Bericht zur Lage der Content-Nation


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Bericht zur Lage der Content-Nation

 
31.07.02 06:46
Hoffen, Wünschen, Bangen: Kickte die Nationalmannschaft die Paid-Content-Idee in die nächste Runde?

Sie waren schon beeindruckend: die Beispielrechnungen, die kurz nach der Weltmeisterschaft in der Fachpresse kursierten. Denn vor den Augen der TV-Nation hatten die Telkos ihre Bezahldienste angeboten: der aktuelle Spielstand per SMS. Tore, Ecken, Fouls, Karten und Netzer-Weisheiten für rund 20 Cent pro Stück.

Nach Ende der WM rechneten Pressearbeiter und Fachredakteure dann auf: T-Mobile verdoppelte die Zahl der bestellten SMS-Info-Dienste von einer auf zwei Millionen, WAP vertausendfachte sich zeitweise. Was einer halbe Million Umsatz durch den WM-SMS-Dienst und 190.000 Euro Erlöse bei den WAP-Angeboten entspricht. Über "enormen" Zugriff freute sich auch Vodafone D2-Sprecher Heiko Witzke: immerhin 29.000 Euro Umsatzplus. Und sogar das Internet-Bezahlkino von Yahoo (alle Torszenen auf dem PC-Bildschirm) erlöste Millionenbeträge.

Man sieht: Es geht doch mit den Bezahlinhalten auf digitalen Plattformen. Vor allem dann, wenn so ideale Voraussetzungen geboten werden wie zur WM. Wichtige Spiele während der hiesigen Arbeitszeiten und kaum Fernseher in den Büros. Regelrechte Testlaborbedingungen, ein idealer Versuchsaufbau. Der Zeitverschiebung sei Dank.

Doch wo viel Glanz ist, ist auch viel Schatten. Überall im Land bibbern gleichzeitig die Verantwortlichen fürs Electronic Publishing um ihre Jobs, ihre Abteilungen und ihre Macht. Die  Verlagsgruppe Handelsblatt, ohnehin gebeutelt von der Werbeflaute, beschloss im gleichen Zeitraum, seine Multimedia-Tochter Economy.one, die bislang für die Netzauftritte der Printobjekte Handelsblatt, Wirtschaftswoche, Telebörse und anderer Verlagsprodukte gesorgt hatte, zurück ins Heim zu holen - und die Belegschaft bei dieser integrativen Gelegenheit um die Hälfte zu kappen. Genaueres weiß man nicht. Jedenfalls soll die Online-Redaktion - von drei Kollegen abgesehen - abgebaut werden.

Auch die  Mediengruppe Madsack will angesichts des Kostendrucks ihre "Internetstrategie ändern". Die vollständigen Web-Angebote von Titeln wie "Hannoversche Allgemeine Zeitung" und "Neue Presse" sollen künftig nur noch Abonnenten zur Verfügung stehen. Kostenlos wird nur noch ein Rumpfangebot sein, während Abonnenten der Printausgaben zukünftig auf weitere Services zurückgreifen können: So sollen nach einem Bericht der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" bereits am Ende des Jahres die kompletten Zeitungsausgaben am Vorabend des Erscheinungstages im Netz abrufbar sein. Werber haben überdies die Möglichkeit, Anzeigen für das Internet mit einer speziellen Software selbst zu produzieren. Die Online-Redaktion wird drastisch reduziert. Kaum ein Verlag, der nicht die Abwicklung oder Integration seiner Multimedia-Töchter erwägen würde.

Ähnliches gilt für die Mannschaft des bundesweiten Online-Kleinanzeigenvermarkters der Tageszeitungen: Die  Versum.de startete im Sommer 2000 mit sieben Mitarbeitern, schnellte im Frühjahr 2001 dann auf 80, im Sommer 2001 auf 120 hoch, wurde schließlich auf 60 runtergefahren und nun - 50 Millionen Euro später und nach Ausstieg der Hälfte der Gesellschafter - auf ganze acht Mitarbeiter. Begraben ist die hochfliegende und wohl auch etwas leichtsinnige Ideen, eine bundesweite Marke zu etablieren. Die Teilhaber sagten sich wohl: Marken gibt es bereits! Und zwar unsere! Da müssen wir uns selbst nicht auch noch Konkurrenz machen. Also wird Versum.de zu einem Dienstleister für Tageszeitungen umgemodelt, der Kleinanzeigen sammelt, bündelt und für die Gesellschafter auf deren Webseiten nutzbar macht. Hat je einer von einem Geschäftsmodell gesprochen? Nicht einmal Kleinanzeigen, das Rubrikengeschäft der Tageszeitungen, kann man offenbar im Internet verkaufen.

Wird das verlegerische Internet ein Fall für die Marketing-Abteilungen?

Wenig Neues also beim Paid-Internet-Content? Denn durch die Diskussion um bezahlte Inhalte wabern immer noch die alt bekannten Beispiele wie das der New York Times. Hantiert wird mit den alten Zahlen, die nichts beweisen, außer dass es da einer versucht und alle anderen abwarten, ob der sich eine blutige Nase holt. Und so warten auch hierzulande alle auf den "Fall Off", auf den ersten, der seine Inhalte verkauft. Geht das gut, wird es kopiert, geht es schief, freuen sich die Zaungäste. Denn dafür hat der "Early Adopter" dann seine Reichweite geopfert. Das heißt, er verliert für das Experiment Bezahlinhalt einen Teil seines Traffics. Für die Schaulustigen kann nichts schiefgehen, sie profitieren allemal.

Doch gerade vom Versuch, ähnlich wie man das im Print-Markt gelernt hat, eine möglichst große Reichweite aufzubauen, verabschieden sich die ersten wieder. RTL, bisher in der deutschen Spitzengruppe beim Traffic, will nicht länger Reichweitenführer sein: Zu teuer und bringt nix, sagen die Verantwortlichen. Wozu Reichweite, wenn man diese dann doch nicht in Form von Medialeistung über ein florierendes Werbegeschäft absetzen kann? Denn auch das Business mit den Bannern liegt ebenfalls chronisch danieder - und ist das geblieben, was es nie sein sollte: eine Dreingabe zur Print-Anzeigenbuchung. Für gute Kunden, die man printmäßig bei der Stange halten will. Stattdessen will RTL Online lieber gewinnbringende Kooperationen mit Markenartiklern für die Webseite einfädeln. Hübsche, erlebnisorientierte und multimediale Umfelder für die Industrie. Und auch hier gucken alle zu.

Wird das verlegerische Internet ein Fall für die Marketing-Abteilungen? Wieder müsste man sagen. Denn nach sieben Jahren sind die Internetaktivitäten der Medien- und Verlagshäuser dort angekommen, wo sie begonnen haben: als Marketingmaßnahme für die ehemals starken, nun etwas schwächelnden, aber im Kern doch gesunden Print-Marken. Und wenn schon die Marketingleute ihre Etats herausrücken müssen, um die digitale Veranstaltung zu finanzieren, dann werden sie auch das Sagen haben wollen.

Wenn da nicht Crossmedia wäre. Auch - nebenbei gesagt - ein Grund, die Online-Kollegen in die Print-Redaktionen heimzuholen. Doch eigentlich einer der letzten Hoffnungsstreifen am Horizont. Die Idee: besser aufgestellt im Markt durch einen Medienverbund aus Print und Online. Soweit die Theorie. Das klappt dann zwar in der Praxis, doch wenn auf der Internet-Seite nichts oder zu wenig erlöst wird, klappt er halt wieder nicht. Die FAZ macht vor, wie man Crossmedia im Werbemarkt vermarktet. Und auch andere schnüren Print-Online-Crossmedia-Werbepakete. Wohl auch, um hier ebenfalls ihre Online-Vermarkter den klassischen Vermarktern zuschlagen zu können. Ob's im Markt klappt, bleibt abzuwarten. Aus diesem Grund dürfte Crossmedia im Augenblick vor allem eine Idee der Controller und Kostenreduzierer sein. Denn damit kann man den Print-Leuten noch ein bisschen Online aufdrücken.

Mit der Medien- und der Telekommunikationsindustrie treffen zwei verarmte Kinder aufeinander

Zurück zum neuen Hoffnungsträger "mobile Publishing": Hier existieren tatsächlich eklatante Unterschiede zum "versauten" Kostenlos-Medium Internet. Erstens: Der Nutzer hat gelernt, für alles, was er mit seinem Handy macht, zahlen zu müssen. Zweitens: Die Telkos müssen Inhalte verkaufen, um ihre fallenden Pro-Kopf-Umsätze in der Sprachkommunikation auszugleichen, Drittens: Anders als die Provider, die uns den Internet-Access verkauften, also den Zugang zu Inhalten, die es bereits gab, existieren diese Inhalte in den mobilen Netzen noch nicht. Also müssen sich die Telkos drum kümmern, dass diese Inhalte entstehen.

Gute Ausgangsbasis für Medienunternehmen - möchte man meinen. Doch auch bei diesen neuen Heilsversprechen herrscht Ambivalenz: Hochgelobt wird beispielsweise das Revenue-Sharing-Modell von  i-Mode, des mobilen Multimedia-Portals von E-Plus, eine Adaption des japanischen Erfolgsdienstes. "Ganze 86 % der Erlöse durch Content-Verkauf fließen zum Content-Partner", jubelt das Medien- und Marketing-Fachorgan Horizont.

Doch ob das den Inhalte-Partnern so recht ist? Denn je höher der Anteil am künftigen, heute noch weitgehend fiktiven Umsatz, desto weniger beteiligen sich die Telkos oder Portal-Betreiber an den Einstiegsinvestitionen. Anders formuliert: Das gesamte Risiko trägt der Anbieter der Inhalte. Wenn nichts verdient wird, sind die Investitionen auch futsch. Und schließlich ist ein großer Anteil von wenig immer noch wenig. Auch wenn die Perspektiven nicht schlecht aussehen. Doch was hier geschieht ist, wie es ein McKinsey-Berater einmal formulierte: Mit der Medien- und der Telekommunikationsindustrie treffen zwei verarmte Kinder aufeinander.

Was die Sache erträglicher macht, ist die Tatsache, dass die Investitionen in das mobile Geschäft für die Verlage nicht allzu hoch ist. Trost spendet eine groteske Situation: Je besser sich ein Verlag fürs Medium Internet aufstellte, desto besser scheint er jetzt für digitale Formate gerüstet zu sein. Denn desto geringer seine Anbindungskosten und damit desto größer die Aussichten auf Erlöse im ersten Schritt, im zweiten dann Gewinne ... finanziert mobile gar Internet? Wir werden sehen. Die Chancen stehen jedenfalls nicht so schlecht.

Wenn die Optimierungsschleife nicht wäre: Denn im mobile Business mitzuspielen, heißt auch Erfahrungen sammeln, über die man als Einsteiger so nicht verfügen kann. Wer hätte schließlich gedacht, dass SMS, eine Art Light-Version der E-Mail, die mühsam mit 12 Tasten eingetippt werden muss, so boomt? Die ersten Carrier machen bereits 20 % ihres Umsatzes damit.


Ist das Handy dem PC als Informations- und Kommunikationsmedium überlegen?


Und vielleicht stimmt es tatsächlich, was viele vermuten, nämlich dass mobile Formate weit vor den Internetangeboten schwarze Zahlen schreiben werden und sogar einen - wenn auch kleinen - Deckungsbetrag erlösen. Vorausgesetzt, man schlägt ihnen die Internetinvestitionen nicht zu. Vielleicht ist das Handy sogar dem PC als Informations- und Kommunikationsmedium überlegen. Trotz der Tatsache, dass man die winzigen Geräte nur mit filigranen Fingerchen halbwegs bequem bedienen kann und man für das winzige Display nur mit guten Augen ausgestattet sein darf.

Wie Axel Burkert, Chefredakteur von Xonio.de, einer Infoplattform für Handy-Nutzer, sagt, ist das Handy intimer, denn der PC rangiere immer noch unter der Rubrik "Arbeitsgerät." Und das scheint für die meisten gleichbedeutend mit Quälinstrument.

Und trotz der vielversprechenden Aussichten, darf nicht eine Art "First User Effekt" vernachlässigt werden. Denn auch was unter News läuft, findet im Augenblick unter Entertainment-Aspekten statt. Der Kunden will eben sehen, ob es wirklich funktioniert. Ähnlich wie jeder Knopf einfach gedrückt werden will.

Und wir erinnern uns wie prickelnd es in der Frühzeit des WorldWideWeb war, das Gefühl, mal eben in den Server des MIT in Massachusetts einzusteigen und sich gleich darauf einen Strandabschnitt in der Nähe von Perth/Australien per WebCam anzuschauen. Und aus diesem Grund werden auch Netzers Fußballweisheiten auf einmal spannend.  
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Kein "End of Free" in Sicht

 
18.08.02 07:14
Washingtonpost.com-Chef widerspricht dem Trend zu Bezahlinhalten

Seit dem Niedergang des Online-Werbemarktes suchen immer mehr Content-Plattformen ihr Heil in kostenpflichtigen Angeboten. Der CEO und Herausgeber der beiden Internet-Angebote Washingtonpost.com und Newsweek.msnbc.com hat nun vehement Stellung für die kostenfreien Angebote bezogen. Der Werbemarkt werde sich langfristig erholen, Abonnements würden dagegen überschätzt.

Washingtonpost.com-CEO Christopher M. Schroeder lässt sich vom derzeit ziemlich mageren Online-Werbemarkt nicht bange machen. In einem Interview mit dem Onlinemagazin Iwantmedia.com  erklärte er jetzt, er halte Werbung für "das Modell für gute Qualitätsinhalte". Schon im nächsten Jahr hält er ein Umdenken bei der werbenden Wirtschaft für möglich, weg vom Clickthrough-Fetischismus und hin zu effizienteren Werbeformen. "Ich glaube fest, dass der Hauptantriebsmotor für dieses Medium zum Medium passende Werbung sein wird", so Schroeder.

Damit widerspricht er einem gerade in den USA immer lauter werdenden Chor der Anhänger von Bezahlinhalten. Erst vor rund zwei Wochen hatte der CEO der von Reuters und DOW Jones gegründeten Nachrichtenagentur Factiva  erklärt, im Jahr 2004 gäbe es News im Netz nur noch gegen Geld. Eine  Studie der Online Publisher Association verkündete zudem kürzlich, mittlerweile würden 1700 Online-Angebote auf kostenpflichtige Inhalte setzen - allerdings wurden dabei Porno- und Casino-Websites mitgezählt. Ein CNET-Kommentator  wünschte sich sogar: "The End of Free? Please, let it be!

Christopher Schroeder schaut sich diesen Trend an, hat aber für die eigenen Angebote keine derartigen Pläne. Statt dessen möchte er den Surfern sogar noch mehr umsonst bieten. Mehr Videos, mehr Flash-Features wie das preisgekrönte  Phoenix Rising"-Projekt. Etwas andere Ansichten als viele in seiner Branche hat Schroeder übrigens auch zu dem in letzter Zeit auch in Deutschland wieder heiß  diskutierten Thema Deep Linking:
 
"Ich liebe es. Ich denke es ist grandios. Vielleicht bin ich ein bisschen naiv, aber ich denke, je mehr Leute auf den Qualitätsjournalismus der Washington Post aufmerksam werden, desto besser."  
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