FRANKFURT (dpa-AFX) - Der Handels- und Touristikkonzern Arcandor kann sich bei seiner Hauptversammlung auf scharfe Kritik von Seiten der freien Aktionäre einstellen. Tiefrote Zahlen, knapp eine Milliarde Euro Schulden und der Einbruch des Aktienkurse um 90 Prozent: Für die Arcandor-Aktionäre kam es im zurückliegenden Jahr knüppeldick. Bereits jetzt liegen drei Gegenanträge zur Entlastung des Vorstandes vor und auch Aktionärsvertreter wie die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) oder die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) wollen Vorstand und Aufsichtsrat die Zustimmung versagen.
"Da muss man schon mit einer ganz großen Lupe suchen, um einen Grund für eine Entlastung zu finden", sagte DSW-Geschäftsführer Marc Tüngler. Der kürzlich ausgeschiedene Vorstandschef Thomas Middelhoff und sein Team seien bei der Sanierung Arcandors "schlichtweg gescheitert". Allerdings werden am Mittwoch (18. März) viele der von den Anlegern vielleicht als "Schuldige" ausgemachten Manager gar nicht mehr auf dem Podium in der Düsseldorfer Stadthalle sitzen. Von der alten Riege sind lediglich Primondo-Chef Marc Sommer sowie Thomas Cook-Chef Manny Fontenla-Novoa dabei. Der Rest der Manager wurde inzwischen abgelöst.
PERSONALKARUSSELL
Finanzvorstand Peter Diesch wurde im Dezember 2008 von Rüdiger A. Günther ersetzt. Einkaufschef Helmut Merkel räumte ebenfalls nach vielen Jahren im Vorstand zum Jahresende seinen Posten. Dafür rückte der seit Mitte 2008 amtierende Karstadt-Chef Stefan W. Herzberg in das Gremium auf. Durch den Einstieg der Privatbank Sal.Oppenheim hat Arcandor seit November mit Friedrich Carl Janssen, dem persönlich haftenden Gesellschafter von Sal.Oppenheim, auch einen neuen Aufsichtsratschef.
Am spektakulärsten war wohl der vorzeitige Abtritt von Vorstandschef Middelhoff, der Ende Februar das Feld räumen musste und nun die Geschicke einer von ihm mit gegründeten Investmentfirma in London leitet. Die Schelte für die Versäumnisse der Vergangenheit darf nun sein Nachfolger Karl-Gerhard Eick einstecken. Für den früheren Telekom-Manager ist die Hauptversammlung der erste öffentliche Auftritt als Arcandor-Chef - gleich der könnte nicht zu den angenehmsten zählen.
HOFFNUNGSTRÄGER EICK SOLL WENDE BRINGEN
"Ich werde sehr kritisch sein", kündigte Jürgen Erdmann, Sprecher der SdK an. Gerade die Entwicklung des Aktienkurses sei "ganz fürchterlich". Dem Papier, das derzeit bei unter zwei Euro notiert, hatte Middelhoff bei der vorletzten Hauptversammlung ein Potenzial von mehr als 40 Euro bescheinigt. "Ich bin allerdings ziemlich zuversichtlich, dass das neue Team die Wende hinkriegen wird", sagte Erdmann. Vor allem bei den in wenigen Monaten anstehenden Finanzierungsgesprächen mit den Gläubigerbanken wird Eick, der sich als Finanzchef der Telekom einen guten Ruf an den Finanzmärkten erarbeitet hat, viel zugetraut.
Doch die neue Mannschaft um Eick muss noch mehr leisten, denn es brennt an allen Ecken und Enden. Das Geschäftsjahr 2007/08 (Ende September) schloss der Konzern mit einem Minus von 746 Millionen Euro ab. Der Schuldenberg belief sich auf fast eine Milliarde Euro. Bei den Karstadt-Warenhäuser laufen die Kosten aus dem Ruder und bei der Versand-Tochter Primondo gibt es neuen Restrukturierungsbedarf. Auch die Aussichten für die Reisebranche und damit auch für die in London an der Börse notierten Tochter Thomas Cook sind alles andere als rosig.
Wie tief die Wut bei manchem Kleinanleger sitzt, offenbart ein Blick in die auf der Webseite des Unternehmens veröffentlichten Gegenanträge. Von "miserabler Geschäftsführung" und"verantwortungslosen Managern" ist da die Rede, bis hin zu dem Vorschlag, doch den Geschäftsbetrieb gleich ganz einzustellen, um den Unternehmen weitere Verluste zu ersparen. Viel nutzen wird der Protest freilich nichts. Denn die Privatbank Sal.Oppenheim (28,6%) hält zusammen mit dem Aktionärspool um Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz (26,7%) die Mehrheit der Anteile. Weitere 2,3 Prozent liegen bei Arcandor selbst./she/sb/fn
---Von Simone Hett, dpa-AFX---
Der Mensch ist mit nichts in der Welt zufrieden, ausgenommen mit seinem Verstande, je weniger er hat, desto zufriedener.
August von Kotzebue