12.03.2009 , 07:09 Uhr
Handels- und Touristikkonzern Arcandor:
Middelhoff hinterlässt Erblasten
von Christoph Schlautmann
Die Lage bei dem Essener Handels- und Touristikkonzern Arcandor ist weitaus schlechter als befürchtet. In welchem Zustand der Ende Februar vorzeitig ausgeschiedene Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff den Konzern hinterlässt, zeigen nun erstmals die dem Handelsblatt vorliegenden Jahresergebnisse der einzelnen Tochtergesellschaften.
DÜSSELDORF. Das ernüchternde Gesamtfazit: Von einer Sanierung ist der MDax-Konzern weiter entfernt als im Jahr zuvor. 2005 hatte Middelhoff die Leitung des zweitgrößten börsennotierten Einzelhändlers in Deutschland übernommen, Ketten wie Hertie, Wehmeyer und Sinn-Leffers verkauft und sich von dem 4,5 Mrd. Euro schweren Immobilienbesitz getrennt.
Dennoch muss der vormals unter Karstadt-Quelle firmierende Konzern um seine Zukunft weiter bangen. Die nach HGB bilanzierten Jahresergebnisse sind in ihrer Mehrzahl desaströs. Zwar hatte Middelhoff einen sanierten Konzern für dieses Jahr versprochen, doch nun klaffen tiefe Ergebnislöcher im Einzelhandelsgeschäft.
Nicht einmal das passable Ergebnis der Touristiktochter Thomas Cook, die zu 52 Prozent den Essenern gehört, konnte im vergangenen Geschäftsjahr die Arcandor AG vor einem Abdriften in die Verlustzone retten. Das mit Abstand größte Minus hat dabei die Warenhaustochter Karstadt zu beklagen. 273 Mio. Euro fehlten 2007/08 unterm Strich - und damit deutlich mehr als im Jahr zuvor. Im vorangegangenen Geschäftsjahr (bis September), dem wegen der Fristenumstellung das lukrative Weihnachtsquartal fehlte, waren es 189 Mio. Euro.
Zu einem Ertragseinbruch führte im Hause Arcandor zudem der Verkauf der Warenhausimmobilien. Erzielte dieser Geschäftsbereich in den ersten neun Monaten 2007 noch 675 Mio. Euro Mieteinnahmen, kamen zwischen Oktober 2007 und September 2008 nur noch 398 Mio. Euro zusammen.
Nach dem inzwischen abgeschlossenen Komplettverkauf dürften die Einnahmen im laufenden Jahr nochmals drastisch sinken. Obwohl durch die Abspaltung einmalig rund drei Mrd. Euro stille Reserven gehoben wurden, ist Arcandor von der versprochenen Entschuldung weit entfernt. Samt Miet- und Leasingverpflichtungen drückt den Konzern eine Nettofinanzverschuldung von mehr als zwei Mrd. Euro.
Mit Sorge erwarten Branchenbeobachter daher die für Juni geplante Neuverhandlung eines Konsortialkredits über 700 Mio. Euro. Schon vergangenen September hatten Gespräche über eine deutlich geringere Summe den Konzern an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gebracht.
Von einem Planinsolvenzverfahren als Rettungsanker will Arcandor-Vorstand und Warenhauschef Stefan Herzberg dennoch nichts wissen. "In eine solche Situation wie im September wollen wir nie wieder kommen", sagte er jüngst vor Journalisten.
Als hartnäckige Verlustbringer erweisen sich neben den Medienmärkten Wom mit 1,8 Mio. Euro Jahresverlust auch Karstadts Supermärkte. An ihnen hatte sich 2004 der Kölner Rewe-Konzern mit der Absicht beteiligt, eine Ertragswende einzuleiten - bislang ohne Erfolg: Zuletzt schrieben die Lebensmittelabteilungen ein Minus von sechs Mio. Euro.
Branchenbeobachter meinen, dass Arcandors Tochter Myby womöglich das Ende blüht. Der mit dem Verlag Axel Springer betriebene Internetversender für Unterhaltungselektronik verlor im Geschäftsjahr 2007/08 stattliche 21 Mio. Euro. Der 2007 gestartete Shop machte damit nahezu in voller Höhe den Ertrag zunichte, den Arcandors Versandperle, der für 160 Mio. Euro erworbene Shoppingsender HSE24, im vergangenen Geschäftsjahr abwarf. Allein Arcandors Versandriese Quelle verbesserte sein Jahresergebnis. Weil weniger in die Restrukturierung gesteckt wurde, halbierte sich der Verlust im Vergleich zum Vorjahr. Es bleibt jedoch ein Minus von 41 Mio. Euro im Geschäftsjahr 2007/08.
Ein Arcandor-Sprecher verwies auf Anfrage darauf, die nach dem deutschen HGB-Bilanzierungsstandard vorgelegten Zahlen seien für die operative Leistungsfähigkeit nicht aussagekräftig, da sie im Gegensatz zum Konzernabschluss nach dem internationalen Standard IFRS nicht um Einmaleffekte bereinigt seinen. Zudem hätten einige Geschäftsbereiche durchaus auch nach HGB zugelegt.
www.handelsblatt.com/unternehmen/...laesst-erblasten;2199122;0
Der Mensch ist mit nichts in der Welt zufrieden, ausgenommen mit seinem Verstande, je weniger er hat, desto zufriedener.
August von Kotzebue