Aus der FTD vom 16.7.2001
Das Kapital: Die Nachfrage gibt Epcos den Takt vor
Die Gewinnwarnung von Epcos zeigt, wie sehr die Zulieferer der Mobiltelefonhersteller im Nebel stochern. Die passiven Bauelemente von Epcos finden in einer Vielzahl von Geräten Verwendung.
Den größten Umsatzanteil haben mit rund 30 Prozent aber die Komponenten für Handys. Nokia und Siemens sind die wichtigsten Kunden. Ende Juni teilte Epcos mit, dass die Auftragsstornierungen rückläufig seien. Jetzt ist der Ausblick dagegen wieder düster. Offensichtlich kann sich Epcos nicht mehr auf langfristige Lieferbeziehungen verlassen. Die Handy-Hersteller reduzieren ihre Läger mit aller Gewalt und zwingen die Zulieferer zu kurzfristiger Auftragsbearbeitung. Die stabilen Lieferbeziehungen waren bisher ein Grund, warum bei den Bauelementeherstellern die Umsätze im Abschwung nicht so stark gefallen sind wie bei den Chip-Produzenten. Ein anderer Grund war, dass sich die Produktion für Bauelemente im Aufschwung schneller wieder nach oben fahren lässt. Das hat früher Preisexzesse vermieden.
Epcos hat mit 40 Prozent Marktanteil bei den Oberflächenwellenfiltern aber eine gewisse Marktmacht. Das Unternehmen könnte versuchen, im nächsten Aufschwung die Preise stärker anzuheben, um die entgangenen Gewinne des Abschwungs auszugleichen. Damit würde Epcos volatiler - und bei den Handy-Herstellern käme die Marge unter Druck. Das kann Nokia nicht wollen. Aber die Alternative für die Finnen wäre, kräftig weiter zu bestellen und die veralteten Komponenten wegzuwerfen, wenn die Handy-Nachfrage nicht schnell genug anspringt.
Die Unsicherheit ist groß
Im Juni hatte Nokia noch mit einem weltweiten Handy-Verkauf von 94 Millionen Stück fürs zweite Quartal gerechnet. Motorola will aber in derselben Zeit mit 16,7 verkauften Stück einen Marktanteil von 17 Prozent erreicht haben. Das würde einen Gesamtmarkt von 98 Millionen bedeuten. Hat Motorola recht, dann war Nokias Schätzung zu vorsichtig. Die Finnen könnten dann bei den Quartalszahlen nächste Woche positiv überraschen.
Es gibt aber zwei wahrscheinlichere Möglichkeiten. Erstens, Motorola hat seinen Marktanteil zu niedrig geschätzt. Das hieße, dass Nokia noch mehr Marktanteil verloren hat. Zweitens, Nokia hat die Verkäufe an die Verbraucher errechnet, Motorola die an den Handel. Das würde bedeuten, dass die Händler schon wieder Lagerbestand aufbauen - und die Nachfrage insgesamt lahmt.
Wenn eine der beiden Möglichkeiten zutrifft, hat Epcos noch eine harte Zeit vor sich. Allerdings kostet das Papier weniger als zweimal den abgelaufenen Umsatz. Der erste Silberstreif am Horizont der Handy-Nachfrage dürfte der Aktie auf die Sprünge helfen.
Argentinien-Krise / Europa
Muss man sich an den europäischen Börsen um Argentinien oder die Türkei sorgen? Auch wenn sich die Politiker hinter den Sanierer Domingo Cavallo zu stellen scheinen, ist die Gefahr von Zahlungsausfall und deutlicher Währungsabwertung des mit 130 Mrd. $ verschuldeten Landes nicht gebannt. Die europäischen Märkte haben bislang einschließlich der am stärksten betroffenen spanischen Börse gelassen reagiert. Nicht ohne Grund.
Die Gewinne europäischer Firmen könnten auf zwei Wegen direkt durch die Krise gedrückt werden. Sie exportieren weniger dorthin, weil die Märkte wegbrechen und die Produkte dank resultierender Euro-Aufwertung ohnehin teurer werden. Und ihre Direktinvestitionen werfen weniger Gewinn ab. Bleiben die Schwierigkeiten auf Argentinien und die Türkei begrenzt, ist die Gelassenheit in der Tat angebracht. Die Exporte der EU in die Türkei machen nur 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der EU aus. Der Anteil Argentiniens liegt unter 0,1 Prozent, selbst für Spanien beträgt er unter 0,2 Prozent. Zwischen 1995 und 1999 sind nur rund 3 Prozent der EU-Direktinvestitionen nach Argentinien geflossen, die insgesamt 0,4 Prozent des jährlichen BIPs entsprachen. Die Türkei spielt keine Rolle.
Für Spanien sind indes die entsprechenden Anteile der Direktinvestitionen nach Argentinien neunmal so hoch. Zudem hat Spanien noch ein anderes Problem. Die Banken haben Außenstände in Argentinien, die sich auf über drei Prozent des spanischen BIPs belaufen. Daher sind die Großbanken BBVA und BSCH , die auch kräftig in Lateinamerika investiert haben, am stärksten gefährdet. Da ihre Kredite vor allem in Dollar denominiert sind, würden sie zudem durch eine Abwertung belastet. Telefónica soll über ein Achtel seines Cashs in Argentinien erzielen.
Solange sich die Krise nicht verschärft, müssen sich nur einige spanische Firmen sorgen. Dass ganz Lateinamerika, Osteuropa oder Asien angesteckt wird, ist derzeit unwahrscheinlich. Das kann sich aber ändern, wenn die US-Konjunktur lange schwach bleibt. Dann fällt für viele Schwellenländer der wichtigste Exportmarkt weg, auf dem sie ihre Devisen verdienen. Aber dann hat Europa noch ganz andere Probleme.
© 2001 Financial Times Deutschland
Das Kapital: Die Nachfrage gibt Epcos den Takt vor
Die Gewinnwarnung von Epcos zeigt, wie sehr die Zulieferer der Mobiltelefonhersteller im Nebel stochern. Die passiven Bauelemente von Epcos finden in einer Vielzahl von Geräten Verwendung.
Den größten Umsatzanteil haben mit rund 30 Prozent aber die Komponenten für Handys. Nokia und Siemens sind die wichtigsten Kunden. Ende Juni teilte Epcos mit, dass die Auftragsstornierungen rückläufig seien. Jetzt ist der Ausblick dagegen wieder düster. Offensichtlich kann sich Epcos nicht mehr auf langfristige Lieferbeziehungen verlassen. Die Handy-Hersteller reduzieren ihre Läger mit aller Gewalt und zwingen die Zulieferer zu kurzfristiger Auftragsbearbeitung. Die stabilen Lieferbeziehungen waren bisher ein Grund, warum bei den Bauelementeherstellern die Umsätze im Abschwung nicht so stark gefallen sind wie bei den Chip-Produzenten. Ein anderer Grund war, dass sich die Produktion für Bauelemente im Aufschwung schneller wieder nach oben fahren lässt. Das hat früher Preisexzesse vermieden.
Epcos hat mit 40 Prozent Marktanteil bei den Oberflächenwellenfiltern aber eine gewisse Marktmacht. Das Unternehmen könnte versuchen, im nächsten Aufschwung die Preise stärker anzuheben, um die entgangenen Gewinne des Abschwungs auszugleichen. Damit würde Epcos volatiler - und bei den Handy-Herstellern käme die Marge unter Druck. Das kann Nokia nicht wollen. Aber die Alternative für die Finnen wäre, kräftig weiter zu bestellen und die veralteten Komponenten wegzuwerfen, wenn die Handy-Nachfrage nicht schnell genug anspringt.
Die Unsicherheit ist groß
Im Juni hatte Nokia noch mit einem weltweiten Handy-Verkauf von 94 Millionen Stück fürs zweite Quartal gerechnet. Motorola will aber in derselben Zeit mit 16,7 verkauften Stück einen Marktanteil von 17 Prozent erreicht haben. Das würde einen Gesamtmarkt von 98 Millionen bedeuten. Hat Motorola recht, dann war Nokias Schätzung zu vorsichtig. Die Finnen könnten dann bei den Quartalszahlen nächste Woche positiv überraschen.
Es gibt aber zwei wahrscheinlichere Möglichkeiten. Erstens, Motorola hat seinen Marktanteil zu niedrig geschätzt. Das hieße, dass Nokia noch mehr Marktanteil verloren hat. Zweitens, Nokia hat die Verkäufe an die Verbraucher errechnet, Motorola die an den Handel. Das würde bedeuten, dass die Händler schon wieder Lagerbestand aufbauen - und die Nachfrage insgesamt lahmt.
Wenn eine der beiden Möglichkeiten zutrifft, hat Epcos noch eine harte Zeit vor sich. Allerdings kostet das Papier weniger als zweimal den abgelaufenen Umsatz. Der erste Silberstreif am Horizont der Handy-Nachfrage dürfte der Aktie auf die Sprünge helfen.
Argentinien-Krise / Europa
Muss man sich an den europäischen Börsen um Argentinien oder die Türkei sorgen? Auch wenn sich die Politiker hinter den Sanierer Domingo Cavallo zu stellen scheinen, ist die Gefahr von Zahlungsausfall und deutlicher Währungsabwertung des mit 130 Mrd. $ verschuldeten Landes nicht gebannt. Die europäischen Märkte haben bislang einschließlich der am stärksten betroffenen spanischen Börse gelassen reagiert. Nicht ohne Grund.
Die Gewinne europäischer Firmen könnten auf zwei Wegen direkt durch die Krise gedrückt werden. Sie exportieren weniger dorthin, weil die Märkte wegbrechen und die Produkte dank resultierender Euro-Aufwertung ohnehin teurer werden. Und ihre Direktinvestitionen werfen weniger Gewinn ab. Bleiben die Schwierigkeiten auf Argentinien und die Türkei begrenzt, ist die Gelassenheit in der Tat angebracht. Die Exporte der EU in die Türkei machen nur 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der EU aus. Der Anteil Argentiniens liegt unter 0,1 Prozent, selbst für Spanien beträgt er unter 0,2 Prozent. Zwischen 1995 und 1999 sind nur rund 3 Prozent der EU-Direktinvestitionen nach Argentinien geflossen, die insgesamt 0,4 Prozent des jährlichen BIPs entsprachen. Die Türkei spielt keine Rolle.
Für Spanien sind indes die entsprechenden Anteile der Direktinvestitionen nach Argentinien neunmal so hoch. Zudem hat Spanien noch ein anderes Problem. Die Banken haben Außenstände in Argentinien, die sich auf über drei Prozent des spanischen BIPs belaufen. Daher sind die Großbanken BBVA und BSCH , die auch kräftig in Lateinamerika investiert haben, am stärksten gefährdet. Da ihre Kredite vor allem in Dollar denominiert sind, würden sie zudem durch eine Abwertung belastet. Telefónica soll über ein Achtel seines Cashs in Argentinien erzielen.
Solange sich die Krise nicht verschärft, müssen sich nur einige spanische Firmen sorgen. Dass ganz Lateinamerika, Osteuropa oder Asien angesteckt wird, ist derzeit unwahrscheinlich. Das kann sich aber ändern, wenn die US-Konjunktur lange schwach bleibt. Dann fällt für viele Schwellenländer der wichtigste Exportmarkt weg, auf dem sie ihre Devisen verdienen. Aber dann hat Europa noch ganz andere Probleme.
© 2001 Financial Times Deutschland