oder "Wie die dummen Schafe geschoren werden" oder "Die kleine kalte Enteignung der kleinen Sparer" oder warum uns unsere österreichischen Nachbarn doch gar nicht so fern sind.
Das Sparbuch ist die beliebteste Sparform, oder wie man heute finanztechnisch verschönt sagt: Anlageform. Rund 23 Millionen Sparbücher gibt es in Österreich (1), ihre Anonymität wurde 2000 der EU zuliebe – übrigens ohne viel Widerstand der Bevölkerung - abgeschafft.
Knapp drei Sparkonten hat der österreichische Kopf im Schnitt. Auf rund 95 Prozent dieser Sparbücher liegen allerdings nur Beträge von 1 Euro bis 20.000 Euro.
Die große Mehrheit der Verbraucher trägt ihre Ersparnisse auf das Bank-Sparbuch oder Sparkonto, nach dem Motto: lieber kleine Erträge, dafür kein Risiko – es gibt ja eine Einlagensicherung. Rund 90 Prozent wollen keine Finanzwetten, kein Zockertum, wie das die Investmentabteilungen der Banken in großem Stil vormachen. Werterhaltung ist der Leitgedanke. Immerhin sind ja auch in diesem Land zehntausende risikofreudigere Sparer mit AWD und Meinl-MEL, und wie sie alle heißen, auf die Nase gefallen.
Drei bis zehn Monatseinkommen auf das Sparbuch, was darüber hinausgeht in sichere österreichische Bundesanleihen oder Pfandbriefe, die etwas mehr an Zinsen bringen. Das war jahrzehntelang der Rat von Verbraucherschützern und provisionsunabhängigen Experten. Keine Aktien, denn da weiß man nie, wie sich Kurse entwickeln oder ob ein Unternehmen abstürzt, und alles was darüber hinausgeht ist ohnedies „Finger weg!“; jahrzehntelang war das ein grundvernünftiger Rat.
Eine vielfach gewählte Alternative war, ein Eigenheim zu bauen oder eine Eigentumswohnung zu erwerben. Vorteil: keine Wohnkosten, wenn allfällige Kredite abbezahlt waren. Eine Werterhaltung für zwei und mehr Generationen – auch das krank- oder arbeitslos gewordene Enkelkind kann dann einmal ohne Wohnkostenbelastung noch durchkommen (2). Übrigens, 55 Prozent der Österreicher wohnen mittlerweile im Eigentum (3), und das sind natürlich mehrheitlich nicht die Superreichen, sondern viele »kleine Leute«, deren Mama und Papa jahrzehntelang sich Wohnraum erspart haben.
Spar-Realismus heute
Mit dem Euro ist auch das Sparen anders geworden, besonders mit der von der EU vorgenommenen Liberalisierung der Finanzmärkte. Aber sehen wir uns einmal die letzten Jahre an.
Im folgenden Beispiel legten wir – die Daten sind von der Nationalbank und der Statistik Austria – im Jahr 2006 nun 10.000 Euro auf ein täglich fälliges Sparbuch. Als Sicherheitsreserve (Stichwort: mögliche Autoreparatur), Werterhaltung des mühsam Ersparten. Und ein bißchen Zinsen, da man ja das Geld der Bank zur Verfügung stellt, mit dem sie dann arbeiten kann.
Nach fünf Jahren sehen wir nach. Wir haben im Sparbuch nach diesen 5 Jahren 489 Euro mehr. Jedoch - real, also wenn wir die Inflation berücksichtigen, haben wir von den ursprünglichen 10.000 Euro, 605 Euro verloren. Unser Geld ist jetzt weit weniger wert, wir haben einen Verlust eingefahren.
Jahr
2006
2007 2008
2009§2010 2011
Sparbuchzinsen (4) (%) 1,3 1,8 2,4 0,9 0,5 0,7
Zinsen nach KESt (5) (-25 %) 1,0 1,4 1,8 0,7 0,4 0,5
Nomineller Wert 10000 10140 10323 10395 10436 10489
Verbraucherpreisindex (6) 1,4 2,1 3,2 0,5 1,9 3,2
Realer Ertrag/Verlust (%) -0,4 -0,8 -1,4 0,2 -1,5 -2,7
Einlage / Wert real 10000 9925 9786 9803 9654 9395
(Zahlen gerundet)
Das Ersparte wird deutlich weniger, statt zumindest etwas mehr zu werden. Die Politik schaut dabei zu. Übrigens auch bei den Lebensversicherungen ist das so. Niemand tut etwas für den Werterhalt der Sparer.
Warum?
Natürlich könnten die Banken auch höhere Zinsen für Spareinlagen geben, kostete doch ein Konsumkredit 4,5 Prozent (bei Sparzinsen von 0,7 Prozent, im Jahr 2011), das ist eine hübsche Spanne. „Aber das wäre wirklich ungesund“ - für die Banken, meint der deutsche Chef der IngDiBa. Im Kapitalismus gibt niemand freiwillig, sondern nur wenn er dazu gezwungen wird, was aber hier, bei der Finanzindustrie, natürlich niemand macht.
Und auf die kleinen und mittleren Spareinlagen kommt es auch gar nicht mehr so an, bei dem vielen, ebenfalls ziemlich billigen Geld, das in der EU an die Banken herumverteilt wird. 1000 Milliarden Euro waren das kürzlich von der EZB (Europäische Zentralbank) zu einem Prozent, verteilt an die Banken.
Kleine Enteignung
Daß niemand was gegen die kleine, kalte, meist unbemerkte Enteignung der Sparer tut, hat einen einfachen Grund: der Staat hat ein sehr hohes Interesse an einem niedrigen Zinsniveau. Denn das ist gut für die Staatsschulden, also für die Zinsen die der Staat für die früheren und die neuen Schulden an die Banken (Versicherungen, Investmentfonds und Pensionskassen), die die meisten Anleihen halten, zahlen muß.
Damit sind allerdings wieder die Verbraucher betroffen, wenn sie Fondsanteile, eine Lebensversicherung oder eine Pensionskasse haben. Macht nicht so viel, sind nur die Bürger, die Verluste haben denkt sich der Staat.
Die „nützliche“ Inflation
Niedrige Zinsen fürs Sparen nützen dem verschuldeten Staat. Auch gegen Inflation haben Staaten nichts, denn damit werden Staatsschulden ebenfalls niedriger (weil auf längere Sicht die Steuereinnahmen steigen). Zur Zeit ist zwar die Inflation in Mitteleuropa relativ gering. Aber keine Sorge, sie wird schon noch deutlich steigen.
Warum? Energie (vor allem Rohöl) und Rohstoffe werden immer knapper, einerseits, da es nicht unendlich Öl oder Seltene Erden gibt, andererseits da die Dritte Welt mehr davon verbraucht. Und, ganz entscheidend - Wohnen wird teurer.
Spezialfall Wohnen
Die Verluste beim Sparen bewirken, daß viele Menschen ihr Geld gerne in Wohnraum anlegen wollen. Im Eigentum wohnen kostet eben keine Miete, es rentiert sich langfristig - wenn die Lage stimmt und der bezahlte Preis nicht überhöht war - meistens schon. Übrigens auch wirtschaftlich schwächere Haushalte wollen aus der Mietwohnung heraus in Wohneigentum ziehen, und sie kratzen dann alle Ersparnisse und selbst noch die von Oma und Tante zusammen. Aber, durch mehr Nachfrage steigen die Preise. Die Menschen, wenn sie über einen verkaufbaren Wohnraum verfügen, sind ja in einem kapitalistischen, egozentrischen Umfeld auch nicht ganz blöd. Das wirkt sich mittelfristig wieder auf die Mieten aus (die Vermieter sind ebenfalls nicht ganz dumm). Das treibt die Preise und erhöht den Verbraucherpreisindex (die Inflation). Und der führt wiederum zu höheren Staatseinnahmen. Aber - paßt perfekt für den Staat und die politischen Macht-Eliten.
Eine „praktische“ Lösung…
Das Wunderbare für die Politik, genauer: für die den Staat lenkenden Mächtigen, also für die herrschende politische Elite ist, daß alles das: diese kalte, kleine Enteignung, die meisten Bürger nicht bemerken und keine dummen Fragen stellen.
Und es überhaupt keine sinnvolle Alternative für den Bürger gibt. Übrigens auch für das Sparen, für den Werterhalt nicht - außer man konnte noch zu günstigen Zeiten, oder zu günstigen Preisen, mit Papa- und Tante-Hilfe bei einer kleinen Immobilie zuschlagen.
http://www.tantejolesch.at/...einsparer.jpg&href1file=kleinsparer