Bankenbilanzen nicht aussagekräftig
Banker und Experten sehen noch "kein Licht am Ende des Tunnels".
US-Präsident Barack Obama und sein Zentralbankchef Ben Bernanke sehen bereits einen Hoffnungsschimmer und erste Anzeichen für ein Ende der Krise. An den US-Börsen ging es zuletzt in der Hoffnung auf eine Trendwende nach oben.
Und vor allem die viel besser als erwartet ausgefallenen Bilanzen von US-Banken nährten vergangene Woche den Optimismus. Doch Analysten, Experten und selbst Vertreter der Banken mahnen: Eine Entwarnung gebe es noch lange nicht.
Positiver Trend
Die zur Rettung teilverstaatlichte Citigroup wartete am Freitag schon als vierte US-Großbank in Folge mit unerwartet guten Zahlen auf. Das Minus fiel im ersten Quartal mit 966 Mio. Dollar (740 Mio. Euro) weit geringer aus als erwartet.
Den positiven Trend in der seit fast zwei Jahren tobenden Finanzkrise hatten zuvor bereits die US-Großbanken Wells Fargo, Goldman Sachs und JPMorgan Chase mit überraschend hohen Milliardengewinnen gesetzt. Börsianer sprachen von ersten Anzeichen für einen möglichen "Branchenfrühling".
Banker vorsichtig
"Wir sehen noch kein Licht am Ende des Tunnels", meinte allerdings Citigroup- Finanzvorstand Edward Kelly. Ausfälle bei den Verbraucherkrediten könnten ihm zufolge gegenüber dem ersten Quartal um eine Milliarde steigen. Ähnlich vorsichtig zeigte sich der Chef von JPMorgan, Jamie Dimon: Die Kreditausfälle würden mit Sicherheit weiter steigen.
Die Skepsis über die Jubelmeldungen teilen auch Wirtschaftsexperten. Vor allem mit der Krise in der Realwirtschaft und steigender Arbeitslosigkeit würden sich immer mehr Menschen die Rückzahlung ihrer Kredite nicht mehr leisten können.
Banken besonders betroffen
Und das Besondere an der Krise sei, dass diesmal Banken stärker als sonst betroffen seien. Die Faustregel, dass die Arbeitslosenrate in etwa dem Prozentsatz der nicht einbringbaren Kreditkartenschulden entspricht, gilt demnach diesmal nicht.
Die Immobilienkrise habe so viel Vermögen gefressen, dass die Leute in verschiedene Arten von Schulden - unter anderem Kreditkarten - gestürzt wurden, schreibt die "Washington Post". Dementsprechend höher seien nun die Verluste in diesem Bereich.
"Bilanzmanöver" und Investmentgewinne
Die guten Geschäftszahlen der Banken seien einerseits "Bilanzmanövern" und Gewinnen im Investmentbereich, vor allem im Handel mit Firmenanleihen, zu verdanken. "Ich glaube, wir haben alle gewusst, dass die Daten des ersten Quartals nicht verlässlich sein konnten", meinte die Finanzanalystin Nancy Bush in der "Washington Post".
So hatte Citigroup von gelockerten Regeln bei der Abschreibung von Wertverlusten profitiert, Goldman Sachs bilanzierte erstmals als Geschäftsbank, durch die Umstellung fiel der desaströse Dezember des letzten Jahres unter den Tisch.
Krugman: "Ein bisschen komisch"
Auch Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman findet in seiner Kolumne in der "New York Times" die Berichte der Banken ein "bisschen komisch". Die kolportierten Gewinne von Wells Fargo würden etwa vor allem auf Annahmen und weniger auf harten Zahlen beruhen.
Generell warnt Krugman vor allzu großem Optimismus: Mit der Wirtschaft gehe es weiter bergab, so habe die US-Industrieproduktion ein Zehnjahrestief erreicht. Bestenfalls könne man sagen, dass der Abschwung sich verlangsamt habe. Und selbst wenn sich die Wirtschaft erhole, bleibe das Problem der Arbeitslosigkeit, das sich zumeist nur langsam lösen lasse.
Auch Obama-Berater warnt
Fast gleichlautend warnte auch ein hochrangiger Wirtschaftberaters Obamas am Sonntag vor überzogenen Erwartungen: Es stehe noch ein langer Weg aus der Krise bevor, sagte der Vorsitzende des Nationalen Wirtschaftsrats, Lawrence Summers. Eine Erholung sei noch in weiter Ferne. "Es ist ein langer Weg, und es braucht viel Zeit, aber dann wird es wieder Arbeitsplätze geben", sagte Summers.
Woche der Wahrheit
Die Bewährungsprobe folgt schon diese Woche: Zum Höhepunkt der US-Ergebnissaison legen Dutzende Unternehmen ihre Zahlen für das erste Quartal auf den Tisch. Mit dabei sind Schwergewichte wie die Bank of America, der Kreditkartenriese American Express, der Flugzeugbauer Boeing, der IT-Gigant IBM und Microsoft.
"Das wird die Woche der Wahrheit", sagte ein Händler in New York. Obendrein folgen ab nächstem Freitag die mit Spannung erwarteten Ergebnisse des staatlichen "Stresstests" zur Stabilität der größten US-Banken.
quelle: orf.at