"Jawboning" ist ein Kunstwort, das sich vom engl. "Jawbone" (= Kieferknochen) ableitet. Es wird fast immer in Zusammenhang mit Notenbankern und deren Geldpolitik genannt. Man könnte es frei mit "bedrohlichem Zähneknirschen" übersetzen.
Typisches Jawboning war Draghis 2012 gebrachter "Whatever it takes"-Spruch zur (vorläufigen) Rettung des Euro: Indem Draghi ankündigte, "alles tun" zu wollen, um den Euro zu retten, versetzte er Hedgefonds, die auf einen Zusammenbruch des Euros (via Währungspekulation) und/oder Staatspleiten bedrohter PIIGS (via Shorts in Staatsanleihen und Longs in Credit Default Swaps) wetteten, in Angst und Schrecken, so dass sie ihre Shorts eindeckten. Damals reichte noch allein das Schüren dieser Ängste mittels "Jawboning", um die Märkte stark - via Psychologie - zu beeinflussen. Anfang 2015 kam dann tatsächlich Euro-QE hinzu. Draghi machte die "Drohung" nachträglich wahr.
Heute Nacht haben nun auch die OPEC-Staaten eine solche verbalen Drohkulissen aufgebaut. Obwohl es (noch) keine Einigung auf Förderdrosselung gibt, die die Ölschwemme im Nu beseitigen könnte (siehe mein gestriges Posting), reichte die bloße Ankündigung der OPEC, dass man auch eine solche Einigung hinarbeite, aus, um Öl 5 % nach oben zu bringen.
Auch beim Öl scheinen - wie 2012 in der Euro-Krise - zig Hedgefonds als "Ratten des Kapitalismus" auf Schieflagen zu wetten, die sie durch ihren massiven Markteintritt überhaupt erst erzeugen. D.h. würde es keine shortenden Hedgefonds geben, stünde Öl vermutlich 30 Dollar höher. (Ich hatte vor kurzem in einem Bärenthread-Posting dargelegt, dass auf 1 physisch gehandeltes Fass Öl sage und schreibe 80 Fässer "Papier-Öl" kommen, die über die Terminbörsen via Futures den Besitzer wechseln.)
*EXKURS on*
Ähnlich scheint mMn die aktuelle Chinakrise abzulaufen. In China gehen die Aktienmärkte runter, weil Kleinanleger ein zu großes Rad gedreht hatten. Die stark fallenden Aktienkurse in Verbindung mit Makrozahlen, die unter Erwartung lagen, reichten aus, einen psychologischen Gift-Cocktail zu mischen, der suggeriert, China steuere nun auf seinen Untergang zu. Um dieser - höchstwahrscheinlich unzutreffenden - Arbeitshypothese mehr Gewicht zu verleihen, fingen (US-)Hedgefonds an, zusätzlich noch in Hongkong den offshore Yuan und zusätzlich (als "Proxy") den Hongkong-Dollar zu shorten. Und siehe da: Die fallenden Kurse, auch des Yuan, setzen "erfolgreich" weltweit die Charttechniker in Alarmbereitschaft. Sie werden dabei zugleich - über den Medienkanal - mit Gerüchten angefüttert, die die Hedgefonds gezielt in großen Zeitungen lancieren (z. B. berichtete HF-Manager Felix Zulauf kürzlich von einer angeblich extrem bedrohlichen Lage in China). Die ganze psychologische Show-Nummer, die "physisch" mit Shorten der entsprechenden Märkte einhergeht, erzeugt (irrationale) Ängste, die zum Jahresanfang auch in Europa und USA die Märkte einbrechen ließen. Klar waren die Makrozahlen auch in USA nicht besonders rosig. Doch den eigentlichen Ausschlag für die Missstimmung und die starken Kursverluste gaben die fabrizierten "schlechten Nachrichten aus China".
*EXKURS off*
Zurück zu Öl und Opec: Das Jawboning der OPEC äußerte sich gestern wie folgt:
Oil prices rally 5% after more jawboning from OPEC members....Market sentiment firmed up after the U.A.E. energy minister said OPEC was ready to cooperate on production cuts, though few believe such an outcome would materialize.
“We view this as further jawboning, with the likelihood of a coordinated response on supply cuts very low,” according to an ANZ Bank report.
The International Energy Agency and the U.S. Energy Information Administration said this week they expect the oversupply to persist for months, keeping prices low....
Dieses Jawboning reichte offenbar bereits aus, um die Short-Cover-Rallye beim Öl (Chart unten) auszulösen. Für die "gewerbsmäßigen" Öl-Shorter bleibt das reale Problem im Raum stehen, dass es diese Einigung zur Förderkürzung irgendwann tatsächlich geben könnte - so wie auf Draghis Jawboning knapp drei Jahre später faktisches QE folgte (für das er - gegen den Widerstand der Bundesbank - erst noch durch ständige Wiederholungen der angeblichen Notwendigkeit psychologisch den Boden bereiten musste).
Entsprechend äußert sich ein Ölmarkt-Beobachter bei Marketwatch:
“We do believe that Brent and [West Texas Intermediate] prices will rebound in the second half of 2016 as more aggressive cutbacks in production are forthcoming, particularly in the U.S.,” said John Davies, head of commodities research at BMI Research.
(Verkleinert auf 93%)

