Lilium NV ist ein in den Niederlanden registriertes, operativ von Deutschland aus geführtes Luftfahrtunternehmen mit Fokussierung auf elektrische Senkrechtstarterflugzeuge (eVTOL). Das Unternehmen entwickelt das Lilium Jet genannte Luftfahrzeug für regionalen Premium-Passagierverkehr, insbesondere auf Distanzen zwischen rund 40 und 200 Kilometern. Lilium positioniert sich als Entwickler eines zertifizierbaren, elektrisch angetriebenen, senkrechtstartfähigen Regionaljets und als zukünftiger Betreiber eines eigenen vertikal integrierten Luftmobilitätsnetzwerkes. Das Geschäftsmodell zielt auf wiederkehrende Erlöse aus Flugzeugverkäufen, Serviceleistungen, Betrieb von Flugnetzen und digitalen Zusatzdiensten ab.
Geschäftsmodell und Wertschöpfungskette
Das Geschäftsmodell von Lilium basiert auf der Entwicklung, Zertifizierung und Vermarktung eines elektrischen VTOL-Regionalflugzeugs, das auf einem
Ducted-Fan-Konzept mit vielen kleinen elektrisch angetriebenen Impellern beruht. Lilium adressiert mehrere Segmente entlang der Wertschöpfungskette der regionalen Luftmobilität:
- Primär: Entwicklung und Verkauf des Lilium Jet an kommerzielle Betreiber, Chartergesellschaften, Geschäftsluftfahrt und potenzielle Infrastrukturanbieter.
- Sekundär: Aufbau eines Service- und Wartungsökosystems, inklusive Schulung, Ersatzteilversorgung und Lifecycle-Management.
- Perspektivisch: Betrieb eines eigenen Luftverkehrsnetzes mit vertiportbasierten Point-to-Point-Verbindungen im Kurz- und Regionalstreckenbereich.
Das Unternehmen verfolgt ein modellhaft integriertes Luftfahrt-Ökosystem, bei dem Flugzeugplattform, Software, Betriebsprozesse und Netzplanung eng verzahnt sind. Kooperationen mit etablierten Luftfahrtzulieferern, Betreibern und Infrastrukturanbietern sollen Skaleneffekte und regulatorische Akzeptanz sichern.
Mission und strategische Zielsetzung
Die offizielle Mission von Lilium ist die Schaffung einer nachhaltigen, elektrisch betriebenen regionalen Luftmobilität mit hoher Geschwindigkeit, reduzierten Emissionen und geringem akustischen Fußabdruck. Das Unternehmen will den Luftverkehr auf Kurz- und Mittelstrecken dekarbonisieren und bisher schlecht angebundene Regionen durch ein dezentrales Luftnetzwerk erschließen. Strategisch fokussiert sich Lilium auf:
- Entwicklung eines zertifizierbaren eVTOL-Regionaljets mit höherer Reichweite und höherer Sitzplatzkapazität als klassische Urban-Air-Mobility-Konzepte.
- Segmentierung auf Premium- und Businesskunden, bei denen Zahlungsbereitschaft und Auslastungsraten potenziell höher liegen.
- Aufbau langfristiger Partnerschaften mit Airlines, Flughäfen, vertiportbetreibern und Leasinggesellschaften zur schnellen Netzwerkexpansion nach Erhalt der Musterzulassung.
Produkte und Dienstleistungen
Kernprodukt ist der
Lilium Jet, ein elektrisch angetriebenes eVTOL-Flugzeug mit fixem Tragflügel und verteiltem Antrieb über mehrere in die Flügel integrierte, elektrisch betriebene Impeller. Der Lilium Jet ist für den Regionalverkehr konzipiert und strebt eine signifikant höhere Reichweite als viele Konkurrenzprodukte im Urban-Air-Mobility-Bereich an. Je nach Konfiguration zielt Lilium auf Premium-Kabinenlayouts für Geschäftsreisende oder höher verdichtete Layouts für Shuttle-Dienste. Ergänzend plant Lilium ein Dienstleistungsportfolio entlang des Lebenszyklus:
- Flottenplanung, Trainings- und Zertifizierungsunterstützung für Betreiber.
- Integrierte Wartungs- und Supportpakete inklusive Remote-Diagnose.
- Digitale Plattformen für Buchung, Routenoptimierung, Flottenmanagement und Schnittstellen zu Mobilitätsplattformen Dritter.
Im B2B-Fokus stehen vor allem Leasinggesellschaften, regionale Betreiber, vertiportbetreiber und Geschäftsfliegernetzwerke. Im B2C-Bereich könnte Lilium mittelbar über Partner Zugang zu Endkunden gewinnen.
Business Units und operative Struktur
Lilium kommuniziert keine im klassischen Sinne rechtlich getrennten Business Units, gliedert seine Aktivitäten aber funktional in Entwicklungs-, Industrialisierungs- und Kommerzialisierungsbereiche. Wesentliche operative Schwerpunkte sind:
- Engineering und Zertifizierung: Flugzeugdesign, Systemintegration, Flugerprobung, Sicherheitsanalysen, Compliance mit EASA- und FAA-Regularien.
- Industrial Operations: Aufbau von Produktionskapazitäten, Lieferkettenmanagement, Qualitätsmanagement und Partnerschaften mit Luftfahrtzulieferern.
- Commercial und Network Development: Entwicklung von Geschäftsmodellen mit Kunden in Europa, dem Nahen Osten, Lateinamerika und Nordamerika, einschließlich Vorverträgen und Memoranda of Understanding.
Die Unternehmensführung betont eine schrittweise Industrialisierung mit strenger Kostenkontrolle, Parallelisierung von Entwicklung und Zertifizierung sowie frühe Einbindung von Partnern für Betrieb und Infrastruktur.
Alleinstellungsmerkmale und technologische Besonderheiten
Lilium differenziert sich im stark fragmentierten eVTOL-Markt vor allem über folgende Merkmale:
- Regionaljet-Fokus: Statt rein innerstädtischer Kurzstrecken setzt Lilium auf längere Regionalstrecken und positioniert den Jet als Ergänzung zu Bahn, Short-Haul-Airlines und Geschäftsflugzeugen.
- Ducted-Fan-Architektur: Die verteilten, gekapselten Impeller im Flügel- und Canardbereich sollen aerodynamische Effizienz, Lärmreduktion und Sicherheitsredundanz kombinieren.
- Premium-Segmentierung: Fokussierung auf höherwertige Services mit entsprechendem Preisniveau, was theoretisch höhere Margen ermöglichen könnte, sofern die Betriebskosten kontrollierbar bleiben.
- Vertikale Integration: Anspruch, Flugzeug, Software, Netzwerkdesign und Teile der Betriebsprozesse integriert zu orchestrieren, um Skalierbarkeit und Auslastung zu optimieren.
Diese Positionierung hebt Lilium von vielen Urban-Air-Mobility-Anbietern ab, die vor allem sehr kurze Stadtstrecken und niedrigere Reichweiten adressieren.
Burggräben und potenzielle Moats
Mögliche zukünftige Burggräben von Lilium liegen vor allem im Bereich Regulierung, Technologie und Netzwerkeffekten. In der Luftfahrt kann eine einmal erreichte Musterzulassung für ein spezifisches Flugzeugdesign einen erheblichen Markteintrittsbarriereeffekt erzeugen, da Zertifizierungsprozesse zeit- und kapitalintensiv sind. Hinzu kommen:
- Technologischer Vorsprung bei der spezifischen Ducted-Fan-eVTOL-Architektur, sofern diese im Betrieb Robustheit, Sicherheit und Kostenvorteile belegt.
- Langfristige Service- und Wartungsverträge mit Betreibern, die wiederkehrende Erlöse und hohe Wechselkosten schaffen.
- Plattformeffekte, wenn Buchungs- und Netzwerkplattformen von Betreibern und Endkunden angenommen werden und hohe Switching-Kosten entstehen.
Diese Moats sind jedoch stark abhängig von erfolgreicher Zertifizierung, verlässlicher Serienproduktion und langfristiger Sicherheitsbilanz im realen Flugbetrieb.
Wettbewerber und Marktposition
Lilium agiert in einem stark kompetitiven eVTOL-Umfeld mit zahlreichen gut kapitalisierten Wettbewerbern. Zu den relevanten internationalen Konkurrenten zählen unter anderem:
- Joby Aviation (USA) mit Fokus auf Urban-Air-Mobility und eigenem Betreibermodell.
- Archer Aviation (USA) mit eVTOL-Flugzeugen für Kurzstrecken und Partnerschaften mit Airlines.
- Vertical Aerospace (Großbritannien) mit eVTOL-Entwicklung für Kurz- bis Mittelstrecke.
- EHang (China) mit autonomen Lufttaxis und ersten Zulassungsfortschritten in China.
Darüber hinaus engagieren sich etablierte Luftfahrtkonzerne und Helikopteranbieter im Bereich Advanced Air Mobility. Lilium hebt sich über seinen Regionaljet-Fokus und die spezifische Flügel-Impeller-Architektur ab, steht jedoch im direkten Wettbewerb um regulatorische Zeitvorteile, industrielle Skalierung und Kapitalzugang.
Management, Governance und Strategie
Das Management von Lilium besteht aus einem international besetzten Führungsteam mit Hintergrund in Luftfahrttechnik, Operations und Kapitalmarkt. Das Unternehmen wurde 2015 von einer Gruppe deutscher Ingenieure gegründet, die zuvor an der Technischen Universität München im Bereich Luft- und Raumfahrt aktiv waren. Lilium ist als niederländische Aktiengesellschaft (N.V.) strukturiert und an der US-Technologiebörse Nasdaq notiert. Strategisch verfolgt das Management einen Pfad über mehrere Stufen:
- Abschluss von Design- und Zertifizierungsprozessen mit europäischen und nordamerikanischen Luftfahrtbehörden.
- Aufbau industrialisierter Fertigungslinien mit Partnern und Zulieferern und sukzessiver Übergang von Prototypen zu Vorserien- und Serienmaschinen.
- Kommerzialisierung durch Launch-Kunden, zunächst in ausgewählten Regionen mit hoher Zahlungsbereitschaft und günstigen regulatorischen Rahmenbedingungen.
Kapitalallokation und Kostenkontrolle spielen dabei eine zentrale Rolle, da die Entwicklungskosten im eVTOL-Sektor hoch sind und der Zeitraum bis zu signifikanten Umsätzen erfahrungsgemäß lang ausfallen kann.
Branche, Regionen und regulatorisches Umfeld
Lilium ist Teil der Branche
Advanced Air Mobility (AAM) und des Segments elektrische Luftfahrt. Der Markt gilt als wachstumsstark, befindet sich jedoch in einer frühen Phase mit hohen regulatorischen Unsicherheiten. In Europa agiert Lilium vor allem im Rahmen der EASA-Regularien, die Anforderungen an Design, Lärm, Sicherheit, Zertifizierung und Betrieb definieren. Parallel wird eine Anerkennung und Harmonisierung mit der US-Luftfahrtbehörde FAA angestrebt, um transatlantische Einsatzmöglichkeiten zu schaffen. Regional fokussiert sich Lilium auf:
- Europa: Aufbau von Pilotprojekten und Netzwerken in Ländern mit hoher Bevölkerungsdichte, guter Infrastruktur und wachsender Klimasensibilität.
- Nordamerika: Kooperationen mit Infrastrukturpartnern und potenziellen Betreibern in wirtschaftsstarken Metropolregionen.
- Weitere Märkte: Langfristige Optionen in Nahost, Asien und Lateinamerika, abhängig von regulatorischen Rahmenbedingungen und Zahlungsbereitschaft.
Die Branche ist stark von Energiepreisen, Strominfrastruktur, Luftraummanagement, Akzeptanz der Anwohner und städtischer Planungspolitik abhängig.
Unternehmensgeschichte und Entwicklung
Lilium wurde 2015 in Deutschland gegründet und entwickelte zunächst kleinere Prototypen, bevor das aktuelle Lilium-Jet-Konzept mit verteilten, gekapselten Impellern auf Flügeln und Canards verfolgt wurde. In den Folgejahren führte das Unternehmen mehrere Flugtests unbemannter und später bemannter Prototypen durch und intensivierte die Zusammenarbeit mit Zulassungsbehörden. Zur Finanzierung des kapitalintensiven Entwicklungsprogramms nutzte Lilium mehrere Finanzierungsrunden mit Venture-Capital- und strategischen Investoren und ging später mittels SPAC-Fusion an die Nasdaq. Das Unternehmen durchlief Phasen schnellen Personalaufbaus, gefolgt von Phasen der Restrukturierung und Fokussierung, um Mittel auf Kernprogramme, Zertifizierung und Industrialisierung zu konzentrieren. Die Geschichte von Lilium ist geprägt von ambitionierten technologischen Zielen, hohem Kapitalbedarf, regulatorischen Meilensteinen und der Suche nach belastbaren industriellen Partnerschaften.
Sonstige Besonderheiten
Lilium kombiniert Hochtechnologieentwicklung mit Elementen klassischer Luftfahrt-Industriearchitektur. Zu den Besonderheiten zählen:
- Starke Abhängigkeit von Batterietechnologie hinsichtlich Energiedichte, Lebensdauer und Kosten, da elektrische Regionalflugzeuge besonders sensibel auf Masse und Reichweitenbegrenzungen reagieren.
- Ausgeprägte Kommunikations- und Lobbyingaktivitäten gegenüber Regulierern, Politik und Öffentlichkeit, weil Lärm, Sicherheit und städtische Integration gesellschaftlich sensibel sind.
- Hohes Medieninteresse und Volatilität der Kapitalmarktwahrnehmung, da eVTOL-Unternehmen häufig als Symbolträger für die Elektrifizierung der Luftfahrt und für Wachstumsnarrative dienen.
Diese Faktoren führen zu einer ausgeprägten Diskrepanz zwischen technologischer Vision und aktuell realisierbaren operativen Ergebnissen, was für Anleger eine sorgfältige Einordnung notwendig macht.
Chancen für langfristig orientierte, konservative Anleger
Für konservative Anleger ergeben sich Chancen primär aus der Option, an einem möglichen Strukturwandel in der regionalen Luftfahrt teilzuhaben. Mögliche Potenziale sind:
- Etablierung einer neuen Flugzeugkategorie im Bereich elektrischer Regionaljets, die auf politischer Unterstützung für Dekarbonisierung und Netzausbau aufbauen könnte.
- Erfolgreiche Musterzulassung und frühe Marktteilnahme, die Lilium als Referenzanbieter in seinem Segment positionieren und Kooperationsverträge mit Betreibern und Leasinggesellschaften vertiefen könnte.
- Skalierbare Service- und Wartungserlöse über die Lebensdauer der Flotten, sofern sich der Lilium Jet in Zuverlässigkeit und Betriebskosten bewährt.
- Mögliche technologische Spillover-Effekte in andere Luftfahrtanwendungen, etwa elektrische Antriebssysteme, Leichtbau und verteilte Antriebsarchitekturen.
Langfristig könnte ein erfolgreiches Luftmobilitätsnetzwerk mit elektrischen Regionaljets eine attraktive Kombination aus Wachstum und wiederkehrenden Erträgen darstellen, sofern regulatorische, technologische und betriebswirtschaftliche Hürden überwunden werden.
Risiken und zentrale Unsicherheiten
Aus Sicht eines konservativen Anlegers überwiegen derzeit die Risiken gegenüber den schwer quantifizierbaren Chancen. Wichtige Risikofaktoren sind:
- Technologierisiko: Unsicherheit, ob Batterietechnologie, thermisches Management, Sicherheitssysteme und strukturelle Auslegung die angestrebten Leistungsdaten im realen, kommerziellen Betrieb erreichen.
- Zertifizierungs- und Regulierungsrisiko: Verzögerungen oder zusätzliche Anforderungen von EASA und FAA können Zeitpläne verschieben und Kapitalbedarf erhöhen.
- Finanzierungsrisiko: Hoher Kapitalbedarf bis zur Erreichung eines positiven operativen Cashflows, kombiniert mit potenziell schwankendem Zugang zu Eigen- und Fremdkapitalmärkten.
- Wettbewerbsdruck: Konkurrenzunternehmen mit anderen technologischen Ansätzen, stärkeren Industriepartnern oder schnellerer Zulassung könnten Marktanteile und Preissetzungsmacht begrenzen.
- Marktakzeptanz und Nachfrageunsicherheit: Noch unklare Preiselastizitäten, Auslastungsraten, Akzeptanz bei Passagieren und Anwohnern sowie Integration in bestehende Mobilitätsketten.
- Ausführungsrisiko: Übergang von Prototypen zur Serienfertigung und zum sicheren, wirtschaftlichen Flugbetrieb stellt organisatorisch und industriell eine sehr hohe Hürde dar.
Für konservative Anleger ist daher eine besonders kritische Prüfung der Technologie, der Governance-Strukturen, der Partnerschaften und der regulatorischen Fortschritte notwendig. Eine Investition in Lilium bleibt mit hohen Unsicherheiten behaftet und eignet sich tendenziell eher als Beimischung im Hochrisiko-Segment eines breit diversifizierten Portfolios, nicht jedoch als defensiver Kernbaustein.