Die Orientalisierung der deutschen Wirtschaft

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Die Orientalisierung der deutschen Wirtschaft

 
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04.07.2003 - 11:07 Uhr
- von Bernd Niquet -

Um Arbeitsplätze zu schaffen, muss investiert werden. Um die Entscheidung zugunsten einer Investition zu tätigen, werden von den potentiellen Investoren die Chancen und die Risiken einer Investition miteinander verglichen. Auf der Chancenseite steht der Absatzmarkt an oberster Stelle. Geht es den Leuten schlecht, so werden sie eher weniger kaufen. Das ist die konjunkturelle Seite der gegenwärtigen Arbeitslosigkeit. Auf der Risikoseite hingegen besitzen die institutionellen Faktoren eine hohe Priorität – die Banken, die Politik, die Gewerkschaften, der Staat, die Verbände. Das sind die strukturellen Faktoren der gegenwärtigen Arbeitslosigkeit.

In Anlehnung an ein altes Kostolany-Bonmot möchte ich heute die folgende These über die aktuelle Wirtschaftslage in der Bundesrepublik aufstellen. Wer kein Geld hat, muss etwas unternehmen und investieren. Wer hingegen Geld hat, wird den Teufel tun und sich lieber Aktien, Emerging-Market-Anleihen oder Optionsscheine kaufen als auch nur einen Euro in ein traditionelles Geschäft zu investieren und sich damit den ganzen Hengsten aus der Verwaltung auszuliefern. Das führt letztlich zu einer Orientalisierung der deutschen Wirtschaft – auf der einen Seite zu wenigen, riesigen und alles beherrschenden Unternehmen, die wie von der Administration wie Könige behandelt werden, und auf der anderen Seite zu einem riesigen Basar sich tummelnder zwangsselbständiger Habenichtse.

Wie die Mühlen der Bürokratie mahlen, dazu habe ich heute wieder einmal ein kleines Beispiel aus eigener Erfahrung mitzuteilen, das meine obige These natürlich bestens stützt. Wer auch nur annähernd ein paar Euro auf dem Konto hat, sollte sich dringend davor hüten, sich freiwillig in die Fänge der Bürokraten zu begeben. Denn wie fair, schnell, übersichtlich und effizient ist dagegen das Geschehen an den Finanzmärkten.

In den Jahren 2001 und 2002 habe ich für die Kirch-Gruppe ein paar Kolumnen geschrieben. Um sich vor den Fallen des „Gesetzes gegen die Scheinselbständigkeit“ zu schützen, bestand die Kirch-Gruppe darauf, ein sogenanntes „Statusfeststellungsverfahren“ bei der BfA durchzuführen, um sicherzustellen, dass ich nicht nur Kirch als Auftraggeber habe, (was bedeuten würde, dass man dort Sozialbeiträge für mich hätte entrichten müssen,) sondern auch noch über weitere Auftraggeber verfüge.

Am 5. April 2002 habe ich diesen Antrag gestellt. Mit Schreiben vom 28. Juni 2003 bekam ich nun eine erste Antwort, die folgendermaßen begann: „Für die weitere Bearbeitung benötigen wir von Ihnen noch ergänzende Angaben ...“ Anschließend sind alle vorhandenen Felder angekreuzt und zwei buchdicke Fragebögen beigelegt. Das Schreiben endet schließlich mit dem Hinweis, dass „... nur tatsächliche bestehende Vertragsverhältnisse durch rechtsverbindlichen Bescheid bewertet werden können. Für in naher Zukunft angestrebte Vertragsverhältnisse ist nur eine gutachterliche Stellungnahme möglich.“

Das bedeutet, um Rechtssicherheit zu haben und Klarheit in den Selbstständigkeitsstatus zu bringen, muss das Statusfeststellungsverfahren eigentlich permanent durchgeführt werden. Da zwischen Antragstellung und Aufforderung zur Einreichung von Unterlagen jedoch 14 Monate vergangen sind, ist dies relativ schwierig in einem Business, in denen Kolumnen heute angefordert und morgen geliefert werden. So viel zu den gesetzgeberischen Vereinfachungen von Rot-Grün.

Ich kann daher erneut jeden potentiell Selbständigen nur warnen: Keep your fingers off! Wer sich mit der Bürokratenmafia einlässt, geht unkalkulierbare Risiken ein! Denn wer weiß, was aus derartigen Dingen später einmal wird – möglicherweise jahrzehntelange Nachzahlungsverpflichtungen. Zum Glück hat die Kirch-Gruppe während des Mahlvorganges der Beamten bereits die Hufe gehoben. Und das ist auch folgerichtig: Denn der rationale Investor meidet die Realwirtschaft wie der Teufel das Weihwasser und investiert ausschließlich an den Finanzmärkten.




Bernd Niquet, im Juli 2003.
berndniquet@t-online.de

Bernd Niquet ist Börsenkolumnist und Buchautor. Von ihm sind derzeit die folgenden Bücher lieferbar.

· "Der Crash der Theorien", Börsenmedien Verlag, Kulmbach 1997.
· "1000 Prozent Gewinn. Euphorie und Crash der Hightech–Aktien im Spiegel des Zeitgeistes", FinanzBuch Verlag, München 2000.
· "Die Welt der Börse", Campus Verlag, Frankfurt/M., New York 2000.
· "Der Zauberberg des Geldes", FinanzBuch Verlag, München 2001.
· "Das Orwell Haus. Aus dem Innenleben der Erbengeneration", Allitera Verlag, München 2002.
· "Keine Angst vorm nächsten Crash", aktualisierte Taschenbuchausgabe, Piper Verlag, München 2003.


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