Aus der FTD vom 30.8.2001
Marktplatz: Dumm oder nervös?
Von Wolfram Trost, Frankfurt
Das amerikanische Wirtschaftsministerium hat erwartungsgemäß das Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das zweite Quartal von 0,7 Prozent auf 0,2 Prozent revidiert. Volkswirte hatten im Schnitt mit einer Revision auf 0,0 Prozent gerechnet.
Diese Prozentzahlen sind wohlgemerkt auf ein Jahr hochgerechnet - das effektive Quartalswachstum beträgt annähernd 0,05 Prozent. Rechtfertigt diese Abweichung von der Konsensschätzung einen Kursschub an den Aktienmärkten und beim Dollar?
Mitnichten - deshalb muss die Frage erlaubt sein, ob die Marktteilnehmer dumm sind oder nervös. Dumm sind sie nicht, denn sie haben ihren Irrtum schnell bemerkt. Nachdem der Deutsche Aktienindex zunächst um 80 Punkte gestiegen war, gab er zwei Stunden später wieder 80 Punkte ab. Der Dollar musste nach der anfänglichen Euphorie ebenfalls wieder Federn lassen. Also sind die Marktteilnehmer nervös.
Das ist allzu verständlich, denn ob die größte Volkswirtschaft die Talsohle schon erreicht hat, ist keineswegs sicher. Bei den Industrieindikatoren ist zwar eine Stabilisierung erkennbar, die Konsumenten könnten dem Aufschwung aber noch einen Strich durch die Rechnung machen. Gut möglich, dass die US-Wirtschaft im dritten Quartal schrumpft. Und warum gucken die Investoren auf die Zahlen vom zweiten Quartal?
Wenn das BIP in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen sinkt, befindet sich eine Volkswirtschaft nach landläufiger Definition in der Rezession. Das zweite Quartal wäre das erste negative Quartal gewesen. Die Angst vor einer Rezession ist zwar zunächst vom Tisch, aber die zweite Revision des BIP steht noch bevor. Entwarnung kann auch deshalb noch nicht gegeben werden, weil zuerst wieder positive Nachrichten aus den Unternehmen kommen müssen.