Ein Bekannter, ebenso wie ich in den Jahren schon fortgeschritten, hatte sich im heurigen Sommer seinen Lebenstraum erfüllt, für den er lange Sparen musste. Er flog 2 Monate in die Vereinigten Staaten, mietete sich eine Harley Davidson und fuhr die Route 66, die legendäre Strasse von Illinois nach Kalifornien. Heute ist nur mehr ein Teil der ehemaligen Route 66 befahrbar, doch ein Erlebnis ist es allemal!
An diesem kühlen, aber doch sonnigen Septembersonntag trafen wir uns in einem Grazer Gastgarten. Natürlich möchte ich vieles von ihm hören, vor allem, wie er die derzeitige Situation in den USA erlebte. Aber lassen wir ihn erzählen:
"Ich flog direkt nach Chicago und habe mir schon zu Hause eine Harley Davidson reserviert. Zu Beginn der Reise hat man sowieso nur Interesse für sein Vorhaben. Dabei sieht und hört man sonst halt wenig. Man schaut sich um, in der Hoffnung irgendwelche Relikte vergangener Zeiten zu sehen. Egal ob Motorräder, Autos oder Bauten am Strassenrand. Erst mit der Zeit fallen dir einige Dinge auf, die nicht ins klassische Bild der USA passen.
Ich war schon zweimal drüben, einmal an der Ostküste, einmal an der Westküste. Aber immer nur eine Woche. Dabei kann man nur einen oberflächlichen Eindruck gewinnen. Diesmal waren zwei Monate USA angesagt und ich habe mir auch vorgenommen, alles möglichst langsam und bedächtig zu beginnen. Wer weiss, ob ich nochmals in die Staaten kommen werde?
Ich bin kein Krisenfreak, habe bisher die Warnungen als völlig übertrieben eingeschätzt. Jetzt bin ich allerdings sehr besorgt, was auf uns zukommt. Wie schon erwähnt, auf den ersten Blick erscheint alles normal, ausser dass offensichtlich ein gewaltiger Abverkauf in allen Geschäften stattfindet. Ausser Lebensmittel kauft kaum jemand regulär ein. Rabatte bis über 50% sind fast üblich, egal ob es sich um teure Markenware oder Disconter handelt. Und trotzdem sind viele Geschäfte leer, auch kaum Autos auf den Parkplätzen der riesigen Shopping Malls. In den grossen Städten noch mehr, am Land wirken die Einkaufstempel fast wie ausgestorben.
Ich habe zwei Familien kennengelernt, bei denen ich auch eingeladen war. Und beide Familien erzählten ihre Sicht über die heutige Situation. John, ein Bauingenieur und ebenfalls Harleyfahrer, darum sind wir auch ins Gespräch gekommen, in Oklahoma, ist seit April arbeitslos. Seine Firma baut Strassen und Brücken. Mehr als die Hälfte des Personals wurde abgebaut, da in Oklahoma kaum mehr Strassen mehr gebaut werden. Er hilft seinem Bruder in einem Computerladen aus. Er ist verzweifelt, denn Ersparnisse hatte er, wie viele Amerikaner kaum und jetzt lebt er und die Familie vom Gehalt seiner Frau. Megan, seine Frau, ist Lehrerin. Ihr wurde die Arbeitszeit und somit auch das Gehalt gekürzt. Sie können den Lebensunterhalt gerade so recht und schlecht bestreiten. Ein relativ neues Auto haben sie gegen einen kleinen gebrauchtwagen eingetauscht, die Harley, sein ganzer Stolz, muss jetzt auch verkauft werden. John besucht Gesprächsrunden in seinem Ort, wo Anregungen diskutiert werden, wie man die prekäre Situation am besten überstehen kann. Nur deswegen hat er ein kleines Gemüsebeet angelegt. Der Ertrag ist gering und sein Enthusiasmus grösser als sein Wissen. Jeder in seinem Bekanntenkreis ist von der Krise betroffen. In jeder Familie ein oder mehr Personen, die ihre Arbeit verloren haben und kaum Aussicht auf einen neuen Job haben. Was besonders arg ist, ohne Job kann man sich kaum eine Krankenversicherung leisten und die Arzt- und Spitalskosten sind exorbitant hoch. Eine Verletzung nach einem Arbeitsunfall im Vorjahr sollte noch austherapiert werden. Doch dazu ist kein Geld vorhanden. Am den Wochenenden (da war ich allerdings schon wieder unterwegs) geht man auf Flohmärkten, entweder um Sachen, die man nicht mehr braucht, zu verkaufen, oder billig etwas zu finden, was man benötigt. Doch John sagt, die meisten schauen nur - ab und zu kommt er mit ein paar Dollar nach Hause. Die Menschen haben die Hoffnung verloren, von Glanz und Glimmer ist nicht viel geblieben. Und Obama, der US-Präsident hat jeglichen Rückhalt in der Bevölkerung verloren, so sagte John zumindest und Megan pflichtete im bei. Und doch geht er einmal die Woche zur Arbeitsvermittlung und bewirbt sich bei allen Firmen, wo er glaubt, eine Stelle zu bekommen. Er würde alles machen, auch Strassenkehren oder auf Baustellen als einfacher Arbeiter jobben. Er muss dringenst verdienen, denn sonst ist bald sein Haus auch weg.
In Kalifornien lernte ich Frank kennen. Frank zählt zu den Krisengewinnern. Er hatte ein kleines Security-Unternehmen und beschäftig jetzt schon über 300 Leute. Je tiefer die Staaten und vor allem Kalifornien in die Krise eintaucht, desto mehr Aufträge bekommt er. In erster Linie schützen seine Angestellten Firmen, Firmengelände und Einkaufszentren. Frank lebt in einem grossen Haus, fährt einen neuen Pick-Up und seine Frau ist tagsüber zu Hause bei den Kindern. Trotz seines beruflichen Erfolges ist er misstrauisch und bewertet die Lage als extrem gefährlich und ohne jede Hoffnung auf Besserung.
Er weiss nicht, wie lange sein Erfolg noch anhält, denn Einkaufszentren sperren massenhaft zu, auch gehen immer mehr Firmen, die seine Kunden sind, bankrott. Trotz guter Umsätze häufen sich die Zahlungsausfälle. Aber da Ladendiebstähle und Überfälle auf kleinere Läden sich häufen, bekommt er immer wieder neue Kunden. Selbst kleine Läden setzen auf Security, vor allem in den Nachtstunden. Zwei seiner Freunde, ehemals erfolgreiche Unternehmer, sind Pleite gegangen, sie arbeiten jetzt für ihn. Es wird nicht mehr lange dauern, glaubt er. Selbst wenn immer mehr Dollar gedruckt werden und irgendwelche Konjunkturprogramme starten, die meist als heisse Luft verpuffen, die Bevölkerung verarmt in einem unglaublich schnellen Masse. Wenn nicht schnell etwas für die Mittelschicht unternommen wird, geht sie vor die Hunde ... damit gehen aber in den USA auch die anderen Lichter aus. Noch hat er Kunden aus der Mittelschicht, aber wie lange noch? Stolz zeigt er mir sein Lebensmittellager und seine Waffensammlung, die, wie er augenzwinkernd betont, beruflich benötigt. Neben der wirtschaftlichen Situation sieht er ein extremes Problem durch die hohe Bewaffnung der Bevölkerung. Bald, so glaubt er, finden wir uns wieder im Wilden Westen. Heuer sind drei seiner Leute angeschossen worden. Und an Obama und sein Regierungsteam glaubt auch niemand mehr, auch nicht an Schwarzenegger ...
Am Rande von Los Angeles, meinem Zielort nach fast 7 Wochen, habe ich dann die erste Zeltstadt gesehen. Tausende Personen und Familien hausen in Zelten und Wohnwägen unter undenkbaren sanitären Beschaffenheiten. Eigentlich wurde ich darauf aufmerksam, weil entlang der Strasse so etwas wie ein Arbeitsstrich war. Hunderte Männer standen und warteten, bis wer kam und für sie Arbeit hatte, wenn auch nur stundenweise. Ich fand dort eine Tankstelle mit Motel und wollte einen Ice-Tea trinken und eine Kleinigkeit essen. Das geht seit Monaten so, klärte mich die Kellnerin auf, alles Menschen, die bis vor Kurzem noch Haus, Auto und Arbeit hatten. Zuerst waren es nur ein paar Zelte, doch binnen kurzer Zeit wuchs die Zeltstadt enorm an. Aber es ist nicht die einzige hier in Los Angeles. Und wenn du reinfährst in die Stadt, dann hast du das alles vergessen. Geschäftigkeit, grosse Limousinen und Geländewagen, neueste Mode, volle Cafe´s und Restaurants, viele Menschen und der übliche Grossstadtrummel lassen dich zweifeln, was du nur kurz vorher gesehen hast..................................
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"Heute geht es uns schlechter als gestern, aber besser als morgen!"
"In Zeiten der universellen Täuschung wird das Aussprechen der Wahrheit zur revolutionären Tat!" (George Orwell)