Nehmen wir mal an, Grüner liegt falsch mit seiner Erwartung, dass der DAX zum Jahresende wieder über alte Höchststände steigt. Stattdessen kommt das hier im Thread ausgemalte Szenario, dass den DAX bis Ende 2009 schrittweise auf 3000 (evtl. sogar 2000) fallen lässt.
Wie gehen Leute wie Grüner (auch Bernecker zählt dazu) mit solchen Entwicklungen, die ihre Prognosen Lügen strafen, um? Die Antwort lautet fast immer:
Nachkaufen! Aktien sind jetzt sensationell billig. An meinen positiven Prognosen hat sich überhaupt nichts geändert. Das KGV ist jetzt sogar noch viel günstiger, blah blah. Lassen sie sich diese Chance nicht entgehen!
Was bedeutet das konkret für Grüners "Jünger"? Nehmen wir an, der DAX fällt auf 5000. Wenn sie vorsichtig waren und dann noch 50 % Cash halten (obwohl Grüner bereits beim Stand von DAX 8000 empfahl, zu 100 % long zu gehen), dann erhalten sie bei DAX 5000, was Gruner als "Chance des Jahrzehnts" bezeichnen würde, die Chance, ihren ursprünglichen Einstand von 8000 auf 6500 zu "verbilligen". Sie sind nun zu 100 % investiert.
Fällt der DAX dann auf 4000, würde Grüner von einer "Jahrhundert-Chance" sprechen und abermals "Nachkaufen!" empfehlen. Doch die große Frage lautet: Wovon? - wenn man schon bei der "Chance des Jahrzehnt" (5000) voll eingestiegen war.
Bei DAX 3000 setzt sich das Spielchen fort. Grüner würde noch immer seine Langzeitprognosen aufrecht erhalten, Aktien numehr als "absurd billig" bezeichnen und von der "Chance des Jahrtausends" sprechen. Manch Wankelmütiger würde daraufhin auf Kredit verbilligen.
Fällt der DAX dann schlussendlich auf unter 2000 - Grüner meldet sich nun überhaupt nicht mehr zu Wort, weil er zu Florian Homm nach Paraguay ausgewandert ist - , dann werden die "Nachkäufer auf Kredit" schlicht ausradiert: Margin Calls, Zwangsverkäufe, Depotliquidierung. Restwert: Null. Die großen Verkaufslawinen, die lange Baissen typischerweise abschließen, gehen zu einem Großteil auf solche Zwangsverkäufe zurück. Die Leute, deren Broker "für sie" verkaufen, wissen dann sehr wohl, dass Verkäufe auf diesem Niveau Schwachsinn sind, aber sie können leider überhaupt nichts dagegen machen. Sie haben die Kontrolle verloren.
Bei solchen Tiefständen - vergleichbar denen am Tief der Großen Depression in den 1930-ern - kommt das wirkliche "Smart Money" und sammelt Ölaktien für 1 Dollar ein, die zuvor 100 Dollar gekostet hatten. Das sind die Rockefellers, die 1928 ausgestiegen waren, weil Schuhputzer ihnen Aktien empfohlen hatten.
Wer an solchen Tiefständen handlungsfähig sein will (auf der Longseite), muss zwingend vermeiden, den Nachkauf-Plapperern, "Serial-Bottom-Callern" und "Heute haben wir die Tiefs gesehen"-Schreiern auf den Leim zu kriechen.
Für diese psychologische Meisterleistung - Odysseus musste sich eigens an den Mast binden, um dem Gesang der Sirenen standzuhalten - wird man dann allerdings fürstlich belohnt.