HANDELSBLATT, Mittwoch, 3. Januar 2007, 16:57 Uhr | |||
FinanzmärkteGeld überschwemmt die MärkteVon M. Kurm-EngelsDas Übermaß an Liquidität, das die Finanzmärkte seit Jahren überschwemmt, macht den Notenbanken weltweit das Leben nicht leichter. Doch nach Ansicht einiger Experten sind sie selber dafür an erster Stelle verantwortlich.
FRANKFURT. Wie gefährlich Fehlentwicklungen an den Vermögensmärkten werden können, demonstriert gerade eindrucksvoll der US-Markt für Wohnimmobilien. Er wurde seit Anfang des Jahrzehnts durch niedrige Notenbankzinsen bewusst angeheizt, um die Investitionsschwäche nach dem Platzen der „New-Economy“-Blase zu Anfang des Jahrzehnts auszugleichen. Inzwischen droht dem US-Häusermarkt der Zusammenbruch. Im ungünstigen Fall wird dadurch die übrige US-Wirtschaft nach unten gezogen. Das bliebe nicht ohne Folgen für die Weltwirtschaft. Zwischen Ende 1997 und September 2006 hat sich die Geldmenge nach Berechnungen der Deutschen Bank nahezu verdoppelt; das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist aber nur um 60 Prozent gestiegen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) beklagt das „asymmetrische Verhalten“ der Notenbanken: Schwäche die Konjunktur sich ab, seien sie schnell bereit, die Zinsen kräftig zu senken. Im Aufschwung würden die Zinssenkungen nur zögerlich und nicht im nötigen Umfang zurückgenommen. Die Folge sei ein anhaltender Überfluss an Liquidität. Die kann sich entweder in stark steigenden Verbraucherpreisen entladen, oder sie fließt in die Aktien-, Anleihen- oder Immobilienmärkte und verursacht dort Preisblasen, die über Vermögensverluste hinaus großen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten können, wenn sie platzen. Thomas Mayer, Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank, erinnert an die historischen Präzedenzfälle: den Aktienmarktcrash von 1929, dem die große Depression in den dreißiger Jahren folgte, und das Platzen der japanischen „bubble economy“ in den frühen neunziger Jahren. Japan brauchte fast eine Dekade, um sich davon zu erholen. Die Inflation uferte aus, als Anfang der siebziger Jahre die Bindung der Weltwährungen an den Dollar nicht mehr zu halten war. Die Märkte waren mit der US-Valuta überflutet. Als die Öl exportierenden Länder durch die Verknappung des Ölangebots weltweit die Rohstoffpreise in die Höhe trieben und die Gewerkschaften zweistellige Lohnforderungen durchsetzten, wurde eine Lohn-Preis-Spirale losgetreten. Es war ein Kraftakt, zur Preisstabilität zurückzukehren, große Wachstumseinbußen waren bis in die frühen achtziger Jahre die Folge. <!--nodist-->Lesen Sie weiter auf Seite 2: Niedrige Zinsen verbilligen Kapital relativ zur Arbeit. <!--/nodist-->Es sei kaum anzunehmen, dass die Währungshüter zweimal die gleichen Fehler machen würden, meint Mayer. Umso erstaunlicher ist, wie leichtfertig sie in den vergangenen Jahren Überschussliquidität geschaffen haben. Dabei sind niedrige Zinsen nicht einmal realwirtschaftlich ein ungeteilter Segen. Sie verbilligen Kapital relativ zur Arbeit. Dauern die niedrigen Zinsen an, wird die Produktionsstruktur zu Gunsten kapitalintensiver Fertigungen verzerrt. Durch die Substitution von Arbeit durch Kapital werden Arbeitsplätze vernichtet. Bei Realzinsen von null, wie sie auch der Euro-Raum lange hatte, lohnen sich selbst Investitionen, die bei positiver realer Zinsbelastung nicht in Frage gekommen wären. Produzenten verbleiben im Markt, die ansonsten keine Chance gehabt hätten. Insgesamt kann der Markt seine „Auslesefunktion“ schlechter erfüllen. Langfristig leiden Effizienz und Wachstum der Volkswirtschaft. Die ohnehin schnell wachsenden Finanzmärkte hat die Liquiditätsschwemme aufgebläht. Nach Angaben der BIZ hat sich von Ende 1995 bis Ende 2005 das Volumen der jährlich international begebenen Anleihen nominal von 2,7 Bill. Dollar auf knapp 14 Bill. US-Dollar gut verfünffacht. Das Welt-BIP stieg im gleichen Zeitraum gerade mal um gut 52 Prozent. Die Kapitalisierung der Börsen weltweit sprang von 10,7 Bill. Dollar auf gut 51 Bill. Dollar. Das Volumen der Geldmarktpapiere nahm von rund 151 Bill. Dollar auf über 650 Bill. Dollar zu. Seit dem Tiefpunkt des globalen Zinszyklus Mitte 2003 sind die Preise in praktisch allen Finanzmarktsegmenten zweieinhalb Jahre lang ohne große Schwankungen gestiegen. In ihren Stabilitätsberichten nennen die Notenbanken die hohe Liquidität als Ursache der meisten Risiken, die sie an den Märkten identifizieren. Den USA kommt bei der Liquiditätsschöpfung noch eine besondere Rolle zu. Sie haben nicht nur lange durch billiges Geld im Inland Liquidität geschaffen. Sie erhöhen sie auch international durch ihr Leistungsbilanzdefizit. Um ihre Nachfrage etwa nach asiatischen Konsumgütern zu finanzieren, drucken sie Dollar. Die dadurch geschaffene Liquidität fällt in den Lieferländern an. Soweit diese die erhaltenen Beträge anlegen, zum Beispiel in US-Staatspapieren, drücken sie den langfristigen US-Zins. Aber auch dem Rest der Welt zwingt dieses Arrangement tendenziell niedrige Zinsen auf. Gegenhalten ließe sich nur um den Preis eines höheren Wechselkurses. Mayer vermutet, dass die Notenbanken den Ausweg aus diesem Dilemma in der Reflationierung sehen. Sie ließen ganz allmählich steigende Inflationsraten zu. So betone EZB-Chef Jean-Claude Trichet immer wieder, wie wichtig es sei, dass die Inflationserwartungen fest verankert blieben. Gleichzeitig toleriere die EZB inzwischen aber eine Teuerung von deutlich über zwei Prozent. Wenn diese Theorie stimmt, werden die Bezieher fester Einkommen und die Bondmärkte die Zeche zahlen. Denn durch die Inflation verlieren die Bestände und die nominellen Erträge an Kaufkraft. <!-- ISI_LISTEN_STOP --> |
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