Spiegel.de: Kirchs Pokerspiel und Springers Trumpf

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Spiegel.de: Kirchs Pokerspiel und Springers Trumpf Brummer

Spiegel.de: Kirchs Pokerspiel und Springers Trumpf

 
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Von Matthias Streitz

Im Duell mit dem Axel Springer Verlag greift Schuldenkönig Leo Kirch tief in die Trickkiste. Ein Gutachten und eine Klage sollen beweisen, dass Springers 800-Millionen-Option wertlos ist. Selbst dann hätte Springer noch ein Ass im Ärmel.
 
München/Hamburg - Der junge Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner hat dem 75-jährigen, halb blinden Potentaten aus München den Fehdehandschuh hingeworfen - und damit die Auftaktszene zu einem Thriller um Geld, Macht und Millionen geschrieben, wie sie die deutsche Medienszene selten erlebt hat. In den kommenden Wochen werden Springer und Kirch alle Kniffe nutzen, die das Gesetz hergibt, alle Kontakte in den höchsten Etagen der Macht auszuspielen versuchen.
Schröders Telefonate

Schon wird spekuliert, Kanzler Schröder habe die Rettung des Kirch-Imperiums als Chefsache deklariert. "Fast täglich" telefoniere Schröder deshalb mit Rolf Breuer, dem scheidenden Chef der Deutschen Bank, einem wichtigen Kreditgeber Kirchs, schreibt die "Süddeutsche Zeitung".

Auch Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle mische mit bei den Rettungsversuchen. Schröders Sprecher wies die Darstellung zurück. Schröder habe sich zwar im Dezember mit Kirch getroffen. Auch spreche er regelmäßig mit Breuer - dafür aber gebe es "vielfältige Notwendigkeiten".

Einstweilen setzt Kirch bei seiner Abwehrstrategie nicht auf die hohe Politik, sondern auf Paragrafen-Deuter. Der Passauer Jura-Professor Holger Altmeppen hat für Kirch ein Gutachten über jene umstrittene Put-Option geschrieben, die der Axel Springer Verlag gegen Kirch ausnutzen will. Weil der Verlag Steuern sparen wollte, so die These, seien nicht alle Details des Options-Geschäftes geklärt worden, der Vertrag sei nicht bindend. Kirch müsste also nicht innerhalb der nächsten drei Monate den 11,5-Prozent-Anteil des Springer-Verlages zurückkaufen, den die Hamburger seit Mitte 2000 an Kirchs ProSiebenSat.1 Media halten.

Kirch zahlt für Fußball-Rechte
Die KirchGruppe hat nach Angaben des internationalen Fußball-Verbandes FIFA alle Rechnungen für die Übertragungsrechte an der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 pünktlich bezahlt. Insgesamt seien bis Mitte Januar alle fälligen Zahlungen in Höhe von 1,2 Milliarden Schweizer Franken (etwa 813 Millionen Euro) eingegangen, teilte die FIFA am Freitag in Zürich mit. Für den Restbetrag von 100 Millionen Schweizer Franken, der erst 20 Tage nach Abschluss der WM-Endrunde fällig sei, lägen "unwiderrufliche Bankgarantien" vor.

Die KirchGruppe kündigte am Freitag an, sie wolle eine Feststellungsklage gegen Springer einreichen, um ihre Haltung von einem Gericht bestätigen zu lassen - eine weitere Eskalation. Altmeppen schloss in einem Fernsehinterview nicht aus, dass die Angelegenheit bis vor den Bundesgerichtshof hochgereicht werden könnte: "Das kann sich Jahre lang hinzeihen". Vielleicht ist das nur ein "Taschenspielertrick" Kirchs, wie Springer-Vertreter meinen. Durchaus möglich aber, dass Springer aus Flüchtigkeit und Geiz entscheidende Fehler machte - und sich beim Pokerspiel von Kirch austricksen ließ.

Kuckuck im fremden Nest

Kirch hätte damit Zeit gewonnen, sein Reich aber noch lange nicht vor dem Zerfall bewahrt. Einstweilen hätte er die 767 Millionen Euro für den Rückkauf der Springer-Beteiligung gespart. Und bei geschätzten 5,6 bis 6,1 Milliarden Euro Schulden und rund zwei Milliarden weiteren Verbindlichkeiten kann jede gewonnene Woche die Welt bedeuten, während Kirch und sein Adlatus Dieter Hahn um Umschuldung ringen. Wenn die Option wertlos wäre, hätte Kirch aber kaum Woche um Woche mit Springer um Zahlungsaufschub gestritten.

Mehr als ein paar Wochen Zeitgewinn würden für Kirch auch dann kaum herausspringen, wenn er Döpfner auf legale Weise um die Millionen bringt. Denn wenn Springer-Chef Döpfner seinen Anteil an ProSiebenSat.1 nicht los wird - dann säße weiter der Kuckuck Springer in Kirchs Nest. Das könnte sich rächen, denn Springer wäre wohl in der Lage, Kirchs überlebenswichtige Börsenpläne zu torpedieren. Kirch will bis Juni seine Filmrechte-Tochter KirchMedia an die Börse bringen, indem er sie mit der ProSiebenSat.1 AG verschmilzt. Springer könnte mit einer Anfechtungsklage dieses Projekt, das offenbar ohnehin langsamer vorangeht als geplant, weiter verzögern. Minderheitseigner der KirchMedia, denen der Münchner Unternehmer einen raschen Börsengang zugesagt hat, könnten dann ihren Einsatz zurückfordern. Solche Geldforderungen sind das Letzte, was Kirch derzeit braucht.

Schafft Döpfner, was Axel Springer nicht gelang?

Während die Medienwelt gebannt auf den Showdown zwischen dem größten Zeitungsverlag Europas und Deutschlands wichtigstem TV-Konzern wartet, wird über manches gerätselt - vor allem aber über Springers Absichten. Offiziell heißt es aus Hamburg, Döpfner habe keine Alternative zur Ausübung der Put-Option gehabt. Hätte er sie verfallen lassen, dann hätte das dem Wohl des Verlages geschadet, Döpfner hätte seine Vorstandspflichten verletzt, sich strafbar gemacht. Das allein greift zu kurz - Döpfner hätte die Option auch gegen eine höhere Beteiligung an Kirch-Ablegern wie Premiere oder KirchMedia eintauschen können.

Manch einer glaubt nun, der junge Springer-Chef wolle die Chance nutzen, den ungeliebten Münchner ein für allemal aus dem Verlagsreich zu verbannen - auch um den Preis einer Pleite Kirchs. Kirch hatte sich 1985 nur gegen den langen Widerstand des Verlagsgründers Axel Caesar Springer bei den Hamburgern einkaufen, sich 40 Prozent der Anteile einverleiben und einen Posten im Aufsichtsrat sichern können.

Abenteuerliche Ideen

Springer-Sprecher betonen zwar, "ein Herausdrängen von Kirch aus dem Springer-Gesellschafterkreis steht überhaupt gar nicht zur Debatte". Doch das ist nur wenig glaubhafter als die Springer-Aussage, man sei "nicht auf Konfrontationskurs" zu Kirch gegangen. Beobachter trauen Döpfner jedenfalls zu, dass er die Monate vor seiner Amtsübernahme im Januar damit verbrachte, seine Strategie gegen Kirch im Details durchzuplanen. Was aber soll mit den 40 Prozent Springer-Anteilen geschehen, die Kirch derzeit gehören? Zu den abenteuerlicheren Spekulationen gehört das Gerücht, die tiefrote WAZ-Gruppe aus Essen könnte sich beim schwarzen Springer-Imperium einkaufen. Ein Problem bei der Idee ist, dass Kirchs 40 Prozent an Springer laut Branchenkennern bei der Deutschen Bank verpfändet sind und sich nicht ohne weiteres verschieben ließen. An abstrus wirkenden Ideen mangelt es nie, wenn mächtigen Egomanen der Medienbranche aufeinander prallen. Branchenkreise spekulieren bereits, Springer könne bei einer Kirch-Pleite kaum verhindern, dass die 40 Prozent von ausländischen Medienkonzernen übernommen werden.

Möglich also auch, dass Döpfner Kirch erpresst, um Kirch neue Konzessionen abzuzwingen - und dass Springer doch darauf zielt, sich weitere Teile des Kirch-Reiches einzuverleiben. Eines zumindest ist sicher: In wenigen Monaten wird die Struktur der Überkreuzbeteiligungen zwischen Springer und Kirch nicht mehr wiederzuerkennen sein. Und selbst wenn Kirchs Unternehmen bis zum Sommer nicht zerfallen ist oder von der Konkurrenz gefressen wurde, könnte der Australo-Amerikaner Rupert Murdoch den lachenden Dritten mimen: Der Gründer und Chef von News Corp., ganz im Gegensatz zu Kirch mit einer vollen Kriegskasse gerüstet, hat eine Option, Kirch Anteile zum Preis von 1,8 Milliarden zurückzuverkaufen. Die infame Strategie, Kirch erst in die Pleite zu treiben, um seine Gruppe dann billig schlucken zu können, ist Murdoch durchaus zuzutrauen.

Stoibers Sorgen

Das Duell zwischen Döpfner und Kirch könnte schließlich die Dynamik eines weiteren Zweikampfes entscheidend verändern. Nicht nur im Kanzleramt wird mit wachen Augen nach Hamburg und München geblickt, auch Edmund Stoiber hat ein Interesse daran, dass Kirch nicht in den Bankrott stürzt. Stoibers Regierung hat stets behagt, wie Kirch München zu einem der wichtigsten Medien-Metropolen Deutschlands emporgehoben, für ehrgeizige Projekte wie Premiere Arbeitsplätze geschaffen hat.

Mit dem Medien-Idyll an der Isar aber dürfte es vorbei sein, wenn Kirch seine Kredite von wohl zwei Milliarden Euro nicht an die halbstaatliche Bayerische Landesbank (BLB) zurückzahlen kann. Als andere Kredithäuser abwinkten, weil sie Angst umtrieb, Kirch könnte sich verspekulieren, stand die BLB fest auf der Unterstützerseite. Stoiber selbst sitzt zwar nicht im Kreditausschuss der Staatsbank - dafür aber sein Finanzminister Kurt Faltlhauser.

Ein Finanzdebakel bei einer öffentlich-rechtlichen Bank hat im letzten Jahr schon den Unions-Landeschef Eberhard Diepgen das Amt gekostet. Nur wollte Diepgen nicht Kanzler werden.

Quelle: spiegel.de


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