Kübi, Du hältst den Euro zurzeit für unterbewertet und vermutest, er stehe charttechnisch vor einer Wende nach oben. Mag sein.
Im "Spaßdepot" bei Ariva setze ich mit einem riskanten (da engen) K.O.-Long auf EUR/AUD ebenfalls darauf. Allerdings ist die dahinter stehende Überlegung eher die, dass der Aussi wegen der anstehenden Rohstoffschwäche (Platzen der Rohstoff-Echoblase) noch schneller zum Dollar fallen wird als der Euro zum Dollar (was EUR/AUD nach Adam Riese nordwärts befördert). Es ist daher eher eine Wette auf "relative Fallgeschwindigkeiten".
Im realen Depot hatte ich diesen Long-K.O. auf EUR/AUD ebenfalls erwogen, aber wegen des "irrsinnigen" Abwärtsmomentums im Euro als zu riskant verworfen. Es gibt übrigens kaum noch K.O.s mit tieferem Strike. Kein Wunder: Der Kurs von EUR/AUD notiert mit 1,39x auf einem Allzeittief. Gemessen an der Kaufkraft-Parität (was bekomme ich beim aktuellen Wechselkurs in Australien für meine Euros?) ist der Austral-Dollar sicherlich bereits viel zu teuer.
Doch "der Markt" ist ein sinistres Tierchen, das Allen, die auf Vernunft wetten, liebend gern eine schallende Ohrfeige verpasst. Wir leben in der Ära des "Momentum-Investings", wo Trends auf Biegen und Brechen weiter geritten werden. Fundamentals sind irrelevant, wenn der Kurs jeden Tag um 1,5 % zulegt. Die Vernünftigen (die auf Fundamentals setzen) werden zu Schlacht-Opfern der Momentum-reitenden Hedgefonds - nach oben wie nach unten.
Natürlich trägt Momentum nur so weit, bis es bricht, und da es in den Rohstoffen bereits "kriselt", dürfte der Anstieg in EUR/AUD - bedingt durch Aussie-Schwäche! - nicht mehr lange auf sich warten lassen. Das CRV für Longs ist daher nicht allzu schlecht. Noch lukrativer aber scheint es mir bei einem Short auf AUD/USD, weil man dann "netto" auf die Aussi-Schwäche setzt. Denn wenn die Rohstoffe "abkacken", wird vermutlich auch der Euro weiter schwächeln, so dass EUR/AUD - falls obige Überlegungen aufgehen - langsamer steigt, als AUD/USD fällt.
Eigentlich ging es mir in diesem Kommentar um etwas anderes - nämlich um die "normative Kraft des Faktischen" bei Kursen aller Art. "Der Mensch" gewöhnt sich an Hoch- oder Tiefstände, wenn diese nur lange genug anhalten - auch wenn sie jeweils fundamental unbegründet sind. Kommt es dann zu einer Gegenbewegung, gerät das "persönliche Werte-System" durcheinander. Es ist durch Gewohnheit "konditioniert". Kommt es nun zu einer stärkeren Abweichung (nach oben oder nach unten), greift eine Art "Erinnerungs-Konservatismus": Der Mensch erinnert sich an das, was war - und vor allem an die Begründungen, die damals als Garnierung gereicht wurden (meist "trendfolgend verlogen" - aber egal). Und das führt dann dazu, dass er "gefühlsmäßig" eine Gegenbewegung erwartet (oder sogar darauf "wettet"), die einer Rückkehr zum bislang Gewohnten entspricht.
MMn arbeiten die Großzocker in USA ganz klar mit diesen Gewohnheiten und spielen mit ihnen:
- Zunächst lange Zeit prozyklisch trendfolgend, was eine "übergeordnete Anstiegs-Erwartung" erzeugt. Folge sind parabolische Anstiege, Kirchturm-Charts und an Rinderwahn grenzende Bullen-Euphorie. Das hatten wir zuletzt von ca. zwei Wochen.
- Das ist dann der ideale Zeitpunkt für die Großzocker, um mit dem Momentum-Hammer dagegenzuhalten. Der 1000-Punkte-Rutsch letzte Woche kommt mMn genau daher. Das war abgekartetes Spiel und keinesfalls ein Fettfinger-Irrtum.
"Die Gewohnheit" verleitete uns im letzten Herbst, als der DAX aus der 4000-er Region in die hohe 5000-er aufstieg, zu dem Gefühl: "Das ist ja Alles schon wieder viel zu teuer." Grund: Der lange Niedergang seit Lehman hatte unser Wertesystem auf eine tiefere Bezugsgrundlage "geeicht". Hinzu kam, dass die Krise erkennbar noch keinesfalls beendet war. Es häuften sich (bis heute) immer noch Zwangsversteigerunge, die Staatsschulden ufern ins Grenzenlose aus usw.. Doch wer gegenan-shortete, landete auf der Schlachtbank der Momentum-Großzocker, die es scheinbar besser wussten.
In den letzten Monaten ist nun aber das Umgekehrte geschehen. Dax-Stände von 6000 sind "keine Utopie mehr", sondern sogar die neue Norm. Das neue Hochplateau ist - ungeachtet der Schieflagen, die nun zunehmend ignoriert werden - die neue Bezugsgrundlage. Wenn es fiel, kauften Dip-Buyer inkl. Quo-Vadis-Zocker reflexartig nach. Sie verdienten damit auch lange prächtig Geld, bis beim 1000-Punkte-Rutsch am 6.5. der "große Rückzahltag" anstand. Großzocker machten Kasse und verletzten die Gewohnheit und Normsetzung "kreativ".
Auch heute (noch) wissen wir im Grunde Alle, dass es hinter den Fassaden - in den Bank- und Zentralbank-Bilanzen - mächtig stinkt. Die Staatspleiten-Arie in der Eurozone hat das nun erneut ins kollektive Bewusstsein gerückt. Aber die "normative Kraft der Faktischen" - sprich: die von den Zockerbanken forcierte "Gewöhnung an zu hohe Kurse" wirkt teilweise nach: Sie hat vielen den Kopf verdreht, und sie fördert die Neigung zum "Dip-Buying".
Man sieht es auch bei Dir, Kübi, am Öl. Seit einem Jahr shortest Du gegen die Anstieg an (was mit Short call und Contango-Spielchen sogar einträglich war), doch inzwischen haben Dich das Momentum und die Dauerhochkurse dazu verleitet, einen Short Put mit Strike bei 79 Dollar zu verkaufen, der nun tief "unter Wasser" ist. Dasselbe geschah mit Deinem Short Put auf Euro bei 1,28.
Grund: Die monate- oder gar jahrelange Höchstkurse wirkten "normsetzend". Der Mensch nimmt dies unbewusst in sein Wertesystem auf und handelt bei Abweichungen in diesem Sinne "wertkonservativ". Und genau das macht ihn nun zum Opfer der auf Ausbrüche (egal in welche Richtung) lauernden Hedgefonds (inkl. GS) und ihrer emotionslosen Trading-Automaten. Die schlagen in der Richtung "drauf", wo es am meisten zu verdienen gibt. Und das ist die Richtung, die "gefühlsmäßig" am wenigsten Sinn zu machen scheint....
Dies gilt mMn auch langfristig für Aktien. Die Verzehnfachung in den 1990-er Jahren gilt aus heutiger Sicht im Rückblick als "normal". Dax 8000 im Jahr 2000 war zwar teuer, inzwischen gilt aber selbst DAX 6000 als "billig", da "Märkte ja langfristig immer steigen" und daher das alte Hoch am Horizont zu winken scheint. Wer - wie mancher Bär - DAX 2000 auszusprechen wagt, erntet schallendes Gelächter.
Doch Aktien und (Staats-)Anleihen sind mMn ein langjährig angelegtes Schneeballsystem. Dahinter steckt die Illusion ewigen Wachstums, die schon wegen der begrenzten Ressourcen auf der Erde eine Schapsidee ist. Die Erdbevölkerung wird auch nicht "ohne Ende" wachsen können, weil sie irgendwann mit den begrenzten Ressourcen nicht mehr ernährbar ist und zudem bei hoher Populationsdichte vernichtende Massenepidemien (die teils wie die Pest im Mittelalter halb Europa wegraffen können) immer wahrscheinlicher werden. Die Natur schlägt dann sozusagen zurück.
Querschüsse führt mMn völlig Recht folgendes Leitmotiv im Kopf aller seiner Artikel: "Jeder der glaubt, dass exponentielles Wachstum in einer endlichen Welt für immer weitergehen kann, ist entweder verrückt oder ein Wirtschaftswissenschaftler."
Doch die normative Kraft des Faktischen, die Gewohnheit an neue Höchstkurse und dadurch genährte/konditionierte Erwartung weiter steigender Kurse, ist die "geistige Mohrübe", die wir uns zur Selbstverdummung vor die eigene, allzu enge Stirn hängen.
Um zum eigentlichen Thema, EUR/USD, zurückzukommen: Als der Euro eingeführt wurde, lag der Kurs bei 1,18 (zum Dollar). Die Währungshüter gingen offenbar davon aus, dass dies langfristig ein vernünftiger Mittelwert "werden könnte". Doch sie haben ihre Rechnung ohne die Zocker gemacht. Als der Euro noch lediglich Buchwährung war (DM war noch im Umlauf), hielten Amis und sonstige Angelsachsen massiv dagegen - auch argumentativ: Sie prügelten EUR/USD im Herbst 2000 bis auf 0,8250 runter. Zu der Zeit hagelte es Kursziele von 0,75. Als Begründung wurde genannt: Europa sei ja gar keine Wirtschaftsunion, sondern ein bloßes Durcheinander von Regierungen, die in babylonischer Sprachverwirrung" alle ihr eigenes Süppchen kochen. Der Euro sei eine Schönwetterkonstruktion, die bei Problemen "auseinanderfällt". (Man vergleiche dies mit dem, was jetzt wieder kusiert...)
Die damalige Saat ging auf - und die Gewohnheit hielt sich erstaunlich lange. Noch 2003, als USA in den teuren Irakkrieg zog, hielt sich EUR/USD teils unter der Parität. Doch als Greenspan mit Tiefzinsen die neue Blase (Haus- und Verschuldungsblase) aufzupumpen begann, kamen Goldman und Co. auf die glorreiche "Idee", den Assetpreis-Reflationstrade (1.0, nach dem Dot.com-Kollaps) zu starten. Die Zinsen auf den Dollar waren niedrig, so dass er sich als Verschuldungwährung für das Hochkaufen von Assets aller Art anbot. Die tiefen Zinsen - gedacht zur Ankurbelung der Wirtschaft, was de facto aber nur auf Schuldenblähung hinauslief - sorgten für zunehmende Inflationssorgen. Den Goldmännern kam auch zugute, dass Ende der 1990er nicht nur Glass-Steagall-Gesetz gestrichen wurde, sondern auch Auflagen zur Begrenzung von Zockertrades an den Warenterminbörsen. Die Lehren aus der Großen Depression wurden über den Haufen geworfen (was uns mMn zur Wiederholung des Elends "verurteilt"...) Für GS und Co waren das Ideale Voraussetzungen, um mit "billigen Dollars" eine Rohstoff- und sonstige Assetblase aufzupumpen, an der alle Zockerbanken prächtig verdienten. Und dass die kleinen Leute ein bisschen mehr an der Tanksäule und beim Bäcker blechen mussten - who cares?...
Dieser strategische Reflations-Trade, der letztlich - ebenso wie die willkürlichen Tiefzinsen - allein dazu diente, nach dem grandiosen Platzen der Dot.com-Blase die Illusion ewigen Wachstums am Köcheln zu halten, setzte den Dollar unter Druck und trieb im Gegenzug die einst so geschmähte "Vielvölker-Währung" Euro hoch. Rohstoffe stiegen, der Dollar fiel. Es dauerte nicht lange, bis die vereinigten Goldmänner eine Schutzbehauptung in die Welt setzten, die - dank ewigem Nachbeten in den Medien - irgendwann erfolgreich in die Köpfe der Anleger "gehämmert" war: Der Dollar sei eine Loser-Währung, weil in USA zuviel Geld gedruckt wird. "Deshalb" fliehen" die Anleger aus dem Dollar und in Rohstoffe, die langfristig Wert versprechen. Sogar die Chinesen fielen auf diese Goldman-Sprüche rein. Goldman setzte mit "Öl Peak" noch eins drauf. Die Rohstoffe werden "bald alle" sein....
Als das Momentum 2008 bis zum Exzess geritten war (EUR/USD 1,60, Öl 147 Dollar), war die Sollbruchstelle erreicht. Die Lehman/Bankenkrise im Herbst 2008 war ein willkommener Anlass, per Schocktherapie "nach unten" Geld zu verdienen (ganz ähnlich wie letzte Woche..): Öl fiel wie ein Stein um haarsträubende 80 % auf 30 Dollar. Die Goldmänner, längst short, rieben sich die Hände.
Doch das "ideologische Erbe" aus dieser Bläh-Ära- die zur Rechtfertigung herausposaunte Behauptung, dass "der Dollar langfristig wertlos wird" - wirkt auch heute noch in den Köpfen fort. Sie ist genauso haltlos wie die Behauptung, dass der Euro langfristig wertlos wird (wie man sie jetzt zunehmend hört, sie wird bei Parität noch lauter werden...)
Die normative Kraft von Euro-Kursen zwischen 1,40 und 1,60 - was gemessen an der Kaufkraftparität von ca. 1,20 viel zu teuer war - hat in den Köpfen der Anleger erfolgreich "das Wertesystem verschoben". Plötzlich ist der Euro bei 1,25 spottbillig oder sogar "absturzbedroht", obwohl er doch bei seiner Einführung 7 Cents billiger war (1,18).
Und unsere durch die Dauerprogaganda ("Dollar wird wertlos") vernebelten "Gewohnheits-Hirne" spielen uns jetzt den Streich, den Euro bei 1,25 als "viel zu billig" einzustufen. Tatsächlich wird er erst bei 0,90 viel zu billig sein - wo er nach 2000 ja auch lange stand. Und ich traue den Zockerbanken zu, genügend Panik zu sähen (auch argumentativ via "EU-Staaten-Abstufungen durch Moody's) und Momentum loszutreten, dass auch dieses Extrem wieder erreicht werden kann. Wir hätten dann, gemessen an der "wahren Norm" von 1,18 - eine Übertreibung nach unten, die vom Ausmaß her der vorherigen Übertreibung nach oben (1,60) entspricht.
Meine Wette (long Dollar in cash) basiert auf diesen Überlegungen - und auf der Erfahrung, dass die Trendritter (nun abwärts) gewerbsmäßig daran verdienen, von ihnen selbst erzeugte Gewohnheiten "kreativ zu verletzen". Bei Aktien wird das mMn nicht anders laufen....