Einen "gigantischen Alptraum" haben erfahrene Piloten den Unglücksflug des Frachtjumbos vom Typ Boeing 747 der israelischen Fluggesellschaft El Al genannt. Kurz nach dem Start raste die vollgetankte Maschine am 04. Oktober 1992 in zwei Amsterdamer Hochhäuser und zerstörte sie fast völlig. Zahlreiche Menschen fanden einen grausamen überraschenden Tod im Flammenmeer.
Der israelische Frachtjumbo vom Typ Boeing 757 hat bei seinem Sturz auf die Amsterdamer Trabantensiedlung Bijlmermeer eine Schneise der Verwüstung in die Hochhausgruppe geschlagen.
Beim Start vom Amsterdamer Flughafen Schiphol läuft alles wie geschmiert. Fünf Minuten später steht plötzlich das rechte Triebwerk der israelischen Maschine in Flammen. Später stellte sich heraus, daß ein Stahlbolzen an einem der fünf Tonnen schweren Triebwerke gebrochen ist. In seiner Verzweiflung funkt Kapitän Jizchak Fuchs einen Notruf an den Tower. Mit einer Geschwindigkeit von 520 Stundenkilometern rast das Flugzeug über die Stadt. Dann fällt auch das äußere rechte Triebwerk aus. Dadurch läßt sich der Jet nur noch im Kreis fliegen. Immer enger werden die Schleifen, die die beiden Piloten über den Häusern ziehen. Die Sicht ist schlecht an diesem Abend. Längst hat sich Dunkelheit über die Stadt gesenkt. Seit mehreren Minuten fliegt der Jumbo jetzt schon seine einsamen Runden. Noch aber geben die beiden verzweifelten Piloten ihren verzweifelten Kampf ums Überleben nicht auf. Ein sofortiger Absturz der Boeing 747 läßt sich wegen der durch die Triebwerksschäden entstandenen Asymmetrie nur noch verhindern, wenn die beiden linken Triebwerke mit Vollschub gefahren werden. Ein riskantes Manöver! Im Cockpit weiß man nur zu genau, was auf dem Spiel steht. Denn dadurch dreht die Maschine um ihre eigene Hochachse; der rechte Flügel droht nach unten wegzukippen, den Jumbo unkontrolliert in die Tiefe zu reißen.
Auch zwei der Hydraulik-Systeme fallen aus; sie sind nötig, um Höhen- und Seitenruder sowie Landeklappen zu betätigen. Damit ist das Flugzeug manövrierunfähig. Der Pilot ist ein erfahrener Mann. Er hat Angst, aber er gerät nicht in Panik. Zwei Jahre zuvor hat er schon einmal eine Katastrophenlandung sicher bewerkstelligt. Piloten-Kollegen konnten sich damals nicht erklären, wie er es geschafft hat. Daß er der Beste ist, erzählen sie sich hinter vorgehaltener Hand. Vielleicht gibt es also doch noch eine Chance?
Aber das Schicksal meint es anders mit der Crew. Der El-Al-Jumbo ist bereits 13 Jahre alt. Vor drei Monaten ist schon einmal ein Brand an Bord der Maschine ausgebrochen zufälligerweise im Landeanflug ausgerechnet auf Schiphol. Auch damals hatte Kapitän Fuchs die Maschine gesteuert, sicher gesteuert. Damals hatte der Schaum der Löschautomatik die Flammen erstickt. Der Jumbo war nach Plan zu Boden gegangen. Die Piloten finden keinen Ausweg aus dem Desaster. Eine Notlandung ist dieses Mal unmöglich. Denn dazu müßte der Jumbo große Mengen Kerosin ablassen. Langsam kommt doch Panik auf, denn den Flugzeugführern läuft die Zeit davon. Nur zwei Tonnen Kerosin entweichen über die dafür vorgesehenen Ventile pro Minute - zu wenig, um eine Landung denkbar zu machen. Die Lage ist kritisch. An Bord der Maschine befinden sich 85 Tonnen Kerosin. Das ist üblich, weil Flugbenzin in Amsterdam besonders günstig ist. Für den geplanten Flug nach Tel Aviv hätten 5 Tonnen ausgereicht. Außerdem ist die Maschine mit so viel Frachtgut bestückt, daß ihre Manövrierfähigkeit schon bei optimalen Bedingungen eingeschränkt wäre. Nach einer letzten engen Schleife verliert das Flugzeug Höhe. Jetzt haben die Piloten endgültig die Kontrolle über den Jumbo verloren. Um 18:35 Uhr kommt der letzte Funkspruch des EI-AI-Jumbos im Tower von Schiphol an: "Going down, going down" meldet der Kapitän, pflichtbewußt und korrekt bis in den Tod. Dann verschwindet die Maschine von den Radarschirmen. Über den beiden Wohnblöcken der Amsterdamer Trabantenstadt Bijlmermeer stürzt das Flugzeug ab. Die Kerosinexplosion ist gewaltig. Ein riesiger Feuerball umschließt die zusammenbrechenden Häuser. Wahrscheinlich verbrennen mehr als 200 Menschen sekundenschnell zu Asche. Ein Brandexperte hat später eine Erklärung parat, warum sich sterbliche Überreste von nur 50 Personen finden lassen. Bei einem Kerosinbrand entstehen nämlich Temperaturen von 1000 Grad Celsius; menschliches Gewebe verdampft vollkommen rückstandslos.
Materialfehler als Ursache?
Bei der Suche nach der Unfallursache stellten Experten fest, daß bereits ein Jahr zuvor eine chinesische Frachtmaschine unter denselben Umständen abgestürzt war. Diese Boeing gleichen Bautyps, die ebenfalls überladen war, befand sich auf dem Weg nach Anchorage in Alaska, als wenige Minuten nach dem Start in Taipeh die beiden rechten Triebwerke ausfielen. Kurz darauf prallte die Maschine, die nur eine Höhe von 1500 Metern erreicht hatte, gegen einen Berg. Beide Motoren waren abgerissen. Auch bei diesem Unglück konnte man einen Pilotenfehler ausschließen; auch hier konnte man keinerlei äußere Krafteinwirkung feststellen. Dies legt die Vermutung nahe, daß ein Materialfehler die Havarie auslöste. Im Fall der israelischen wie der chinesischen Maschine konzentrierten sich die Ermittlungen auf die Edelstahlbolzen, die die Triebwerke mit den Flügeln verbinden. Diese Triebwerksbolzen zeigten in mehreren Fällen Anzeichen von Materialermüdung, wie die Firma Boeing der Presse zufolge selbst mitteilte. Einen Tag nach dem Inferno von Amsterdam empfahl der amerikanische Flugzeughersteller, innerhalb von 90 Tagen alle Stahlbolzen überprüfen zu lassen. Die Japan Airlines fand dabei an zwölf Boeing-747-Jumbos fünf Bolzen, die wegen Haarrissen ausgetauscht werden mußten. Als Unglücksauslöser denkbar wäre allerdings auch gewesen, daß ein Zugvogel in das Triebwerk 3 geraten sein könnte. Diese Variante würde auch erklären, warum die El-Al-Maschine so langsam an Höhe gewann.