Von der Moral des Überdrusses

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Von der Moral des Überdrusses vega2000

Von der Moral des Überdrusses

 
#1
Drei Missverständnisse stehen im Raum & müssen ausgetrieben werden, mit eisernem Besen oder doch wenigstens mit Tinte. Erstens: Es wird behauptet, die Bild-Zeitung hintertreibe die Wiederwahl der rot-grünen Regierung. Das ist falsch: Die rot-grüne Regierung braucht die Bild-Zeitung nicht, um einen schlechten Stand zu haben. Zweitens: Bonusmeilen sind das schäbigste aller denkbaren Wahlkampfthemen. Das ist anscheinend auch falsch: Auf Bonusmeilen kommt es an, sonst würde sich nicht das ganze Land jetzt darüber das Maul zerfetzen, dank der Bild-Zeitung und solchen Leuten wie dem Christdemokraten Wolfgang Bosbach, der sich als Trittbrettfahrer auf Skandalkarussells schon früher ins Gespräch gebracht hat. Drittens: Bonusmeilen für private Flüge zu verwenden, verstößt gegen die guten Sitten. Das ist auch falsch: Sittenwidrig ist es, wenn die Abgeordneten ihre Bonusmeilen nicht für private Zwecke verwenden.
Letzteres steht noch nicht in der Bild-Zeitung & bedarf deshalb der Erklärung: Abgeordnete buchen ihre Flüge nicht nur kurzfristig, sie buchen selbige auch oftmals um. Das Verfahren der Bonusmeilen taugt für dieses Pensum nicht. Folglich sind die Guthaben nutzlos, sofern sie nicht privat verbraucht werden. Die private Nutzung erspart den Abgeordneten Geld, das sie anderenfalls über den Wunsch nach einer Diätenerhöhung vom Steuerzahler einfordern würden. Woraus zu schließen ist: Bonusmeilen privat nutzen spart Steuergeld. Wer Bonusmeilen nicht nutzt, handelt amoralisch. Sofern die Politiker anderer Länder vom Ausmaß der bundesdeutschen Machenschaften erfahren, dürften sie sich vor Lachen biegen.

Hierzulande hingegen biegen & winden sich vornehmlich die Argumente, die im Namen der politischen Moral – die Bild-Zeitung sitzt frettchenhaft allen im Genick – jetzt ausgetauscht werden. Da hat also Sybill Klotz, die Fraktionschefin der Grünen, dem Gregor Gysi vorgehalten, sich eine Märtyrerrolle anzumaßen, die ihm nicht zustehe. Die Grünen hatten, in Gestalt von Cem Özdemir, nämlich moralisch vorgelegt: „Ich habe Fehler gemacht. Dafür trage ich die volle Verantwortung.“ Gysi, der zu Herrn Hunzinger offenbar keine guten Beziehungen unterhält, ging aber noch weiter: Sein eigenes Verhalten zeige ihm, „dass ich mich entfernt habe von meinen Wählerinnen und Wählern“.

Gysi hat Bonusmeilen privat genutzt. Das ist, wie oben gezeigt, kein Vergehen. Da er aber darauf beharrt, sich vergangen zu haben, war er genötigt, die Last der Schuld, die auf ihm ruht, rhetorisch aufzumöbeln. So schreibt die Dialektik es vor, eine Methode, die für die Defensive besonders gut geeignet ist. Anders bekommt Gysi tatsächlich seine Ruhe nicht. Seit Jahr & Tag hat der Cyrano von der PDS sich aus der Politik zurückziehen wollen. Seiner Rücktrittserklärung sieht man an, wie mühsam das für ihn war: Die ist in einem Jargon verfasst, der dazu angetan ist, die alten Genossen zu überzeugen: Fäule des Bewusstseins, Entfremdung von der Partei, darunter geht es nicht.
Mag Gysis Entschuldigung auch eine Ausrede sein, so möchte sie trotzdem stimmen. Er hat ja recht: Das Politikerdasein korrumpiert, macht die Menschen größer, als sie sind, bis sie glauben, größer zu sein, als alle anderen sind. Die Ausrede, die Gysi jetzt so gelegen kommt, erinnert Frau Klotz deshalb an falsches Märtyrertum, weil sie womöglich nicht einmal falsch ist. Das ist die Logik des dialektischen Materialismus: dass einer die Wahrheit sagt & sie besonders verlogen wirkt. Anders ausgedrückt: Was ganz die Wahrheit ist, weil es ja ganz zutrifft, stellt die beste aller Lügen dar. Ob Gysi wohl etwas dagegen einzuwenden hätte, wenn es hieße, dass er seine Anhänger in dieser aufrichtigen Weise belogen habe & deshalb sofort zurücktreten müsse?
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