestellt werden als zu Zeiten des Börsenbooms", sagt er.
Auch der Börsengang der Postbank habe gezeigt, dass die Privatanleger kritischer geworden seien und nicht mehr alles mit sich machen ließen. "Insofern haben wir heute eigentlich eine bessere Aktienkultur als im Jahr 2000", so Gerke, "auch wenn die Zahl der Aktien- und Aktienfondsbesitzer geringer ist."
Artikel erschienen am 1. August 2004
WamS.de
Die Zahl der Aktionäre und Fondsbesitzer sinkt drastisch. Anleger suchen nach Alternativen
von Frank Stocker
Sie gehen ohne große Abschiedsworte. Ein kurzer Anruf bei der Bank genügt. Oder sie rufen nach Monaten endlich mal wieder ihr Online-Depot auf und verkaufen die Restbestände des einstigen Booms. Die Deutschen wenden sich von der Aktie ab.
Am Mittwoch musste Rüdiger von Rosen, Chef des Deutschen Aktieninstituts, eine traurige Bilanz ziehen. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres ist die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland im Vergleich zum ersten Halbjahr 2003 um über eine halbe Million zurückgegangen. Dies zeigt die jüngste Infratest-Umfrage im Auftrag des Instituts. Damit hat sich innerhalb eines Jahres fast jeder fünfte Aktionär von dieser Anlageform verabschiedet.
Doch das ist nur ein Teil derWahrheit. Das ganze Ausmaß der Flucht der Anleger aus Aktien ist noch wesentlich größer. Das wird durch einen Blick auf die Geldvermögensstatistik der Deutschen Bundesbank deutlich.
Der Anteil von Aktien am Vermögen der privaten Haushalte in Deutschland lag 2003 um rund ein Viertel niedriger als noch zehn Jahre zuvor. Nicht einmal sechs Prozent ihres Besitzes haben die Menschen hier zu Lande noch in den Anteilsscheinen investiert. 1993 waren es noch knapp acht Prozent. Und damals herrschte wahrlich keine Aktieneuphorie.
Natürlich ist der Verfall der Kurse seit März 2000 ein Grund für den Rückgang des Aktienvermögens in den vergangenen Jahren. Doch 1993 pendelte der Dax erst zwischen 1500 und 2000 Punkten. Ende 2003 lag er doppelt so hoch. Selbst diejenigen, die heute noch Aktien haben, müssen also ihre Depots deutlich verkleinert haben.
Rüdiger von Rosen glaubt, dass die Entwicklung mit den Kurssteigerungen seit dem Frühjahr 2003 zu tun hat. "Bei einem Dax-Stand von über 4000 Punkten haben sich dann viele Anleger entschieden, lieber auszusteigen und Gewinne mitzunehmen", so von Rosen (siehe Interview). Gerade die Kurse der meisten Internet- und High-Tech-Werte waren seither deutlich gestiegen. Anleger, die 1999 oder 2000 in diese Aktien eingestiegen waren und zwischenzeitlich erhebliche Verluste hinnehmen mussten, stießen die Papiere nun wieder ab.
Doch angesichts der niedrigen Bewertung europäischer Aktien und der Aussicht auf ein kräftiges Wirtschaftswachstum wäre es nur logisch, würden die Deutschen nun wieder Aktien kaufen. Das tun sie aber nicht.
Wolfgang Gerke, Professor für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen, sieht daher viel weiter gehende Gründe für die aktuelle Entwicklung. "Die Enttäuschung nach dem Ende des Booms im Jahre 2000 hat dazu geführt, dass sich viele Anleger ganz von Aktien abgewendet haben", sagt er. Skandale um manipulierte Kurse, gefälschte Bilanzen und irreführende Ad-hoc-Mitteilungen taten ihr Übriges. Das Vertrauen ist nachhaltig zerstört.
Zwar hat die Bundesregierung inzwischen einiges getan, um den Anlegerschutz zu verbessern. Der Corporate Governance Kodex verschärft beispielsweise die Anforderungen an Vorstände und Aufsichtsräte. "Die Exzesse des Neuen Marktes sind trotz dieser positiven Ansätze noch lange nicht vergessen", sagt jedoch Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Und Wolfgang Gerke ist sicher, dass es "sehr lange dauern wird, enttäuschte Anleger zurückzuholen".
Keine Aussicht auf eine Trendwende also. Doch wenn sich die Deutschen von ihren Aktien trennen, worin investieren sie ihr Geld dann?
In den vergangenen Jahren profitierten eindeutig Investmentfonds. Wie die Bundesbankstatistik zeigt, haben die Deutschen heute fast doppelt so viel Geld in Fonds investiert wie vor zehn Jahren. Die Studien des Deutschen Aktieninstituts zeigen zudem, dass allein die Zahl der Besitzer von Aktienfonds heute drei Mal so hoch liegt wie 1997.
Die Fondsindustrie hat sich in den vergangenen Jahren zu einer bedeutenden Größe im Finanzsektor entwickelt. Die Zahl der Publikumsfonds und des Fondsvermögens verdreifachten sich in den vergangenen zehn Jahren.
Doch nun wenden sich die Anleger auch von den Fonds ab. Die Absatzzahlen brechen drastisch ein. Nach den jüngsten Zahlen des Bundesverbandes Investment und Asset Management (BVI) zogen die privaten Investoren in den ersten sechs Monaten diesen Jahres über 1,5 Milliarden Euro aus den Aktienfonds der deutschen Investmentgesellschaften ab. Selbst in den schlimmsten Baisse-Jahren flossen dagegen immer noch mehrere Milliarden Euro an neuen Mitteln zu.
Ein Grund dürften die hohen Kosten sein. Deutsche Aktienfonds verteuerten sich in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 20 Prozent. Rund zwei Prozent jährliche Gebühren nehmen die Anbieter heute im Schnitt von ihren Kunden. "Dieser Gebührengrundstock muss erst mal verdient werden", sagt Kai Wiecking von der Fonds-Rating-Agentur Morningstar. "Viele deutsche Anbieter kleben jedoch gleichzeitig sehr stark an ihrem Vergleichsindex", erklärt er. Die erlaubte Abweichung betrage meistens nur drei oder vier Prozent. "Da ist es schwierig, viel mehr als die Gebühren zu verdienen", so Wiecking.
Doch wenn sie das wenigstens täten. "Nur jeder sechste Fonds, der in europäische Standardwerte investiert, hat in den vergangenen zwölf Monaten seine Messlatte übersprungen", hat der Fondsexperte ausgerechnet. Auch auf Sicht von drei oder fünf Jahren sind die Ergebnisse kaum anders.
Der BVI selbst hat soeben statistisch nachgewiesen, dass Anleger, die in einen Sparplan auf weltweit anlegende Aktienfonds investieren, in den vergangenen zehn Jahren eine durchschnittliche Rendite von gerade mal 0,1 Prozent jährlich erzielten. "Überragend ist das nicht", gibt ein BVI-Sprecher zerknirscht zu.
"Das ist natürlich ein Argument für Index-Zertifikate", sagt Fondsexperte Wiecking. Und genau das finden die Anleger auch. Während den Fonds die Kunden wegrennen, explodiert der Handel mit Zertifikaten. "Der Umsatz hat sich in den vergangenen beiden Jahren vermehrfacht", sagt Dieter Lendle, Chef des Deutschen Derivate-Instituts. Genaue Statistiken dazu gibt es leider nicht. "Die Tendenz ist aber weiterhin stark steigend", so Lendle.
Allerdings machen Index-Zertifikate, die die Entwicklung eines Index genau widerspiegeln, inzwischen nur noch einen Bruchteil des Umsatzes mit Zertifikaten aus. Stattdessen dienen die Banken ihren Kunden immer kompliziertere Produkte an, von Discount- über Knock-out- bis zu Turbozertifikaten. "Die Komplexität der meisten Produkte überfordert Privatanleger deutlich", kritisiert daher Stefan Seip, Hauptgeschäftsführer des BVI, die neue Konkurrenz.
Doch Börsenprofessor Gerke glaubt das nur bedingt. Er sieht vielmehr, dass das Finanzwissen der Anleger in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist. "In meinen Vorträgen vor Privatanlegern stelle ich fest, dass heute wesentlich kompetentere Fragen gestellt werden als zu Zeiten des Börsenbooms", sagt er.
Auch der Börsengang der Postbank habe gezeigt, dass die Privatanleger kritischer geworden seien und nicht mehr alles mit sich machen ließen. "Insofern haben wir heute eigentlich eine bessere Aktienkultur als im Jahr 2000", so Gerke, "auch wenn die Zahl der Aktien- und Aktienfondsbesitzer geringer ist."
Artikel erschienen am 1. August 2004
WamS.de