Es gab sie im Fiskalstreit 2011 (nach kräftigem Börsenrutsch) und 2012/2013 beim "Fiscal Cliff"-Streit. Daher ist sich "der Markt" sicher, dass es auch diesmal wieder eine rechtzeitige Einigung geben wird.
Der Glaube daran ist so stark, dass allein schon die Hoffnung darauf die Kurse beflügelt hatte: Am Do. und Fr. legte der DOW eine 430+ Rallye hin, obwohl in USA nichts Konkretes beschlossen wiorden ist. Nach Scheitern der gestrigen Verhandlungen sind die Fronten aktuell wieder ähnlich verhärtet wie vor der Rallye (Anfang letzter Woche).
Natürlich werden die USA keinen Selbstmord begehen. Beide Parteien leben von der Vormachtstellung der USA. Insofern ist der laufende Streit im Wesentlichen theatralisches Parteien-Gezänk, geprägt durch Rechthaberei und Prinzipienreiterei.
Dennoch sollte man sich grundsätzlich fragen: Wem nützt das Theater? Wer verdient daran potenziell? In der Welt und erst recht in der US-Finanzwelt gibt es weniger Zufälle, als viele glauben.
Zwar halte auch ich eine letztendliche Lösung für sicher. Die Frage ist nur: Wann kommt sie? Den US-Zockerbanken, deren Sellsider sich zurzeit angesichts der ATH reihenweise bullisch geben (was darauf schließen lässt, dass sie sich intern eher gegenteilig positionieren), käme ein kleiner, aber kräftiger "Oktober-Rutsch" durchaus zupass.
Dabei würden die rekordhohen Marginkredite an der NYSE rückabgewickelt. Auch bei Ariva würde es - wie alle Jahre wieder - ein Massensterben der gehebelten Long-IDs in den Tradingthreads geben. Die Stimmung vieler Marktteilnehmer ist trotz fundamentaler Schwächen erstaunlich bullisch - offenbar die mentale Folge der seit langem steigenden Charts. (Passend: Leute wie OE kommen aus der Versenkung und verheißen DAX 10.000). Aktien und insbesondere der DAX gelten Vielen als "unsinkbar". Es hat sich daher bereits genügend gehörntes Vieh auf der Schlachtplatte angesammelt.
Wenn die Einigung zur Schuldengrenzenerhöhung bis 17. Okt. NICHT käme, würden die Indizes vermutlich stark (-10 % oder mehr in wenigen Tagen) einbrechen. D. h. die vereinigten Goldmänner könnten erst mal "nach unten" schnelles Geld einsacken. Dieses Geld käme von den Margin-Longzockern als "noblen Spendern". Sobald sich Marktpanik breit macht, würden sich die Dems und Reps zusammenraffen und wegen des Marktdrucks (der dafür offenbar unverzichtbar ist) schnell eine Lösung herbeizaubern.
Und siehe da - eine Woche später sind die Indizes wieder auf ATH. Solche Vola ist für die interessierten (Zocker-)Kreise weitaus interessanter als eine schnöde - und für's Traden eher "anstrengende" - Seitwärtbewegung. Man bekäme eine schöne Korrektur, der Markt wäre "konsolidiert" (überkaufte Lage "abgearbeitet") - und einer schönen Weihnachtsrallye stünde nichts mehr im Wege.
Die Zockerbanken könnten erst mal dick "nach unten" verdienen und dann noch mal doppelt dick "nach oben". Und die Beute könnte am Jahresende zeitnah in Form von Boni ausgeschüttet werden.
Sogar die Sellsider, die jetzt DOW 9000 für das Jahresende proklamieren, bekämen am Ende (temporär) Recht ;-)
Was dann im Januar folgt, ist in der Wallstreet-Kurzfristdenke derart weit weg, dass man sich darüber jetzt noch keine Gedanken machen muss. Bei starkem Anstieg könnte es einen Abverkauf setzen wie Anfang 2008.