Dein letzter Satz in # 64050 ist besonders wichtig:
"...dass wir als Individuen, als menschliche Wesen, in welchem Teil der Welt wir auch nun gerade zufällig leben oder welcher Kultur wir auch zufällig angehören mögen, voll und ganz für den Gesamtzustand der Welt verantwortlich sind."Die Welt kann nur so gut sein/werden wie jeder Einzelne sie von innen heraus - und im Willen dazu - formt. Der Volksmund kennt dies als: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es". Philosophisch handelt sich sich um den Kant'schen Imperativ: Handle stets so, dass dein Handeln, zur allgemeinen Maxime erhoben, einen Staat ergibt, der deinen ethisch-moralischen Vorstellungen entspricht und in dem du dich wohlfühlst. [Oder negativ formuliert: Wenn du selber bescheißt, musst Du Dich nicht wundern, dass dich auch die Politiker bescheißen]
Der Philosoph Hans Jonas hat diese Ethik erweitert, indem er menschlichen Handlungen einbezog, die - anders als zu Kants Zeiten - auch über die individuelle Lebensspanne hinausreichen. Dazu zählen Technologiefolgen wie z. B. Umweltverschmutzung (CO2-Eintrag in die Atmosphäre) und dauerhafte genetische Veränderungen in der Keimbahn. Jonas "Erweiterung" des Kant'schen Imperativs lautet (sinngemäß): Handle stets so, dass die Folgen Deines Handelns das Fortbestehen der Menschheit nicht gefährden - was man Neudeutsch auch als Gebot für "nachhaltiges Handeln" bezeichnen könnte. (Wer Gen-Schimären in die Welt setzt oder Nuklearmüll hinterlässt, der 100.000 Jahre weiterstrahlt, versündigt sich in diesem Sinne an den Ungeborenen. Staatsverschuldung auf Kosten kommender Generationen ist die wirtschaftliche Variante mangelnder Nachhaltigkeit).
Die Summe dieser Erkenntnisse hat Jonas in seinem lesenswerten Buch "Das Prinzip Verantwortung" zusammengefasst (dessen Titel nicht zufällig an Ernst Blochs "Das Prinzip Hoffnung" bezieht).
Bloch und Jonas stehen philosophisch in der Tradition von Marx und Hegel. Beide glauben an eine fortgesetzte Weiterentwicklung des Menschen (und der Historie) hin zum Besseren. Dies steht im Einklang mit der Darwin'schen Evolutionslehre. Der Mensch passt sich, wie die Tiere, immer besser den wechselnden Umweltbedingungen an. Er "verbessert" sich, wobei auch das Zufallsspiel der Gene mitspielt. Manche Mutationen der an sich blinden Evolution erweisen sich als Vorteil und werden an folgende Generationen weitergegeben. Diese "Errungenschaften" sind nicht nur starke, perfekt angepasste und überlebensfähige Körper - es gibt sie auch auf geistig-moralischer Ebene.
Unter diesem Aspekt sind z. B. Schimpansen sehr viel weiter entwickelt als Paviane. In Pavian-Kolonien reißen die starken Männchen den "Schwachen und Gebrechlichen" die Nahrung zum eigenen Vorteil weg ("Goldman-Prinzip"). Jeder ist sich selbst der nächste. Das entspricht dem (pessimistischen) Bild, das Du in obigen Posting von der Menschheit zeichnest: Ein Pool von Barbaren, die inmitten von Hightech und technologischen Errungenschaften wie Flugzeugen weiterhin "innerlich" in der Steinzeit-Kultur verwurzelt sind, in der man den Schwächeren erschlägt, ihm sein Hab und Gut abnimmt und fortan dessen Frau vögelt.
In Schimpansen-Kolonien hingegen hat es einen sozio-kulturellen Wandel zum Besseren gegeben: Die starken Tiere geben gern den Schwächeren. Grund: In Schimpansen-Kolonien zählt nicht nur körperliche Stärke, sondern auch das Sozialverhalten: Man kann "im Stamm" sehr viel Ansehen dadurch erlangen, dass man sich besonders sozial und großzügig verhält. [Dass die Alpha-Männchen dies praktizieren, um hinterher dennoch selber die "schönsten Frauen zu vögeln" steht auf einem anderen Blatt ;-)] D.h. in Schimpansen-Kolonien hat sich evolutionär eine völlig neue, soziale Komponente entwickelt, die im Kant'schen Sinne einen "lebenswerteren Staat" hervorbringt, als er durch die fortgesetzten "Steinzeit-Unsitten" der Paviane entsteht.
Und da die gesamte Schimpansen-Welt diese "Werte" teilt, entstand in ihr ein neues "Kulturgut", das über die Erziehung auch tradiert wird. Das ist nichts anderes als evolutionärer Fortschritt auf sozialer Ebene, der die Pavian-Welt (der Goldmänner) alt aussehen lässt.
Es nützt einem Schimpansen freilich nichts, wenn er - derart "moralisch hochentwickelt" - auf einen Pavian trifft, der im die Nahrung entreißt, weil er nach den Regeln seines eigenen Pools vorgeht. Leider sieht es in der Menschenwelt zurzeit so aus, dass eine Minderheit von Goldman-Pavianen der Restmenschheit eben dieses Futter - das ist heuzutage Geld ist - zum eigenen Vorteil "wegreißt", wie Matt Taibbi im "Rolling-Stones"-Artikel ja glänzend beschrieben hat. Das viele Geld gibt den Goldmännern sogar immer mehr Macht. Diese hat sich inzwischen derart konzentriert, dass Politiker in USA kaum mehr was zu sagen haben.
Ich wehre mich, um noch mal auf Dein Posting zurückzukommen, gegen ein starres Menschenbild, das unterstellt, wir seien biologisch immer noch auf dem Stand der Steinzeitmenschen und dies werde sich historisch auch nie ändern, weil wir "genetisch" dazu verdammt seien und dies "nun mal die menschliche Natur" sei. Das ist nichts anderes als Sozial-Darwinismus - eine in Goldman-Kreisen (und anderen rechten Zirkeln) gern zum Besten gegeben Rechtfertigung, die das Niedermachen anderer zum eigenen Vorteil ("Kampf ums Dasein") zu einem ehernen, scheinbar unüberwindbaren Prinzip erhebt ("Der Mensch ist nun mal schlecht und eigennützig, was zählt ist der Erfolg...").
Wäre dem wirklich so, könnten Kants und Jonas' kategorischer Imperativ niemals funktionieren. Es könnte dann auch kein lebens- und liebenswertes "Gemeinwesen" entstehen. Ich bleibe in dem Punkt lieber beim (optimistischen) "Prinzip Hoffnung". Ernst Bloch war bezeichnenderweise auch Christ - wofür er aus der DDR ausgewiesen wurde (einer der wenigen anderen "christlichen Marxisten" war übrigens Jean-Paul Satre).
Wer "unchristlich" rafft wie die Goldmänner, und dazu die Chuzpe hat zu behaupten, "Gottes Werk" auf Erden zu verrichten, schafft eine Welt, in der sich die meisten Menschen nicht (mehr) wohlfühlen. Die wenigen Raffer haben eine ungeheure Macht, die sie der restlichen Menschheit aufbürden und damit das gesamte Lebensklima vergiften.
Es wird Zeit, diese Macht zu brechen, ehe sie (auch bezüglich Folgeschäden) unbeherrschbar wird.
Paul Volcker, höre die Signale.