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ROUNDUP 2: Britische Wirtschaft nach Brexit-Votum erstaunlich robust

Donnerstag, 27.10.2016 12:53 von

(Neu: Weitere Analysteneinschätzungen)

LONDON (dpa-AFX) - Die britische Wirtschaft hat sich nach dem Brexit-Votum zunächst überraschend robust gezeigt. Die Wirtschaftsleistung (BIP) sei im dritten Quartal um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gewachsen, teilte das Statistikamt ONS am Donnerstag nach einer ersten Schätzung mit. Volkswirte hatte nur ein Wachstum um 0,3 Prozent erwartet. Im zweiten Quartal hatte das Wachstum noch 0,7 Prozent betragen. Nach Einschätzung von Volkswirten werden sich die negativen Folgen der Brexit-Entscheidung in den kommenden Monaten stärker zeigen.

Im Jahresvergleich legte das BIP in den Monaten Juli bis September um 2,3 Prozent zu. Hier wurde ein Wachstum um 2,1 Prozent erwartet. Nach dem Votum der Briten für einen Austritt des Königreichs aus der Europäischen Union am 23. Juni hatten sich einige Stimmungsindikatoren in Großbritannien eingetrübt und zunächst einen Konjunkturdämpfer angedeutet. Zuletzt hatte sich die Indikatoren aber wieder erholt.

"Die Wachstumsdaten bestätigen, dass die unmittelbaren Folgen des Brexit-Votums nicht annähernd so stark wie befürchtet ausgefallen sind", kommentierte Ruth Gregory, Expertin beim Analysehaus Capital Economics. Unmittelbar nach dem Referendum hatten Volkswirte gemeinhin noch ein Schrumpfen der britischen Wirtschaft befürchtet. Besonders überraschend sei der Anstieg der Wirtschaftsleistung im Bereich Dienstleistungen gewesen, sagte Gregory.

Für den Dienstleistungssektor meldete das Statistikamt im dritten Quartal ein Wachstum um 0,8 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. In den Monaten April bis Juni hatte es in dieser Abgrenzung nur eine Zunahme um 0,6 Prozent gegeben. Einen besonders starken Zuwachs gab es laut der Behörde in den drei Monaten bis September im Sektor Transport und Kommunikation. Dagegen habe es in der Industrie einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 1,0 Prozent gegeben, nach einem Zuwachs um 1,6 Prozent im zweiten Quartal.

Für Volkswirte des Allianz-Konzerns ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis die Folgen des bevorstehenden EU-Austritts stärkere Auswirkungen auf die Konjunktur in Großbritannien zeigen. "Trotz des relativ guten Ergebnisses im dritten Quartal gehen wir davon aus, dass die Flitterwochen für die britische Wirtschaft nach dem Referendum schon bald vorbei sind", kommentierte Expertin Katharina Untermöhl von der Allianz (Allianz Aktie). Die starke Pfundabwertung nach dem Brexit-Votum im Handel mit dem Euro habe bereits für höhere Importpreise gesorgt. Dies dürfte wiederum zu einem Anstieg der Inflationsraten führen mit negativen Auswirkungen auf die Kaufkraft der privaten Haushalte.

"Wir erwarten, dass sich das britische Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr mehr als halbiert auf 0,7 Prozent nach 1,9 Prozent in diesem Jahr", sagte Allianz-Expertin Untermöhl weiter. Dies wäre dann das schwächste Wachstum seit dem Krisenjahr 2009. Nach Einschätzung von Untermöhl hängen die längerfristigen Wachstumsperspektiven der britischen Wirtschaft stark vom Ergebnis der komplexen Verhandlungen mit der EU ab, die Jahre in Anspruch nehmen dürften.

Die britische Premierministerin Theresa May hatte angekündigt, dass Großbritannien bis spätestens Ende März 2017 den offiziellen Antrag nach Artikel 50 der EU-Verträge stellen wird. Dann hat das Land zwei Jahre Zeit, die künftigen Beziehungen zu den Ländern der EU auszuhandeln.

Der Kurs des britischen Pfundes profitierte nur zeitweise von den Daten und erreichte ein Tageshoch von 1,2272 US-Dollar. Bis zum Mittagshandel gab das Pfund die Gewinne aber wieder ab. Britische Aktien und Anleihen gerieten nach den Daten unter Druck. Eine weitere geldpolitische Lockerung durch die Bank of England gilt laut Ökonomen jetzt als unwahrscheinlicher./jkr/jsl/stb