Mittwoch, 13.12.2023 16:02 von Gerd Kommer | Aufrufe: 488

GameStop-Effekt: Ist es klug, gegen Leerverkäufer zu wetten?

In diesem Beitrag zeigen wir, warum es unklug ist, Aktien zu kaufen, die von Hedge-Fonds besonders stark leerverkauft werden.

Manche Leser dieses Artikels werden sich noch an ein kurioses Börsenereignis im Januar 2021 erinnern: Der unglaubliche Kursanstieg und der anschließende Einbruch der amerikanischen GameStop-Aktie (WKN: A0HGDX). Zu Beginn der GameStop-Kursexplosion am 4. Januar 2021 betrug der Aktienkurs dieses bis dahin unauffälligen, eher verstaubten Nebenwertes mit einem veralteten Geschäftsmodell etwa 4,50 Dollar. In den 13 Jahren von Anfang 2008 bis Ende 2020 war der Kurs der GameStop-Aktie um kumulativ 70% gefallen. Anfang 2021 erschien GameStop auch deswegen als offensichtliche Loser-Aktie.

Die GameStop-Story

GameStop verkaufte Computerspiele und andere "Consumer-Software" an Privatkunden. Das klingt zunächst einmal modern, bis man realisiert, dass GameStop ein stationärer Einzelhändler war, sein Retail-Business ganz altmodisch aus rund 5.000 Ladengeschäften, vorwiegend in den USA, Kanada und Australien, abwickelte und als Zwerg mit den rein internet-basierten App-Store-Giganten von Apple, Google und anderen konkurrierte. Die Mehrheit der GameStop-Läden war defizitär und oft in langjährigen Mietverträgen gefangen.

Im Januar 2021 schien sich das alles zu ändern. Über die drei Wochen ab dem 4. Januar stieg der GameStop-Kurs von 4,50 Dollar auf in der Spitze 81 Dollar, also um aberwitzige 1.700 Prozent. Bis Juni 2021 gab es dann eine Seitwärtsbewegung mit starken Ausschlägen nach oben und unten. Danach fiel die Aktie über zweieinhalb Jahre hinweg allmählich auf heute etwa 15 Dollar (Anfang Dezember 2023).

Was war geschehen? Ein beträchtlicher Teil der GameStop-Aktien war aufgrund der chronischen betrieblichen Verluste des Unternehmens, seines unattraktiven Geschäftsmodells, merkwürdigen Äußerungen des CEOs, Verdacht auf Bilanzmanipulationen und einer offenbar fehlenden Zukunftsstrategie Anfang 2021 von einigen Hedge-Fonds leerverkauft (geshortet) worden. Die Hedge-Fonds spekulierten durch ihr Shorting auf einen weiter fallenden Aktienkurs.

GameStop wird zum Meme Stock

Aber aus bis heute wenig klaren Gründen wurde das hässliche Entlein GameStop plötzlich zu einem Meme Stock, einer Aktie, deren Kurs von jungen, überwiegend unerfahrenen Kleinanlegern in den sozialen Medien zum Gegenstand kollektiver Anti-Establishment-Kaufspekulation gemacht wurde – aus der Perspektive dieser Kleinanleger zu einem epischen David-gegen-Goliath-Kampf. Dabei war David ein Schwarm von Kleinanlegern, Goliath das Wallstreet-Establishment in Gestalt mehrerer Hedge-Fonds. Wie wir alle wissen, haftet Hedge-Fonds in der allgemeinen Öffentlichkeit ein unsympathisches Image von Gier, Gigantomanie und Reichtum an, obwohl zumindest Größe und Reichtum für die allermeisten der rund 15.000 Hedgefonds weltweit gar nicht zutrifft. Über 90% von ihnen dürften sehr klein und für ihre Betreiber wie auch die Anleger in den Fonds nur wenig rentabel sein.

Während dieses "Short Squeeze" (wörtlich "auspressen von Leerverkäufern") koordinierten sich die vielen Tausend Kleinanleger u. a. über Twitter und TikTok. Es gelang ihnenim Januar und Februar 2021 den Kurs von GameStop in schwindelerregendere Höhen zu pushen. Der extreme Kursanstieg verursachte bei den betreffenden Hedge-Fonds, die ja auf einen fallenden GameStop-Kurs spekuliert hatten, Verluste im Milliardenbereich.

Diese seltsame Kapitalmarktepisode wurde inzwischen sogar von Hollywood verarbeitet. Der Film mit dem Titel Dumb Money kam vor wenigen Wochen in die deutschen Kinos und erzählt die Geschichte dieses David-gegen-Goliath-Kampfs aus der Sicht einiger Kleinanleger.

Kann man aus dem GameStop-Event schließen, dass Leerverkäufer (Short Sellers) – der größte Teil von ihnen sind Hedge-Fonds, wie bei GameStop, zumeist Geld verlieren? Nein, kann man nicht.

Die Fakten zum Erfolg von Leerverkäufern

Das Gegenteil trifft zu. Institutionelle Leerverkäufer liegen mit ihren Wetten auf sinkende Kurse statistisch in mehr als der Hälfte aller Fälle richtig. GameStop war eine Ausnahme von der Regel.

Tatsächlich ist es so, dass Aktien, die in einem bestimmten Zeitraum im Vergleich zu anderen Aktien sehr intensiv leerverkauft werden, während dieser Phase als Gruppe marktunterdurchschnittliche Renditen aufweisen. Grund: Die Leerverkäufer sind tendenziell sehr gut informierte Händler, im wissenschaftlichen Jargon "short sellers are informed traders." Diese sind abzugrenzen von der Mehrheit der Noise Trader, spekulativ orientierten Privatanlegern, die auf ein Sammelsurium von Signalen, also nutzloses "Noise" (Datenlärm) hin kaufen und verkaufen. Auf lange Sicht liegen diese Noise Trader nach Kosten und Risiko schlechter als eine einfache breit diversifizierte Buy-and-Hold-Strategie. Die empirische Evidenz dafür ist überwältigend und in Dutzenden von wissenschaftlichen Untersuchungen über während der zurückliegenden 25 Jahre dokumentiert.

Aktien, bei denen zu einem gegebenen Zeitpunkt ein besonders hoher Anteil des Gesamtbestandes Gegenstand von Leerverkäufen ist, sind Aktien mit hohem "Short Interest" oder hohem "Short Ratio". "High Short Interest" bei einer Aktie ist ein relativ verlässliches statistisches Signal dafür, diese Aktien, solange das High Short Interest besteht, besser nicht zu kaufen oder – wenn man sie bereits besitzt – eventuell zu verkaufen. In einem wissenschaftlichen Aufsatz heißt es "short interest is a strong bearish indicator".

Die wissenschaftliche Evidenz für High Short Interest als Verkaufssignal erscheint klar und eindeutig – eindeutiger als für viele andere wissenschaftliche Findings, auf deren Basis professionelle Anleger oder versierte Privatanleger Investmententscheidungen treffen.

Für US-Aktien wurde in einer akademischen Studie z. B. für den Fünfjahreszeitraum von 2015 bis 2019 gezeigt, dass die (sehr kleine) Gruppe Aktien mit dem höchsten Short Interest (also die am intensivsten leerverkauften Aktien) den allgemeinen Markt um mehr als sechs Prozentpunkte p.a. unterperformen. Für die acht Jahre von 2011 bis 2018 hatten Aktien in den USA, die Gegenstand einer Wertpapierleihe waren und daher mit hoher Wahrscheinlichkeit leerverkaufte Aktien ware gemäß einer anderen Untersuchung um mehr als vier Prozentpunkte p.a. schlechtere Renditen als Aktien, für die das nicht galt.

Generell zeigt die Forschung unmissverständlich, dass Short Sellers trotz ihres schlechten Rufs in der Öffentlichkeit, bei CEOs von betroffenen Unternehmen und in der Politik eine positive Rolle für das Funktionieren der Börse spielen. Sie tragen dazu bei, dass Aktienkurse zu jedem Zeitpunkt möglichst nahe an ihrem intrinsischen, also ihrem technisch fairen Aktienwert liegen und damit insbesondere Privatanleger davor schützen, von institutionellen Anlegern zu häufig über den Tisch gezogen zu werden. Auch für ökologisch-orientiertes Investieren gilt, dass Short Selling den Nachhaltigkeitsgedanken befördert.

Umsetzung in die Praxis

Wie kann man sich diese Erkenntnis – "Lass die Finger von Aktien, die aktuell besonders häufig geshortet werden" – als Privatanleger zunutze machen?

Für Do-it-Yourself-Anleger dürfte das schwer sein. Zwar existieren kostenlose US-Finanzportale (z. B. Yahoo Finance), die das Short Interest für die meisten US-Aktien angeben, aber diese kostenlosen Daten sind typischerweise nicht tagesaktuell und daher für aktive Trading-Zwecke nutzlos. In Bezug auf Nicht-US-Aktien ist das Problem eher noch größer, weil hinreichend aktuelle Short-Interest-Informationen für Privatanleger noch schwieriger zu finden sind.

Wie sieht es aus mit Finanzprodukten, die die Ausnutzung dieses robusten statistischen Musters in ihre Anlagestrategie eingebaut haben? Beispielsweise aktive Investmentfonds, passive ETFs, Zertifikate oder andere für Privatanleger im deutschsprachigen Raum zugängliche Finanzprodukte. Mit einer Ausnahme sind uns keine solchen Produkte bekannt.

Diese eine Ausnahme – Achtung Werbeeinblendung – ist der L&G Gerd Kommer Multifactor UCITS ETF – WKN: WELT0A (thesaurierend) oder WKN: WELT0B (ausschüttend). Zwar ist die High-Short-Interest-Stocks-Exclusion nicht das wichtigste Einzelmerkmal unseres "Welt-AG-ETFs", aber es ist eins, das zu einer langfristig attraktiveren Rendite-Risikokombination beitragen kann.

Disclaimer: Die Hinweise und Informationen in diesem Artikel stellen keine Anlageberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Sie dienen lediglich der persönlichen Information und geben die Meinung des Autors wieder. Sollte der Leser sich Inhalte dieses Newsletters zu eigen machen, so ist er sich bewusst, dass er eigenständig handelt und hierfür die Verantwortung trägt. Eine Haftung, auch im Einzelfall, ist ausgeschlossen.


Über den Autor

RSS-Feed


Gerd Kommer Invest GmbH
Dr. Gerd Kommer ist Geschäftsführer der Gerd Kommer Invest GmbH, München. Das Unternehmen berät vermögende Privatkunden, Family Offices und Stiftungen in ihren Finanzangelegenheiten. Bis Ende 2016 war Kommer 24 Jahre bei europäischen Großbanken und Asset Managern tätig; zuletzt als Leiter der Niederlassung London und Global Head of Infrastructure & Asset Finance der FMS Wertmanagement, ein Asset Manager, der dem deutschen Staat gehört. In dieser Position verantwortete er ein Portfolio aus strukturierten Krediten und Anleihen im Volumen von 16 Mrd. Euro. Kommer hat mehrere Bücher zu Investmentthemen veröffentlicht. Er studierte BWL, Steuerrecht und Politikwissenschaft in Deutschland, USA und Liechtenstein.
Werbung

Mehr Nachrichten kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse
Benachrichtigungen von ARIVA.DE
(Mit der Bestellung akzeptierst du die Datenschutzhinweise)

Hinweis: ARIVA.DE veröffentlicht in dieser Rubrik Analysen, Kolumnen und Nachrichten aus verschiedenen Quellen. Die ARIVA.DE AG ist nicht verantwortlich für Inhalte, die erkennbar von Dritten in den „News“-Bereich dieser Webseite eingestellt worden sind, und macht sich diese nicht zu Eigen. Diese Inhalte sind insbesondere durch eine entsprechende „von“-Kennzeichnung unterhalb der Artikelüberschrift und/oder durch den Link „Um den vollständigen Artikel zu lesen, klicken Sie bitte hier.“ erkennbar; verantwortlich für diese Inhalte ist allein der genannte Dritte.