ROUNDUP 2: Japanische Notenbank weitet Spielraum aus - Reaktion auf Risiken

Mittwoch, 21.09.2016 10:53 von

(neu: Aussagen von Notenbankchef Kuroda und weitere Expertenkommentare)

TOKIO (dpa-AFX) - Die japanische Notenbank (BoJ) hält sich angesichts der schleppenden Wirtschaftsentwicklung die Option auf eine zusätzliche Ausweitung der Geldflut offen. Mit neuen Regeln haben sich die Währungshüter erst einmal mehr Spielraum für die weitere Ankurbelung der Wirtschaft verschafft. Zunächst werde an dem jährlichen Volumen der Wertpapierkäufe von 80 Billionen Yen (700 Milliarden Euro) und am Negativzins von minus 0,1 Prozent festgehalten, teilte die japanische Notenbank am Mittwoch in Tokio mit. Beide Stellschrauben könnten demnach künftig weiter gelockert werden.

Notenbankchef Haruhiko Kuroda dämpfte allerdings die Erwartungen. "Wir werden keine großen Veränderungen bei dem Volumen der Anleihekäufe machen", sagte Kuroda im Anschluss an die Entscheidungen. Laut Lothar Heßler, Analyst bei der Bank HSBC Trinkaus, fokussiert sich die japanische Geldpolitik offenbar künftig mehr auf die Zinspolitik und nicht so sehr auf die Ausweitung der Wertpapierkäufe.

FLEXIBLERER EINSATZ DER INSTRUMENTE

Den Risiken der lockeren Geldpolitik wollen die Notenbanker künftig durch einen flexibleren Einsatz ihrer Instrumente begegnen. So wollen sich die Währungshüter mehr Flexibilität bei ihrem Wertpapierkaufprogramm verschaffen, um die Renditen bei den Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten nicht noch weiter absacken zu lassen. Damit könnte die BoJ der seit Einführung der Negativzinsen immer kleiner werdenden Differenz zwischen den Zinsen für kurz- und langfristige japanische Schuldscheine entgegenwirken. Ökonomen sprechen dabei von einer flachen Zinsstrukturkurve. "Ziel ist es, wieder eine steilere Zinskurve zu generieren, so dass die Notenbanker künftig verstärkt am kurzen Ende aktiv sein werden", kommentierte Dirk Gojny, Analyst bei der National-Bank.

Der Fokus der Geldpolitik soll demnach verschoben werden. Während sich die Währungshüter bislang bei ihrem Wertpapierkaufprogramm auf eine bestimmte Geldmengenausweitung festgelegt hatten, wollen sie künftig eine bestimmte Gestaltung der Zinsstrukturkurve anpeilen.

COMMERZBANK: 'JAPANISCHES ROULETTE'

Experten bewerten die Entscheidungen der Notenbanker unterschiedlich. Analysten der Commerzbank (Commerzbank Aktie) bezeichneten sie als "japanisches Roulette". Dieses sei wie russisches Roulette, nur dass man nicht wisse, ob überhaupt abgedrückt wird, in welche Richtung gezielt wird und ob wirklich eine Kugel geladen sei. "Es kann was passieren, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr gering", hieß es in einer kurz nach der Notenbank-Erklärung veröffentlichten Studie. Für die Commerzbank-Expertin Esther Reichelt sind die Entscheidungen eine Enttäuschung.

Anders sieht es Folker Hellmeyer, Chefanalyst bei der Bremer Landesbank. Die Entscheidungen der Japaner hätten nicht enttäuscht, "da man sich das Tor zu weiteren Maßnahmen offen hielt." Eine mögliche Verschärfung der bestehenden Instrumente bei Bedarf stehe im Raum.

KURODA: WERDEN KÜNFTIG ZIELE FÜR HÖHE DER ZINSEN SETZEN

Die Geldmenge soll nun so lange ausgeweitet werden, bis die Inflation stabil über zwei Prozent liegt. Davon ist die Teuerungsrate mit zuletzt minus 0,4 Prozent allerdings noch weit entfernt. Das Inflationsziel solle so schnell wie möglich erreicht werden, sagte Kuroda. Damit rücken die Währungshüter von ihrer bisherigen Praxis ab, einen konkreten Zeitraum für die Zielerreichung zu nennen. In der Vergangenheit hatten sie den angepeilten Zeitraum immer weiter nach hinten verschieben müssen.

Die Wertpapierkäufe sollen zunächst so gestaltet werden, dass die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen ungefähr auf dem derzeitigen Niveau bleibt. Bei den künftigen geldpolitischen Sitzungen sollen dann jeweils die Zielmarken für die kurzfristigen und die langfristigen Zinsen festgesetzt werden, sagte Kuroda.

LAUFZEITVORGABE BEI ANLEIHEKÄUFEN FÄLLT WEG

Um die Zinsstrukturkurve zu steuern, könnten die Notenbanker künftig verstärkt Wertpapiere mit kürzeren Laufzeiten kaufen. Den Spielraum dafür haben sie sich nun verschafft. Demnach wird die bisher angepeilte Restlaufzeit der angekauften Wertpapiere von sieben bis 12 Jahren fallen gelassen. Denkbar ist auch, dass die Notenbanker künftig stärker auf risikoreichere Wertpapiere wie Indexfonds auf Aktien (ETFs) setzen. Zumindest vorerst bleibe es aber bei ETF-Käufen im Volumen von 5,7 Billionen Yen, hieß es. Davon sollen im Volumen von 2,7 Billionen Yen solche ETFs gekauft werden, die dem Aktienindex Topix folgen.

Mit der Fokussierung auf die Zinsstrukturkurve reagieren die Notenbanker auf Risiken der lockeren Geldpolitik. "Der Hauptgrund hinter dem veränderten Vorgehen ist die über die vergangenen Monate deutlich abgeflachte Zinsstrukturkurve, die auf den Finanzinstituten gelastet hat, die langfristige Staatsanleihen halten", schreiben Experten der Bank UniCredit (UniCredit Aktie).

BOJ KOMMT BANKEN ENTGEGEN

Kuroda hatte bereits in der Vergangenheit eingeräumt, dass die niedrigen langfristigen Zinsen das Geschäftsmodell von Finanzinstituten belasten könnten. Banken verdienen zu einem erheblichen Teil Geld mit der sogenannten Fristentransformation.

Dabei vergeben sie beispielsweise langfristige Kredite und refinanzieren diese durch kurzfristige Schuldenaufnahme. Gibt es nur eine geringe Differenz zwischen den langfristigen und den kurzfristigen Zinsen, fallen die Margen entsprechend gering aus. Auch Versicherer sind von diesem Problem betroffen.

AKTIEN LEGEN ZU, ANLEIHEN GEBEN NACH - YEN VERLIERT VORÜBERGEHEND

An den Finanzmärkten waren die Reaktionen auf die Entscheidungen eindeutig, aber nicht besonders stark. Die japanischen Aktienindizes Nikkei 225 und Topix zogen an, während die Kurse von Anleihen leicht zurückgingen. So stieg die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe Japans erstmals seit März wieder auf null Prozent. Der Japanische Yen verlor vorübergehend etwas an Wert, glich die Verluste im Anschluss aber wieder aus.

Die Probleme der japanischen Wirtschaft zeigten sich unterdessen einmal mehr anhand neuer Außenhandelszahlen. Im August seien die Exporte um 9,6 Prozent gefallen, teilte das Finanzministerium in Tokio mit. Experten hatten dagegen nur mit einem Rückgang von 4,7 Prozent gerechnet. Vor allem der Verkauf von Autos und Stahlprodukten ins Ausland lief schlecht. Es war zudem der elfte Rückgang in Folge, aber zumindest hat sich das Tempo etwas verlangsamt. Im Juli waren die Exporte noch um 14 Prozent gefallen./tos/bgf/fbr