Daiphong hat das schon mMn passend und treffend beantwortet.
Von mir noch folgende Ergänzung. Fillorkill schreibt: "Ganze Bevölkerungen werden hier kollektiv in Haftung genommen für nun geplatzte Kreditblasen, deren Nutzniesser diese tatsächlich allenfalls ganz am Rande waren."
Dies trifft mMn nicht zu. Nehmen wir Spanien, das in Vorkrisen-Zeiten als Bilderbuch-EU-Staat galt: Die Staatsverschuldung war niedrig (unter der deutschen), und die Banken hatten auch weit weniger US-Subprime-Müll angehäuft als die in D.
Dennoch steht Spanien heute am Abgrund. Wer trägt die Schuld? War es wirklich das von Fillorkill angeführte "vagabundierende spekulative Kapital"? Diese Frage kann man in Spanien (und Irland) verneinen. Es waren die spanischen Bürger selbst, die den Grundstein für ihren Ruin gelegt hatten. In Spanien grassierte ein Immobilienboom, und viele Leute haben sich - getrieben von Gier nach Betongold, geködert von vorangegangen Preisanstiegen
und oft rein spekulativ - eine oder mehr Eigentumswohnungen oder Häuser gekauft. Und dies oft von Geld, das sie gar nicht besaßen. Ursache war - wie beim Anschwellen der USA-Hausblase - zu viel und zu billiges Geld: Mit der Euroeinführung sanken die Kreditzinsen in Spanien deutlich.
Die span. Politik spielte beim Aufpumpen diese Blase kräftig mit, da sie insbesondere den Sparkassen erlaubte, in hohem Umfang Hauskäufe mit sehr geringem Eigenkapital der Käufer (bis zu 100 % Fremdkapital) zu finanzieren. Örtliche Bauunternehmer (Mittelstand!) übten Druck auf die Lokalpolitiker aus, diese scheinbar paradiesischen Zustände durch immer laxere Kreditbestimmungen weiter am Laufen zu halten. So schwoll die Hausblase immer stärker an.
Auch von der EU und aus Deutschland kam wenig Kritik. Spanien galt in der Boom-Phase als Musterland. Und leider haben Blasen wie die im span. Hausmarkt die fatale "Nebenwirkung", alle Beteiligten - bis zu Ökonomen im Ausland - betriebsblind zu machen.
So entstand buchstäblich eine Misswirtschaft. Junge Leute brachen ihr Studium ab, weil es am Bau auf die Schnelle mehr zu verdienen gab. Niemand begriff, dass er Teil eines Schneeballsystems im Hausmarkt war. Die Kreditnehmer - oft kleine Leute - haben sich maßlos übernommen. Sie glaubten, den "großen Spekulanten" spielen zu können. Das zählt übrigens zu dem von mir in # 326 angeführten "Ethikmangel unten". Man könnte ihn auch "mangelnde Demut" nennen.
Es war also nicht in erster Linie das Großkapital, das hier die Fäden zog. Eher waren es die vielen kleinen Leute - in Spanien (wo man baute und kaufte) und in D. und Nordeuropa (wo man die Häuser kaufte). Span. Großbanken haben sich bei der Immokredit-Finanzierung sehr viel vernünftiger (d.h. in meinem Sinne "ethischer") verhalten als die kleinen Sparkassen, die mit ihrer leichtsinnigen Kreditvergabe dem Leichtsinn der "Spekulanten-Kleinbürger" Nahrung und damit die materielle Grundlage gegeben hatten.
In der künstlichen Boom-Phase stiegen in Spanien die Löhne stark an, viel stärker als in D. Die "wachsende Wirtschaft" Spaniens schien das zu rechtfertigen. Doch als die Blase platzte, war die große Sause vorbei: Die Hauspreise gerieten ins Trudeln gerieten, viele kleine Spekulanten (zockende Kleinbürger) standen mit negativem Eigenkapital da. Die faulen Schulden wurden auf die kreditgebenden Banken, vor allem Sparkassen, überwälzt. Am Ende landeten die faulen Schulden bei der staatseigenen "Bankia", einer Notfusion und "bad bank" der bankrotten Sparkassen.
Damit wurden im Endeffekt die spanischen Staatsfinanzen gleichsam durch "Unethik von unten" zerstört.
Fatal ist, dass die span. Bürger, deren Löhne im von ihnen selbst erzeugten Immo-Boom phantastisch gestiegen waren, nun glauben, diese Lohnanstiege seien eine Art kollektiv erwirtschaftetes Anrecht. Deshalb fordern sie, dass die Löhne trotz der Baukrise auf dem künstlichen Boom- bzw. Vorkrisen-Niveau bleiben sollen. Das ist jedoch bei 25 % Arbeitslosigkeit (50 % bei Jugendlichen), die das Platzen der Immo-Blase hervorbrachte, eine Illusion.
Tatsache ist: Zur Rückabwicklung von Blasen zählt nicht nur, dass die Hauspreise deutlich fallen (letztes Jahr -20 %), sondern auch, dass die Löhne entsprechend zurückgehen. Genau dies aber soll nun mit den Massen-Demos verhindert werden (obwohl es ökonomisch nötig ist, um die Konkurrenzfähigkeit Spaniens aufrecht zu erhalten). Man kann dies auch der engen Sicht der Beteiligten vielleicht verstehen, aber es ist ökonomisch nicht tragbar.
Wenn Draghi nun mit der Geldpumpe frisch gedrucktes Geld (genauer: ungedeckte EZB-Schulden) nach Spanien schafft, das bewirken soll, dass die Bürger in Spanien weiterhin zu hohe Löhne erhalten können, werden die Schieflagen aus der Blasenzeit nur perpetuiert. Gewonnen ist damit nichts. Das Gleiche gilt für Griechenland (und Sizilien), wo Vetternwirtschaft zur Vergabe zig hochdotierter Posten im Staatsdienst geführt hat. In Sizilien überwachen 27.000 Forstbeamte kaum noch vorhandene Wälder. In Griechenland gibt es 1000-köpfige Kommitees zur ökologischen Überwachung von Seen, die längst ausgetrocknet sind.
Ist es wirklich ein "historischer Fortschritt", wenn diese Beamten auch weiter im Dienst bleiben können, indem Draghi die Transferzahlungen sicherstellt?
Nein, denn damit werden nur Schieflagen, die ökonomisch nicht tragfähig sind, per EU-Subvention über die Runden gerettet. Das Vorhaben ist ähnlich sinnlos wie staatliche Subventionen für Autobauer, wenn gleichzeitig in der Branche starke Überkapazitäten bestehen.
Man kann beides subsumieren über der gemeinsamen Überschrift: "Sinnloses Verballern (nicht vorhandener) Staatsgelder".
Zu den üblen Folgewirkungen zählt, das künftig immer mehr Geld erforderlich wird, weil es ja "organische Missstände" sind, die z. B. bei den sizilianischen Forstbeamten keinerlei Aussicht auf Verschwinden haben. Die 27.000 Beamten, die aus ihren Bürofenstern nicht vorhandene Bäume beim Wachsen beobachten, werden auch künftig keinen wie auch immer gearteten "Cash Flow" erzeugen - außer dem, der aus der EU in ihre Taschen fließt.
In den PIIGS geht es nicht in erster Linie um spekulative Eskapaden "ausländischer Raffzähne" (Goldman und Co.), die nun den Bondmarkt aufmischen und an CDS verdienen (wiewohl AUCH das der Fall ist). Dies stellen Politiker um Hollande - die Realität verkennend - ständig als "Hauptursache" der Krise dar, um weitere Geldflutungen zu rechtfertigen. Nein, die Krisen sind zu einem erheblichen Teil hausgemacht. Und Gelder, die die entstandenen Schieflagen "stabilisieren" sollen, sind letztlich zum Fenster herausgeworfen.
Meine diesbezüglichen Äußerungen als "Rassismus" zu verunglimpfen (# 358) zeugt von tiefem Unverständnis - philosophischem wie ökonomischem. Es ist Ausdruck einer Borniertheit, die "alternativlose" Geldflutungen nicht zuletzt deshalb rechtfertigt, um damit eigene Long-Posis in Plus zu beten - so sinnleer die Argumente auch sein mögen. Und wenn man dann - selber als "kleiner Spekulant" agierend - auch noch das internationale Großkapital als wahren Täter in den PIIGS "entlarvt", dann hat man obendrein auch noch ein moralisch sauberes Schürzchen vorzuweisen.