Die Fragen des Richters zuletzt deuten an, dass er nicht mehr von einer kompletten Erfindung des TPA ausgeht, nachdem inzwischen mehrere gegenteilige Aussagen von Zeugen erfolgten.
Es geht jetzt darum, dass Markus Braun angeblich konkrete Vorgaben gemacht hat, welche Gewinne in welchen Bereichen gemacht werden sollten und das wurde dann entsprechend gefälscht.
Das basiert auf einer Aussage von Bellenhaus, die über stille Post auch in Aussagen auftauchten bei der Polizei, die aber im Gericht nicht entsprechend wiederholt wurden.
Der Ursprung der Theorie war einmal mehr die Financial Times:
Der Begriff „Magic Accounting“ tauchte erstmals im Jahr 2019 im Zusammenhang mit Recherchen der Financial Times zum Zahlungsdienstleister Wirecard auf. In der Artikelserie „House of Wirecard“, die maßgeblich von dem Journalisten Dan McCrum recherchiert wurde, berichtete die Zeitung über interne Hinweise und Dokumente, die auf ungewöhnliche Buchungspraktiken innerhalb des Unternehmens hindeuteten. In einem Bericht aus dem Oktober 2019 wurde der Ausdruck „magic accounting“ von einer Quelle verwendet, um eine Praxis zu beschreiben, bei der Umsätze und Gewinne aus dem sogenannten Third-Party-Acquirer-Geschäft rechnerisch konstruiert worden sein sollen. Gemeint war damit, dass ein erheblicher Teil der gemeldeten Erlöse über externe Partnerfirmen abgewickelt wurde, deren Transaktionen für Außenstehende schwer nachprüfbar waren und deren Ergebnisse offenbar mit Schätzungen oder internen Berechnungen erzeugt werden konnten.
Die Verwendung des Begriffs deutete somit auf den Verdacht hin, dass sich gewünschte Geschäftszahlen innerhalb der Buchhaltung „herbeirechnen“ ließen, ohne dass die zugrunde liegenden Zahlungsströme transparent nachweisbar waren. In der damaligen Berichterstattung richtete sich dieser Verdacht jedoch noch nicht ausdrücklich gegen den damaligen Vorstandsvorsitzenden Markus Braun persönlich. Vielmehr ging es zunächst um strukturelle Unklarheiten im Geschäftsmodell und in der Rechnungslegung von Wirecard. Erst nach dem Zusammenbruch des Unternehmens im Juni 2020 – als das Unternehmen einräumen musste, dass angebliche Guthaben von 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten nicht existierten – und insbesondere im späteren Strafverfahren rückten detailliertere Vorwürfe über interne Vorgaben zu bestimmten Wachstums- und Ergebniszahlen stärker in den Mittelpunkt der öffentlichen Darstellung.
Bellenhaus erwähnte das Thema erst am 15.07.2020 und zunächst noch ohne die Aussage, das gesamte Geschäft sei erfunden gewesen - die kam erst später.
Seine Aussage im Prozess im Dezember 2022 war ja eine begradigte Version - eben die heute bekannte Geschichte. In Wahrheit war das aber ein Prozess über mehrere Vernehmungen.
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Laut Bellenhaus sei er in die reguläre operative Ergebnisermittlung kaum eingebunden gewesen. Erst am Ende des Quartals sei er mit Zielwerten konfrontiert worden, die noch erreicht werden sollten. Diese Zielgrößen habe er nach seiner Aussage entweder von Jan Marsalek erhalten oder sie seien gemeinsam mit dem damaligen Finanzvorstand Stephan von Erffa festgelegt worden. Ausgangspunkt sei dabei eine Differenz zwischen dem tatsächlich erzielten Ergebnis und der zuvor ausgegebenen Prognose gewesen. Diese Lücke habe nach seiner Darstellung über Geschäfte im sogenannten Third-Party-Acquirer-Bereich geschlossen werden sollen.
Bellenhaus erklärte zudem, dass er selbst keinen vollständigen Überblick über die tatsächlichen Konzernergebnisse gehabt habe. Die relevanten Informationen über die Gesamtzahlen hätten vielmehr bei Marsalek und von Erffa gelegen. In Gesprächen mit Marsalek sei dann entschieden worden, welchen Anteil der zusätzlichen Umsätze man über bestimmte Partnerstrukturen – etwa in Asien oder andere verbundene Einheiten – abbilden sollte. Nach seiner Darstellung sei ein solcher Ausgleich der Differenzen nicht in jedem Quartal erforderlich gewesen, habe aber immer dann eine Rolle gespielt, wenn die tatsächlichen Ergebnisse von der zuvor kommunizierten Prognose abwichen.