Überbewertung ist nicht unbedingt eine Frage des Chartstandes. D.h. man kann aus der Tatsache, dass Australiens Index ASX100 (Chart unten) heute in etwa auf dem Preis-Niveau notiert wie vor 10 Jahren, allein weder auf Unter- noch auf Überbewertung schließen.
So hat z.B. in 2008 der Rohstoff- und Öl-Boom Australiens Wirtschaft stark beflügelt. Außerdem hatte China 2008 ein Riesenkonjunkturprogramm (auf Pump) angeschoben, und Australien lieferte viele der benötigen Baustoffe, u. a. für Chinas Geisterstädte.
Ich kenne mich mit Australiens Markt-Interna nicht allzu gut aus (nur die Immo-Blase ist mit seit Jahren geläufig), halte aber Folgendes für möglich: Der ASX100 notiert zwar auf gleichem (oder etwas tieferem) Stand wie 2008, doch die Firmengewine dürften heute deutlich niedriger sein - eine Spätfolge der geplatzten Rohstoff-Blase. D.h. es hat an Australiens Aktienmarkt im Wesentlichen eine KGV-Aufblasung gegeben. Hätten die Börsenkurse die schwächere Gewinnlage korrekt (= in etwa konstantes KGV) eingepreist, müssten die Kurse weitaus tiefer stehen. Tun sie aber nicht. Folglich haben wir eine fundamentale Überbewertung - auch am Aktienmarkt - die Hedgefonds-Manager Philip Parker in # 042 als Ausstiegsargument diente.
Den Parker-Artikel fand ich auch deshalb interessant, weil dort jemand "verantwortungsvoll bärisch" handelt. Parker hat die Assets seiner Kunden (jeder Fondsmanager handelt bekanntlich mit "other people's money") offenbar mit Gewinn verkauft und die Gelder an die Kunden zurücküberwiesen. Seine Firma besteht aber weiter. Parker sieht im aktuellen Marktumfeld in Australien auf der Long-Seite keine lukrativen Anlagemöglichkeiten mehr. Im Immo-Sektor befürchtet er sogar einen große Verluste (inkl. Bank-Sektor) bringenden Erdrutsch. Es könnte wie in Irland laufen. Parker will nach dem befürchteten deutlichen Börsenrücksetzer, der die Überbewertung beseitigte, erneut einsteigen.
Insgesamt ist eine solche Vorgehensweise vorbildlich. Parker handelt damit verantwortungsvoller als die meisten Fonds-Manager, die ihre Kunden auf Gedeih und Verderb "investiert" halten, weil sie dann länger die hohen Provisionen risikofrei (denn die Verluste erleiden ja die Kunden) kassieren können.
Das ist auch verantwortungsvoller als bärisch warnende HF-Manager, die ja Kohle von den Kunden für bärische Wetten anziehen wollen, wobei diese Wetten (da Market-Timing so schwierig ist) leider oft in die Hose gehen. Diese bärischen Fonds kassieren somit (risikofrei) Provisionen, die die Kunden mit Verlusten bezahlen.
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Australiens Index ASX100 über 10 Jahre: