pfp advisory: "SDAX – ein Index für Spezialisten"

Montag, 01.07.2019 15:56 von Frankfurter Börsenexperten

Fondsmanager Christoph Frank findet den SDAX spannend, glaubt aber, dass Investments eher für Profis geeignet sind. Gründe sieht er vor allem in den vielen Wechseln, stärkeren Preisschwankungen und geringer Abdeckung durch Analysten.

1. Juli 2019. FRANKFURT (pfo Advisory). In diesen Tagen jährt sich die Einführung des SDAX zum zwanzigsten Mal. Nachdem die Deutsche Börse 1988 den DAX für deutsche Blue Chips und 1996 den MDAX für mittelgroße Aktiengesellschaften eingeführt hatte, folgten Mitte 1999 der Neue-Markt-Index Nemax 50, der 2003 als TecDAX fortgeführt wurde, und der SDAX als Messgröße für Small-caps. Die Wertentwicklung seit seiner Einführung am 21.6.1999, also ohne die Rückrechnungen bis 1988, kann sich durchaus sehen lassen: Mit einer durchschnittlichen Rendite von 7,1 Prozent pro Jahr bescherte er Investoren nicht nur fast eine Vervierfachung ihres Investments, sondern hängte auch seinen „großen Bruder“ DAX mit dessen 4,2 Prozent klar ab. Deshalb: Happy Börsday, SDAX!

Trotz dieser Erfolgsgeschichte sehe ich im SDAX einen waschechten Index für Profis. Das meine ich in mehrerlei Hinsicht. Erstens hat sich seine Grundkonstruktion mehrmals beträchtlich verändert. Enthielt der SDAX zum Start 1999 noch 100 Aktien, wurde er 2003 auf 50 Titel verkleinert. 2018 wurde er wieder auf 70 Aktien aufgestockt und erstmals für TecDAX-Werte geöffnet, so dass seither auch Doppel-Listings in SDAX und TecDAX möglich sind. Zum Vergleich: Der DAX besteht seit seinem Start 1988 aus durchgehend 30 Werten (abgesehen von drei Tagen, an denen Firmenabspaltungen erfolgten und während denen daher 31 Aktien enthalten waren). Das DAX-Konzept ist erfreulich einfach zu verstehen und lautet leicht verkürzt: Im DAX sind die 30 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands enthalten. Ein vergleichbar simples „Etikett“ für den SDAX zu finden, fällt auch nach 20 Jahren schwer.

Zweitens ändert sich die Zusammensetzung des SDAX auffallend oft. Von den 100 Aktien zum Start sind 20 Jahre später nur noch 9 übrig: Amadeus (FiRe), Cewe (Color bzw. Stiftung), Deutsche Beteiligungs AG, Hornbach Holding, Indus, Koenig & Bauer, Leoni (früher: Leonische Drahtwerke), Salzgitter und WashTec (früher: Wesumat). 91 Aktien sind binnen 20 Jahren aus dem SDAX verschwunden. Selbst wenn ich 30 davon als Folge der Verkleinerung auf 70 Werte in Rechnung stelle, ist der Durchsatz enorm. Ununterbrochen dabei ist nur eine Aktie, die Deutsche Beteiligungs AG. Zum Vergleich wieder der DAX: Hier ging nur die Hälfte der Gründungsmitglieder ab, obwohl es diesen Index elf Jahre länger gibt als den SDAX. 14 bzw. 15 DAX-Titel sind sogar ohne Unterbrechung dabei, je nachdem, ob ich Veba und Viag einfach oder doppelt für die heutige E.ON zähle. Gemessen daran ist der SDAX in seiner Zusammensetzung also nicht beständig, was kein Nachteil sein muss. Ich bezweifle aber, dass dieses muntere Wechselspiel vielen Investoren, die „den“ SDAX kaufen, überhaupt bewusst ist.

Der dritte Punkt ist die im Vergleich zum DAX oder MDAX oft deutlich größere Schwankungsbreite der Renditen. Solange es nach oben geht, stört das die meisten Anleger erfahrungsgemäß nicht. In Krisenzeiten kann der hohe „Hebel“ aber Nerven kosten. So verlor der SDAX während der Finanzkrise von seinem Hoch 2007 bis Frühjahr 2009 weitaus stärker an Terrain als DAX, MDAX und sogar als der vermeintlich schwankungsfreudigere TecDAX. An zwei Drittel Kursverlust binnen 21 Monaten trugen selbst hartgesottene Anleger schwer. So mancher Börsenneuling und Fortgeschrittener bekam Panik. Wer Verluste dieser Größenordnung nicht aushält, sollte sich folglich von Small Caps fernhalten oder die Auswahl Spezialisten überlassen. Denn die Aktienkurse sind bei kleinen Firmen oft sehr viel stärker von unternehmensspezifischen Entwicklungen beeinflusst als von den Umschichtungen der Großanleger. Diese vielfältigen Entwicklungen und Risiken alle im Auge zu behalten, dürfte viele Privatanleger zeitlich überfordern, zumal die kleinen Firmen erheblich seltener von Analysten verfolgt werden als DAX-Titel. Profi-Investoren können den erforderlichen Mehraufwand leichter stemmen und auch das Problem fehlenden Researchs lösen, indem sie kontinuierlich selbst mit Vorständen sprechen und sich ein eigenes Bild machen.

Und viertens: Auf den SDAX gibt es bedeutend weniger Anlageprodukte als auf DAX oder MDAX. Ganze zwei ETFs werden derzeit angeboten, beide vom selben Anbieter. Die laufenden Kosten betragen 0,70 Prozent, also ein Vielfaches der bei DAX-ETFs üblichen Gebühren. Bei Indexzertifikaten oder Derivaten ist die Auswahl zwar etwas größer, im Vergleich zum DAX oder MDAX aber trotzdem bescheiden.

Umgekehrt bedeutet das aber auch: Da das Small-Cap-Segment ein Spezialisten-Markt ist und die wenigen ETFs dort nur geringe Gebührenvorteile haben, kann aktives Management seine Stärken voll ausspielen. Ein paar All-Cap-Fonds und Small-Cap-Fonds gelingt dies vortrefflich. Beispielsweise hält der DWS Concept Platow Fonds traditionell recht hohe Anteile an SDAX-Titeln oder vergleichbar kapitalisierten Aktiengesellschaften und konnte den Index seit 2006 um mehr als 130 Prozentpunkte übertreffen. Das unterstreicht: Der SDAX ist möglicherweise der spannendste Index der DAX-Familie, aber eben auch eher ein Spielfeld für Spezialisten.

von: Christoph Frank, pfp Advisory. 
© 1. Juli 2019, Deutsche Börse AG

Christoph Frank ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH. Gemeinsam mit seinem Partner Roger Peeters steuert der seit über 20 Jahren am deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (WKN DWSK62), einen 2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds. Weitere Infos unter www.pfp-advisory.de. Frank schreibt regelmäßig für die Börse Frankfurt.

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