Strafvollzug: "Das brumm ich für dich ab"


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Strafvollzug: "Das brumm ich für dich ab"

 
15.01.02 13:23
Von Bruno Schrep

Mit einem simplen Trick foppte ein Brüderpaar fast ein Jahr lang die Hamburger Justiz. Der filmreife Coup, der nur durch Zufall aufflog, kommt beide jetzt teuer zu stehen.

Punkt sechs Uhr weckt Norbert K. ein lauter Gong, und diese harte Stimme aus dem Lautsprecher: "Guten Morgen, meine Herren! Aufschluss." Nach ein paar Sekunden, dämmernd zwischen Erstaunen und Erinnern, weiß Norbert K., wo er sich befindet: auf einem Hochbett in Zelle 21 der Justizvollzugsanstalt Glasmoor bei Hamburg.
Während er sich mit sieben Zellengenossen, unausgeschlafen und missmutig wie er selbst, rasiert, duscht, anzieht, mit ihnen frühstückt und auf den nächsten Gong wartet, denkt er nur eines: Bald ist es vorbei! Und wie jeden Morgen rechnet der 36-Jährige aus, wie lange er noch sitzen muss. "Nur noch 84 Tage", erklärt er einem Kumpel aus seiner Arbeitskolonne.

Ein Irrtum. Dieser Donnerstag, der 29. November 2001, ist der letzte Tag, den Norbert K. in Haft verbringt.

Kurz nach dem Mittagessen, der Gefangene K. bastelt gerade in der Werkstatt Wandschmuck für die Anstaltsflure, führen ihn drei aufgeregte Schließer zum Verwaltungstrakt. Dort warten zwei Beamte des Hamburger Landeskriminalamts.

"Sie sind verhaftet", eröffnet ihm der eine, legt ihm Handschellen an. "Aber ich bin doch schon im Knast", entgegnet Norbert K. verdutzt. "Nicht mehr lange", knurrt der Kripomann.

Da dämmert Norbert K., dass der Coup, den er mit seinem Bruder ausgeheckt hat, aufgeflogen ist.

Denn Norbert K. hat nichts ausgefressen. Sein Strafregisterauszug weist keinen Eintrag aus.

Gesessen hat er für seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Rudi. Gemerkt hat es zehn Monate, zwei Wochen und zwei Tage lang niemand - eine dicke Blamage für die Hamburger Justiz, Stoff für eine Verwechslungskomödie.

Den Hintergrund bildet eine ganz gewöhnliche Familiengeschichte: Die Brüder Norbert und Rudi K. entwickeln sich nicht so, wie sich das ihre Eltern wünschen. Dabei sind die Eltern 1972 eigens aus einem kleinen polnischen Ort bei Oppeln in die Bundesrepublik umgesiedelt, damit ihre Kinder es mal besser haben.

Norbert, der Ältere, scheint zwar zunächst auf den rechten Weg zu geraten. Nach der Realschule verkauft er Fahrkarten bei der Bundesbahn, ist bereits Beamter auf Probe, steuert auf ein Leben nach Fahrplan zu. Doch nach drei Jahren hält er es nicht mehr aus, versucht eine Umschulung als Großhandelskaufmann, scheitert, beginnt zu kiffen, schlägt sich zeitweise mehr schlecht als recht mit Gelegenheitsarbeiten durch.

Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Rudi, Hauptschulabsolvent, schmeißt seine Malerlehre schon nach wenigen Monaten hin. Kräftig, mit einem robusten Gemüt und entschlossen, sich seinen Teil vom Wohlstandskuchen abzuschneiden, zieht es ihn schon mit Anfang zwanzig in die Halbwelt des Hamburger Milieus, in eine Szene, in der gerauft, gestochen und auch schon mal geschossen wird.

In den Billigbordellen am Stadtrand, mitten im Industriegebiet, setzt sich Rudi K. durch: zunächst als Mieteintreiber, später als "Beschützer". Zuletzt gehört ihm zusammen mit einem Kompagnon ein Etablissement im Luisenweg, in dem bis zu 20 Frauen ihre Dienste anbieten.

Rudi K. fährt einen Mercedes-Sportwagen, trägt teure Designerklamotten, speist in noblen Restaurants. Bruder Norbert, der mal für die Telekom Botengänge erledigt, mal für eine Baufirma Container entlädt und manchmal auch von Stütze lebt, kann da nicht mithalten. Er wohnt in einem winzigen Ein-Zimmer-Apartment und fährt U-Bahn. Die Brüder, die sich selten treffen, haben sich jedoch schon als Kinder geschworen, notfalls eisern zusammenzuhalten.

Der Ernstfall tritt ein, als ein Mädchen auspackt. Weil es bei der Polizei detailliert erzählt, wie Rudi K. die Prostitution organisiert, wie er Preise, Mieten und Standplätze bestimmt, muss der Bordellchef vor Gericht. Urteil: zwei Jahre Gefängnis wegen Zuhälterei. Was schwerer wiegt: ohne Bewährung.

Für einen, der sich im Milieu gegenüber konkurrierenden Banden behaupten will und dazu auch mal persönlich anpacken muss, ein vernichtender Spruch.

"Was soll ich jetzt tun?", fragt Rudi K. seinen Bruder, der gerade mal wieder arbeitslos und pleite ist. Norbert K. überlegt nicht lange. "Ich könnte den Scheiß für dich abbrummen", schlägt er vor. "Echt? Das fällt doch sofort auf." "Ach wo, das merkt kein Schwein."

So viel Bruderliebe, verspricht Rudi K. gerührt, werde, bei erfolgreichem Aussitzen, unvergessen bleiben: "Es soll dein Schaden nicht sein. Abgemacht?" "Abgemacht."

Zum Haftantritt am 15. Januar 2001, 13 Uhr, präpariert sich Norbert K. als Rudi. Er hat den gleichen Kurzhaarschnitt wie sein Bruder, hat sich die gleichen hellen Strähnen einfärben lassen, hat geübt, auf den Vornamen Rudi zu reagieren. So vorbereitet, lässt er sich von seinem Bruder in dessen Mercedes zum Knast chauffieren.

Am Gefängnistor zeigt er den Personalausweis mit der Nummer 1245208738, ausgestellt auf den Bruder, und wird anstandslos eingelassen. "Endlich mal ein Deutscher aus dem Milieu", begrüßt ihn der Beamte an der Pforte. Auf den Ausweis wirft er nur einen kurzen Blick.

Keinem fällt auf, dass Norbert K. fast einen Kopf größer ist als Bruder Rudi, etwa 20 Kilo mehr wiegt, ihm nur noch entfernt ähnlich sieht. Hauptsache, der staatlichen Einladung wird Folge geleistet.

Die Umstellung auf den Gefängnisalltag fällt Norbert K. nicht leicht. So geregelt hat er lange nicht mehr gelebt: 6 Uhr früh: Wecken. 6.30 Uhr: Frühstück. 7.15 Uhr: Raustreten zur Arbeit. 11.15 Uhr: Mittagessen. 16.30 Uhr: Feierabend. 18.30 Uhr: Zählappell. 22 Uhr: Einschluss.

Der Neue wird zur Arbeit in der Hofkolonne eingeteilt, muss auf dem Gelände der Anstalt Wasserleitungen und Elektrokabel verlegen, Müllcontainer leeren oder Holz hacken. Pro Tag gibt es 8,15 Mark.

Der Gefangene aus Gefälligkeit beginnt schon bald, die Tage zu zählen. Bei guter Führung, und dazu ist er fest entschlossen, würde ein Drittel der Strafe erlassen. Am 21. Februar 2002 wäre, unter Anrechnung der Untersuchungshaft, Schluss.

Weil er jedoch im offenen Vollzug sitzt - sein Bruder gilt als Ersttäter -, darf er sogar schon nach zwei Monaten erstmals am Wochenende raus. Bruder Rudi holt ihn freitagnachmittags ab: "Und? Wie läuft's?" "Alles paletti." "Hältst du's noch aus?" "Noch." "Versprich mir, dass du nicht abhaust." "Versprochen."

Mit den Männern in der Zelle kommt der falsche Häftling prima klar. Zwar gewöhnt er sich nur mühsam an den alten Stadtstreicher, der nachts epileptische Anfälle kriegt, oder an den Fernsehsüchtigen, der bis morgens den Apparat laufen lässt. Dafür feiert er aber umso lieber mit, wenn ein Zellengenosse eingeschmuggelten Schnaps spendiert, so viel, dass noch am nächsten Morgen alle eine Fahne haben.

Nur wenn die anderen zu neugierig werden, nach den Revierkämpfen oder den heißen Frauen auf dem Kiez fragen, wird der vermeintliche Bordellkönig wortkarg. "Geschäftsgeheimnis", wehrt er dann knapp ab.

Der rechtskräftig verurteilte Bruder lässt sich derweil draußen möglichst wenig blicken, Unaufschiebbares erledigt er meist per Handy. In der Szene heißt es, er verbüße seine Strafe. Der Trick der Brüder scheint zu glücken - bis im Gefängnis ein gewisser Faruk auftaucht.

Der muss ein paar Tage in Glasmoor sitzen, um eine Geldstrafe abzubrummen, will bei der Gelegenheit mal mit seinem alten Freund Rudi K. reden. Als er sich zu Zelle 21 durchgefragt hat, bleibt er verblüfft stehen: "Du bist Rudi K.? Der war doch früher viel kleiner."

Weil der Schwindel nur Tage später auffliegt, schwören die Brüder, nur dieser schuftige Faruk könne der Verräter sein. Beweise dafür haben sie allerdings nicht. Die Sprecherin der Hamburger Justizbehörde schreibt die Entdeckung einem "anonymen Hinweis" zu - "mehr sage ich nicht".

Nach seiner Verhaftung im Gefängnis wird Norbert K. ins Hamburger Polizeipräsidium gekarrt, fotografiert, von der Seite und von vorn, bekommt Fingerabdrücke abgenommen - und ist plötzlich frei.

"Du kannst gehen", erklärt ihm der Kommissar kurz angebunden. "So? In meinen Knastklamotten?", fragt der Häftling entgeistert. Antwort: "Warum denn nicht? Und sag Rudi, er soll sich schleunigst melden. Sonst hol ich ihn."

Ein paar Tage später, der gesuchte Rudi K. hat sich inzwischen mit seinem Rechtsanwalt Günther Lintzel freiwillig gestellt und seine Strafe angetreten, kehrt Bruder Norbert noch einmal nach Glasmoor zurück. Er will sich von den ehemaligen Mitgefangenen, die sich über den Coup der Brüder schlapp lachen, zum Abschied feiern lassen, und er will das Geld für seine Knastarbeit kassieren - denkste.

Mit den Worten "Ich hoffe, es hat Ihnen bei uns gefallen" und einem äußerst dünnen Lächeln überreicht ihm der Gefängnisdirektor ein Schreiben der Justizbehörde: "Sehr geehrter Herr K., für die Dauer Ihres Aufenthalts in der JVA Glasmoor sind Unterbringungs- und Verpflegungskosten in Höhe von DM 4289,00 zu zahlen."

Da ist es ein Trost, dass dem falschen Gefangenen kaum weiteres Ungemach droht: Strafvereitelung, immerhin bewehrt mit Freiheitsentzug von bis zu fünf Jahren, bleibt straffrei, wenn sie zu Gunsten eines Angehörigen verübt wird. Und ob, wie geplant, Urkundenfälschung nachgewiesen werden kann, muss sich erst herausstellen: Norbert K. schwört, Schriftstücke stets nur mit seinem Nachnamen unterschrieben zu haben.

Eine Riesenpleite ist der Coup für das Bruderpaar dennoch geworden. Weil er sich drücken wollte, muss der richtige Rudi K. seine Strafe jetzt wohl in voller Länge absitzen, nicht im offenen, sondern im geschlossenen Vollzug, ohne Urlaub, ohne Freigang. Konsequenz: Die ursprünglich verhängte Strafe von zwei Jahren würde im Endeffekt fast drei Jahre lang abgebrummt - die Gesamthaftzeit beider Brüder. Ein Fall, den es so noch nie gab.

An das Personal der Hamburger Haftanstalten ist inzwischen eine amtliche Anweisung ergangen, persönlich erläutert von einem Referenten des neuen Justizsenators Roger Kusch (CDU). Danach ist künftig strengstens zu prüfen, ob es sich bei neuen Gefangenen auch um die verurteilten Straftäter handelt.
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