HAMBURG (dpa-AFX) - Die Schiffbauindustrie läuft global auf Hochtouren. Die Branche verzeichne den zweithöchsten Auftragseingang ihrer Geschichte und generiere für die Zulieferindustrie erhebliche Wachstumschancen, sagte der Hauptgeschäftsführer der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM), Reinhard Lüken, in Hamburg. Deutschland profitiere vor allem von einer starken Nachfrage nach Kreuzfahrtschiffen, Superyachten, Marine- und Spezialschiffen. Zudem nehme der Bau großer Offshore-Konverterplattformen Fahrt auf.
Für dich zusammengefasst:
Die Schiffbauindustrie hat einen hohen Auftragseingang.
Deutschland profitiert von der Nachfrage nach Kreuzfahrtschiffen.
Die Nachfrage nach Superyachten ist um 46 Prozent gestiegen.
"Wir haben wirklich extrem Rückenwind", sagte Lüken. Und vor allem gebe es so stabile Perspektiven wie er es noch nie erlebt habe. Die Schiffbauindustrie sei definitiv eine Wachstumsbranche, betonte Lüken rund eineinhalb Wochen vor Beginn der Weltleitmesse für die maritime Wirtschaft, die SMM (Shipbuilding, Machinery & Marine Technology) in Hamburg.
Bei großen Containerschiffen dominiere jedoch China. So entfallen bei den Ablieferungen im kommenden Jahr von den weltweit 17 Millionen zusätzlichen CGT - Compensated Gross Ton ist eine Maßeinheit zur Vergleichbarkeit der Schiffsproduktion und Werftleistung - 15 Millionen auf China, wie Lüken sagte. "Das ist nicht das Ergebnis von normalen Marktverhältnissen, sondern das ist ganz klar Ergebnis von einer erfolgreichen, muss man sagen, zielgerichteten Industriepolitik." Insgesamt würden von chinesischen Werften im kommenden Jahr 37,9 Millionen CGT ausgeliefert, Europa komme auf 2,6 Millionen, die USA auf gerade einmal 100.000.
Deutsche Reeder bestellen Containerschiffe fast nur in China
Lüken sagte, die Bestellungen deutscher Reedereien in China nähmen stark zu. Vergangenes Jahr habe die Quote bei 98 Prozent gelegen. "Das ist sicherlich auch Grund zur Sorge", sagte Lüken mit Blick auf Abhängigkeiten. Andererseits gebe es betriebswirtschaftliche Zwänge. Außerdem seien Qualität und Service chinesischer Werften inzwischen teilweise schon besser als in Südkorea.
Europa und auch Deutschland dominierten dagegen in Hightech-Märkten, insbesondere im Kreuzfahrt- und Yachtbereich. So seien im vergangenen Jahr weltweit Kreuzfahrtschiffe für 27,2 Milliarden Euro bestellt worden, im ersten Halbjahr dieses Jahres seien noch einmal Bestellungen im Wert von 9,8 Milliarden Euro hinzugekommen. "Also der Markt ist absolut heiß", sagte Lüken. Inzwischen seien 97 Prozent der heute fahrenden Kreuzfahrtflotte in Europa produziert worden.
Nachfrage nach Superyachten um 46 Prozent gestiegen
Im Marktsegment der Superyachten mit einer Länge von mehr als 80 Metern gebe sich die Branche stets verschwiegen, sagte Lüken. Weltweit seien in diesem Segment überhaupt nur 21 Werften aktiv. Deutsche Hersteller seien mit einem Marktanteil von 30 Prozent (2021 und 2025) jedoch weltweit führend - und blickten in eine goldene Zukunft. So sei die Nachfrage nach Superyachten aufgrund der immer größeren Zahl der Milliardäre zuletzt um 46 Prozent gestiegen, sagte Lüken.
Kritisch zeigte sich Lüken bei der Binnenschifffahrt. "Wir haben einen Rieseninvestitionsstau - und zwar nicht nur, was die Infrastruktur betrifft, auch was die Flotte betrifft." Die Flotte sei uralt, in einigen Marktsegmenten im Schnitt sogar älter als 70 Jahre. Die Eigner, häufig sehr kleine Unternehmen, seien aber finanziell oft nicht in der Lage, ihre Schiffe zu modernisieren oder auszutauschen. Investitionsprogramme könnten da Abhilfe schaffen. "Das ist kein Zuschussgeschäft, das ist ein Geschäft des Möglichmachens."
Lüken warnt vor AfD-Regierungsbeteiligung
Angesichts der insgesamt boomenden Branche gebe es aber auch neue Herausforderungen, etwa "wo finden wir das Personal"? Er könne sich zwar vorstellen, dass Menschen aus der Automobilindustrie in den Schiffbau wechseln. Doch das reiche nicht aus. Nötig seien auch Fachkräfte aus dem Ausland. In diesem Zusammenhang warnte Lüken eindringlich vor einer Regierungsbeteiligung der AfD nach den im September in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt anstehenden Landtagswahlen.
"Wir halten die AfD für eine Katastrophe für Deutschland. Die Partei hat keine Lösung, die uns weiterhilft", sagte Lüken. Und gerade das Thema Fachkräfte könnte bei einer Regierungsbeteiligung der AfD "echt Schaden" nehmen. Er wies darauf hin, dass nicht nur Mecklenburg-Vorpommern ein wichtiger Werftenstandort sei. Sachsen-Anhalt sei im Binnenschiffbau sogar das Bundesland Nummer 1. Mit Blick auf die AfD betonte er: "Das muss man den Menschen deutlich machen, für die Wirtschaft ist das eine Katastrophe."/klm/DP/nas
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