| | Das Doppelte Töppchen Verehrte Leserinnen und Leser, Der Dax zeigt sich momentan in charttechnisch einmaligen Konstellationen. Das muss man sich genauer ansehen. Aber bevor ich auf diesen Index, das „Waterloo der Bären“ in 2007, eingehe, müssen wir uns mal die Ereignisse der letzten 48 Stunden ansehen ... denn da findet sich allerhand, das uns eine Chance gibt zu erahnen, wie es in der kommenden Wochen weitergehen könnte.
Seit Mittwoch haben wir an den Aktienmärkten ein erstaunliches Kursverhalten erlebt. Nachdem an Wall Street per Dienstagabend neue charttechnische Verkaufssignale entstanden waren, quittierten die Börsen in Asien dies mit steigenden Kursen. In Europa ging es nach unten, aber mit eher gebremstem Schaum. In den USA gingen die Verkäufe dann am Mittwoch zunächst weiter, bevor eine Rallye kurz vor Schluss aus einem klaren Minus ein klares Plus machte. Die Börsen in Asien quittierten dies mit fallenden Kursen.
Börse burlesk?
Alle bekloppt? Nein, was wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen wirkt, hat durchaus eine innere Logik, wenn man folgende Aspekte in die Überlegungen mit einbezieht:
Es wird momentan weitaus aktiver Short gegangen als in den Wochen zuvor. Das verstärkt zwar den Druck auf die Kurse, erhöht aber auch die Risiken einer plötzlichen Rallye. Denn wer einfach Positionen abbaut, ist aus dem Spiel. Wer aber Short geht, kommt nur an seinen Gewinn, wenn er die Shortposition glattstellt – und das heißt: Kaufen! Und:
Wenn die Großen Adressen Shortpositionen aufbauen, tun sie das in entsprechenden Größenordnungen. Wollen diese Akteure einen Teil der Gewinne sichern, würden sie durch die dazu nötigen Eindeckungskäufe die Kurse nach oben katapultieren und so dem Rest der Shortpositionen schaden. Daher bietet es sich an, Shorts dann glatt zu stellen, wenn gerade deutlicher Verkaufsdruck vorhanden oder zu erwarten ist, in den hinein man dann die Käufe vornehmen kann, ohne die Kurse insgesamt unerwünscht nach oben zu bringen.
Das selbe Phänomen, nur genau gespiegelt, haben wir im Herbst erlebt, als die Großen Adressen anfingen, ihre massiven Longpositionen abzubauen, in steigende Kurse verkauften und dem Haussedrang der Indizes so einen Deckel aufsetzten. Aber:
Anders als damals sehe ich momentan noch keinen Riegel nach unten (noch nicht), weil man andererseits sieht, wie konsequent kurzzeitig steigende Kurse immer wieder zu Verkäufen und zum Ausbau von Shortpositionen genutzt werden. Da reicht schon ein recht kleiner Anstieg, um die Verkäufer wieder in Scharen auf den Plan zu rufen. Das lässt nicht erwarten, dass die Abgaben schon in allernächster Zeit vorbei sein werden.
Bernankes letzte Karte
Dann kam der Donnerstag. Und der war für mich der bezeichnendste Tag der Woche. US-Notenbankchef Bernanke erklärte in einer Rede, dass die Notenbank bereit sei, jede erforderliche zusätzliche Maßnahme zu ergreifen, um die US-Wirtschaft zu unterstützen. Dies wurde völlig korrekt als verbales Versprechen einer Zinssenkung interpretiert – und wahrscheinlich einer um gleich 0,5 Prozent.
Die Kommentatoren stellten richtig fest, dass sich in dieser Deutlichkeit noch nie ein Notenbankpräsident festgelegt hat und ... dass dies auch andeuten kann, dass die Fed die Leitzinsen vor dem 30. Januar in der nächsten regulären Sitzung senken könnte. Und zwar jederzeit dann, wenn es die Wirtschaftslage erfordern würde (beziehungsweise die Aktienmärkte, denn es wird die US-Konjunktur nicht plötzlich schlagartig wiederbeleben, wenn die Zinsen zwei Wochen früher gesenkt werden – aber es soll helfen, die Aktienmärkte vor dem Absturz zu bewahren. Nicht ausgesprochen – aber allen klar).
Sprich: Das war eine verbale Zinssenkung. Nicht genau das, was ich in meinem vorherigen Kommentar vom Mittwochmorgen erwartete .. aber es kommt der Sache nahe. Zumal: Telefoniert haben die Ratsmitglieder also wirklich, denn Bernanke kann eine solche Aussage nicht treffen, ohne dass die anderen stimmberechtigten Mitglieder des F.O.M.C. vorher genickt hätten). Der Unterschied ist, dass Bernanke sich den Zeitpunkt offen hält. Aber:
Ich meine, dass er damit trotzdem seine letzte Karte ausgespielt hat. Es ist nun nahezu sicher, dass die Zinsen im Januar um ein halbes Prozent fallen. Ob nun kommende Woche oder am 30.1. – oder in zwei Senkungen um je 0,25% - ist eigentlich nicht entscheidend. Denn der Joker eines psychologischen Effekts in Form einer positiven Überraschung durch die Notenbank ist damit ausgespielt und damit aus dem Spiel. Und:
Er hat nicht gestochen. Nachdem die Kurse kurzzeitig senkrecht nach oben schossen, als Bernankes Redetext bekannt wurde, fielen sie nach Ende der Rede sofort dahin zurück, wo sie herkamen. Ich meine, dass damit von der Notenbank vorerst keine bullishen Impulse für den Aktienmarkt mehr ausgehen können. Und das war eigentlich der letzte bullishe Strohhalm, der seit November für steigende Kurse sorgen konnte.
Bank of America, Countrywide Financial und American Express
Dass die US-Börsen am Donnerstag dennoch im Plus schlossen, verdankten sie der Nachricht, dass die Bank of America den konkursgefährdeten großen Hypothekenfinanzierer Countrywide Financial übernehmen werde. Die positive Reaktion am Gesamtmarkt war eigentlich erstaunlich, denn aus zwei Einäugigen wird kein Adlerauge, nur, weil sie Hand in Hand gehen. Und mir blieb auch verschlossen, was dieser Deal für den Gesamtmarkt an positiven Impulsen bedeuten könnte. Aber:
Wenngleich Wall Street im Plus schloss, war der Großteil des Anstiegs schon 10 Minuten nach Handelsende über die Futures wieder dahin. Da veröffentlichte American Express eine Gewinnwarnung und schloss sich den Banken an, die in den letzten Tagen meldeten, Amerika sei bereits in einer Rezession (mein Reden). Dadurch ist der Versuch, z.B. den S&P 500 wieder über 1.420 zu hieven und so das Bild wieder charttechnisch aufzuhellen, zunächst gescheitert.
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Fazit: Positive Nachrichten werden zwar als solche wahrgenommen, halten aber nicht vor. Das heißt, über Eindeckungen und wenige spekulative Käufe kommt der Aktienmarkt im Moment nach oben nicht hinaus, dann setzen sofort konsequente Verkäufe ein. Jeder Schub nach oben wird zu Abgaben genutzt. Wäre es anders herum, würde man den Kursen einen herausragend stabilen Aufwärtstrend unterstellen. Diesmal aber lässt sich nur feststellen: Die Abwärtstendenz ist absolut intakt. Zudem strömt immer noch neues Geld in die Anleihen und Gold – was den „natürlichen Nachschub“ für den Aktienmarkt limitiert. Und das führt mich zum Dax:
Die Riesenschere zwischen Dax und dem „Rest“
Der von mir bekanntermaßen zutiefst ungeliebte Dax hat sich in den vergangenen Monaten ein charttechnisches Bild zusammengewurstelt, das dermaßen originell und zugleich wichtig ist, dass ich diesen Index heute trotz aller Abneigung wegen der enthaltenen „sicheren Häfen“ (haben sie heute E.ON gesehen?) mal genau ansehen möchte. Zunächst fällt auf, dass der Dax seit Sommer 2007 ein Eigenleben geführt hat. Die klare Abwärtstendenz anderer deutscher Indizes ebenso wie der meisten anderen Weltbörsen gingen ihn nichts an. Das führte dazu, dass wir hier in 2007 ein stattliches Plus erzielten, das die Bullen sich unter das Kopfkissen geschoben haben und offenbar großenteils immer noch gut darauf schlafen.
Doch der Vergleichschart zeigt, wie sehr der Dax das wahre Bild verzerrt. Weder im MDax noch im SDax gab es nach dem Einbruch im Sommer auch nur den Ansatz, an die alten Hochs heranzukommen sondern einen eindeutigen und steilen Abwärtstrend. Der SDax verlor seit seinem Hoch im Juli über 28%! Aber:
Nun muss man sich ja die Frage stellen: Wenn sich diese Schere wieder schließt – fällt dann der Dax oder steigen MDax und SDax? Oder bleibt der Dax auf der Stelle und die Nebenwerte kommen irgendwann wieder ran? Schwer zu sagen. Aber die Verluste in den Nebenwerten sind zumindest jetzt schon dermaßen heftig, dass sie bei einzelnen Aktien einem Crash gleichkommen. Daher würde ich – auch, wenn die Rahmenbedingungen negativ bleiben – ausgerechnet jetzt ebenso wenig noch neu in MDax-Puts einsteigen wollen wie ich E.ON-Calls kaufen würde.
Kommt der Dax also nun runter? Dass ausgerechnet diese Frage so schwer zu beantworten ist liegt in dem begründet, was sich im Dax in den Monaten zuvor getan hat. Zuerst brachen die Finanzwerte weg. Dafür wurden Export- und Industriewerte wie besessen gekauft und alle Warnungen vor einer sich dort bald verschlechternden Gewinnsituation ignoriert. Dann realisierten die Anleger auf einmal, dass diese Warnungen ja zutrafen. Industriewerte fielen im Dax wie ein Stein, die Finanztitel blieben unten. So weit, so gut. Aber:
Der Dax fiel dennoch nicht nennenswert, weil man sich sofort auf „defensive“ Titel stürzte ohne zu bedenken, dass Versorger- oder Pharmaaktien im Steilflug irgendwann nicht mehr defensiv sind, sondern irrsinnig überteuert. Natürlich sind nun diese Aktien ebenfalls „reif“, aber:
Nachdem man vorher wie wahnsinnig Aktien wie Conti, MAN, Daimler, Thyssen etc. durch die Decke getrieben hat, wurden sie danach auch dermaßen brutal fallen gelassen, dass diese Verluste nun ebenfalls schon wieder närrisches Niveau erreicht haben. Geht das Spielchen im Dax weiter, könnte es also sein, dass zwar die „sicheren Häfen“ von gestern schon morgen zu Fallobst werden, dafür aber eine Rallye in den Export- und Industrieaktien einsetzt. Und kommt man dann auf die Idee, auch ein paar der ausgebombten Finanzwerte einzusammeln ... könnte der Dax durchaus steigen, statt zu fallen. Diese Konstellation im Hinterkopf nun zu einem der originellsten Kursverläufe der letzten Zeit:
Das doppelte Doppeltop ...
Der Dax leidet unter Doppeltoperitis. Ich habe noch nie irgendwo eine solche Massierung von Doppeltops gesehen wie hier. Gerade hat er mit dem Break unter 7.780 seiner Sammlung ein weiteres Exemplar hinzugefügt. Damit haben wir nun zwei Doppeltops hintereinander, die, wenn der Dax unter 7.450 fallen sollte (was auch das rechnerische Kursziel des gerade vollendeten Doppeltops ist, siehe grüne Linien), ein großes Doppeltop vollenden, dessen rechnerisches Kursziel bei ca. 6.800 läge (violette Linien). ODER:
... oder man bezieht noch das noch ein wenig undisziplinierte Top vom Juni/Juli mit ein, wertet dieses als linkes Top und setzt die Nackenlinie so auf das Sommer-tief bei 7.190 – dann errechnen sich natürlich tiefere Kursziele. ABER:
... und ein Joker in der Mitte
Es sind nicht nur die Überlegungen über das kommende Auf und Ab der einzelnen im Dax enthaltenen Segmente Finanzen, Export und „Defensiv“ sowie die Doppeltops, die momentan das Geschehen dominieren. Nein, um das Ganze noch lustiger zu machen, sitzt inmitten der Doppeltoperitis ein kleiner Joker, den wir am Freitag genau angelaufen und zunächst gehalten haben: der 200 Tage-Durchschnitt.
Das momentane Bild an den anderen Weltbörsen lässt mich dazu tendieren, dass er kommende Woche brechen dürfte. Zumindest sehe ich die Chance momentan bei 2:1. Aber bedeutet das dann einen steilen Absturz, einen Kurseinbruch, mit dem der Dax die Verluste der anderen Börsen aufholt? Nein, auch, wenn das oft im Hinterkopf der Investoren sitzt. Denn die faktische Relevanz des 200 Tage-GD ist in den letzten Jahren geringer gewesen als sein Ruf. Schauen Sie sich dazu mal diesen langfristigen Chart an:
In den letzten sieben Jahren gab es mehrere „Zusammenstöße“ des Dax mit seinem 200 Tage-GD. Aber: Weder hatten erfolgreiche Tests (grüne Kreise) eine nachhaltige Wirkung auf die Kurse, noch hatte sein Bruch (rote Kreise) zur Folge, dass die Kurse dauerhaft die Richtung wechselten. Ich meine:
Wenn der Dax den 200 Tage-GD bei knapp 7.690 bricht, dürfte das durchaus eine fortgesetzte Abwärtsbewegung bis in die Zone 7.450/7.500 bedeuten. Dort aber werden die Karten neu gemischt. Es kann dann weiter Richtung 7.190/7.350 runter gehen, ebenso wäre dort aber zunächst mal eine Gegenbewegung in Richtung 7.800 denkbar. Vor allem wenn man die völlig überverkauften Nebenwerte-Indizes bedenkt, die spätestens dann mal wieder gegenlaufen sollten und dem Dax sicherlich Rückenwind geben würden. Aber:
Mit dieser charttechnischen Konstellation, die wirklich eine rekordverdächtige Ballung an Umkehrformationen mitbringt, würde ich zumindest eines ausschließen: Nämlich dass es ein kalkulierbares Risiko wäre, im Dax jetzt, am 200 Tage-GD, Long zu gehen, wie man es in Aufwärtstrends sonst gerne tut.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!Herzliche Grüße Ihr Ronald Gehrt
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