Wertsicherungskonzepte (3):
Gewinnsicherung hat ihren Preis
Probleme der CPPI treten auch bei TIPP auf - Lookback-Optionen erscheinen wenig interessant
Von Carsten Grosse-Knetter *)
Börsen-Zeitung, 6.12.2001
In den bisherigen Folgen dieser Serie wurden Wertsicherungsstrategien untersucht, die in fallenden Märkten einen vorgegebenen Mindestportfoliowert absichern. Betrachten wir nun die Situation, dass die Kurse erst ansteigen und danach einbrechen, wie es zum Beispiel an den Aktienmärkten im Jahr 2000 oder 1998 der Fall war.
In diesem Fall ist es wünschenswert, nicht nur ein festes Kursniveau relativ zum Einstandskurs, sondern auch einen Teil der zwischenzeitlich aufgelaufenen Gewinne abzusichern. Man braucht also eine Strategie, die in steigenden Märkten das Absicherungslevel dynamisch nach oben anpasst.
In der Tat lassen sich die beiden in den vorherigen Folgen dieser Reihe beschriebenen Grundtypen von Absicherungsstrategien - CPPI und Optionsstrategien - auf gewinnsichernde Konzepte verallgemeinern. Der Preis dieser zusätzlichen Absicherung ist natürlich eine noch höhere Absicherungsprämie als die, die bei den nicht gewinnsichernden Strategien anfällt.
TIPP = erweiterte CPPI
Die in der ersten Folge dieser Serie beschriebene CPPI (Constant Proportion Portfolio Insurance) ist eine Wertsicherungsstrategie, in der der Investitionsgrad in riskanten Assets dynamisch über das Value-at-risk so gesteuert wird, dass eine gegebene Wertuntergrenze nicht unterschritten wird. In fallenden Märkten wird der Investitionsgrad heruntergefahren, und in steigenden Märkten wird er wieder heraufgefahren (vgl. BZ vom 22. November 2001).
Die gewinnsichernde Erweiterung der CPPI nennt sich TIPP (Time Invariant Portfolio Protection). Die TIPP funktioniert im Prinzip genauso wie die CPPI, nur wird das Absicherungslevel nicht relativ zum Einstand, sondern relativ zum maximalen Portfoliowert der Strategie festgelegt und bei steigenden Märkten entsprechend erhöht. Auf Basis dieses dynamischen Absicherungslevels werden, wie bei der gewöhnlichen CPPI auch, der vorhandene Puffer (Differenz zwischen Portfoliowert und Mindestwert) und der Investitionsgrad berechnet.
Fallen die Kurse nach einem Anstieg, ist der Puffer schneller verbraucht als bei der normalen CPPI, und der Investitionsgrad wird früher reduziert. Dadurch werden vorhandene Kursgewinne abgesichert.
Alternativ: Lookback-Option
Eine auf Optionen basierende Wertsicherungsstrategie besteht aus einem durch eine Put-Option abgesicherten Portfolio oder - was dazu äquivalent ist - einer Kasse-Position und einer Call-Option. In letzterem Fall garantiert die Kasse einen Mindestportfoliowert und die Call-Option die Partizipation an steigenden Märkten. Die gewinnsichernde Erweiterung dieser Optionsstrategie lässt sich mit Hilfe von Look-back-Optionen realisieren. Während der Wert einer gewöhnlichen (europäischen) Call-Option bei Fälligkeit der Differenz aus dem Kurs des Basisinstruments bei Fälligkeit und dem Ausübungspreis entspricht, zahlt eine Look-back-Option - genau genommen ein "Call on Maximum" - die Differenz aus dem während der Laufzeit erreichten Kursmaximum und dem Ausübungspreis. Das entspricht im Prinzip einer amerikanischen Option, die man genau zum optimalen Zeitpunkt, das heißt beim Höchstkurs, ausgeübt hätte.
Eine Look-back-Option ist daher eine pfadabhängige exotische Option. Aufgrund des günstigeren Auszahlungsprofils ist sie jedoch erheblich teurer als eine gewöhnliche Option.
Eine entsprechende Absicherungsstrategie lässt sich wieder als Portfolio aus einer Kasse-Position und einer Look-back-Option (Call on Maximum) realisieren. Dabei kann man die Option explizit halten (wobei sich exotische Optionen jedoch nur als Warrants oder OTC-Produkte erwerben lassen) oder, wie in der zweiten Serienfolge beschrieben, dynamisch replizieren, indem man den Investitionsgrad dem Delta einer solchen Look-back-Option anpasst, das heißt ein Portfolio aus Kasse und Wertpapieren (bzw. Futures) so konstruiert, dass es die gleiche Sensitivität auf den zugrunde liegenden Markt hat, wie die entsprechende Look-back-Option.
Historische Simulation
Auch die gewinnsichernden Strategien wurden wieder für den Dax historisch simuliert. Die verwendeten Parameter sind dieselben wie in den vorhergehenden Folgen, das heißt 5 % risikoloser Zins und 25 % (implizite) Volatilität und jeweils ein Kalenderjahr Absicherungshorizont. Bei der TIPP-Strategie wurden 95 % des maximalen Portfoliowerts abgesichert, in der Look-back-Strategie wurde bei einem Absicherungslevel von 95 % ein Call on Maximum gehalten. Untersuchungszeitraum waren wieder die Kalenderjahre 1997 bis 2000. Die Abbildung zeigt den Wert eines ungesicherten und zweier durch die beiden beschriebenen Strategien gesicherten Portfolios im zeitlichen Verlauf für das Jahr 1998.
In den Jahren 1997 und 1999, in denen die Endkurse fast die Höchstkurse waren, hat eine gewinnsichernde Strategie keinen zusätzlichen Nutzen gebracht, da keine zwischenzeitlichen Kursgewinne zu sichern waren. In der Tat sind in diesen Jahren die gewinnsichernden Strategien den entsprechenden nicht gewinnsichernden Strategien wegen der höheren Absicherungsprämie unterlegen.
Positives Ergebnis in 2000
Bei Betrachtung der Jahre 1998 (siehe Grafik) und 2000, als der Markt erst gestiegen und dann eingebrochen ist, zeigt sich, dass die TIPP-Strategie ein sehr gutes Ergebnis erzielt hat, das die gewöhnliche CPPI bei weitem übertraf. Aufgrund des gewinnsichernden Effekts hat die Strategie in diesen Jahren auch den Markt selber, das heißt die ungesicherte Strategie, outperformt und 2000 sogar in fallenden Märkten ein positives Ergebnis erzielt.
Jedoch tritt das in der ersten Serienfolge dargelegte Problem der CPPI, sich in schwachen Märkten oder Seitwärtsbewegungen zu schnell auszustoppen und an anschließend steigenden Märkten nicht mehr partizipieren zu können, bei der TIPP verstärkt auf. So war 1999 in dieser Strategie nach einer leichten Seitwärtsbewegung der Puffer bereits vollständig verbraucht, so dass an der folgenden sehr positiven Marktentwicklung nicht mehr partizipiert werden konnte. In diesem Fall hat die TIPP-Strategie noch schlechter performt als die gewöhnliche CPPI.
Die Look-back-Strategie war lediglich 1998 besser als die gewöhnlichen Optionsstrategien, jedoch schlechter als die TIPP. Im Jahr 2000 wurde trotz der Kursgewinne zu Jahresanfang das günstigere Auszahlungsprofil durch die höhere Optionsprämie kompensiert; die Strategie war den gewöhnlichen Optionsstrategien nicht überlegen, das heißt, es konnten keine zwischenzeitlichen Gewinne gesichert werden. Eine Absicherung durch Look-back-Optionen erscheint daher wenig attraktiv.
*) Dr. Carsten Grosse-Knetter ist Leiter der Quantitativen Analyse bei der Frankfurt-Trust Investmentgesellschaft.
Börsen-Zeitung, 6.12.2001
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