Umfrage: Selbstständigkeit müsse Bildungsziel sein. Angst vor "zu vielen Regelungen"
Von Birger Nicolai
Hamburg - Hören jüngere Deutsche das Wort "Wagniskultur", denken sie zuerst an das Bungee-Jumping und zuletzt an die eigene berufliche Selbstständigkeit. Nur noch jeder zehnte Erwerbstätige in Deutschland ist heute ein Selbstständiger, in den sechziger Jahren war es noch jeder fünfte Beschäftigte. In der Studie "Start-up ins Leben: Wie selbstständig sind die Deutschen?" zeichnet das BAT-Freizeit-Forschungsinstitut ein Bild der Nation als Europas Diaspora für Existenzgründer. Institutschef Horst W. Opaschowski und sein Team hatten 5000 Deutsche zu ihren Träumen oder Ängsten beim Thema "Selbstständigkeit" befragt.
Zwar erkennen mehr als drei Viertel der Befragten, dass unsere Leistungsgesellschaft gerade in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit mehr Initiative und damit auch Selbstständige braucht, sie selbst wollen dabei aber nicht unbedingt die ersten sein. Von Versorgungsmentalität ist in der Studie die Rede, von fehlender Erziehung zur Selbstständigkeit schon im Kindesalter und natürlich auch vom Versagen der Schule. Nur Dänemark, Luxemburg und die Niederlande kommen auf noch weniger Selbstständige als Deutschland.
Unsere Lehrmeister sollten Griechen, Italiener und Portugiesen sein, die zwei bis drei Mal so viele Existenzgründer hervorbringen. Deutsche wählen den Weg in die Selbstständigkeit meist nur aus der Not der eigenen Beschäftigungslosigkeit heraus und eben nicht aus freien Stücken.
Damit sich nicht auf Dauer neun von zehn Deutsche wohler fühlen, wenn sie beruflich angeleitet werden, müssten Politik und Gesellschaft einen neuen Pioniergeist entdecken. Opaschowski sieht die Hemmnisse dafür in der überbordenden Bürokratie und Regulierungswut der Deutschen und nennt Beispiele vom Nachtbackverbot bis hin zu restriktiven Arbeitsgesetzen. Aber auch das viel zu spärlich fließende Wagniskapital sowie der Mangel an betriebswirtschaftlicher Beratung verhinderten mehr und zugleich erfolgreichere Existenzgründungen.
Opaschowski fordert eine Kultur des "kreativen Scheiterns", in der mutige Existenzgründer leichtfüßig auch eine zweite Chance erhalten sollen. Selbstständigkeit müsse als Bildungsziel des neuen Jahrhunderts ausgerufen werden. In Zeiten, in den Insolvenzzahlen wie auch die Arbeitslosigkeit neue Höchststände erreichen, ist eine derartige Trendwende aber kaum in Sicht. Heute zumindest, auch dies ergab die Studie, fällt den jungen Deutschen bei dem Wort "Risiko" zunächst eine feste Partnerschaft ein und eben nicht der Weg in die berufliche Unabhängigkeit.