Wenn die damaligen Mahnenden, wie ich es vorziehe, nicht in jeder Kolumne darauf hinweisen, wann sie in welcher Kolumne darauf hingewiesen haben, dass genau das passiert, was wir heute an der Backe haben, fallen sie glatt durch den Rost.
Denn ganz vorne brüsten sich die früheren „Aktien-steigen-immer-egal-was-passiert-Optimisten“ mit ihren genialen Trendwende-Prognosen von „damals“, die es nie gegeben hat. Erfolgreich. Denn gerade diejenigen Anleger, die sich umtun, sich Gedanken machen und viel lesen, können Monate später nicht mehr prüfen oder sich gar erinnern, ob diese Genies derartige Aussagen wirklich getroffen haben. Zumal sie sich zur Sicherheit gerne als Quelle auf ihre Börsenbriefe berufen ... und die hätte der potenzielle Fan dieser Auguren halt damals abonniert haben müssen.
Der Grund, warum ich mich über solche Menschen auslasse, liegt nicht in dem Wunsch, in Erinnerung zu rufen,
dass ich und mein Kollege Axel Retz nahezu die einzigen waren, die wirklich bereits im Sommer 2007 Alarmstufe rot gegeben hatten (na ja, ein bisschen schon). Wer meine Kolumnen öfter liest, weiß das. Und wer Belege will, kann ja in meinem Marktkommentar-Archiv auf meiner Website problemlos prüfen, dass dem so war. Und auf diejenigen, die dem hinterherlaufen, der am lautesten schreit, lege ich, offen gesagt, als Leser meines Börsenbriefs keinerlei Wert. Nein, der entscheidende Punkt ist ein ganz anderer:
Warnungen mit Frühbucher-RabattIch HABE in der Tat im Sommer 2007 Alarmstufe rot ausgegeben ...
aber auch schon im Herbst 2006 [Interessant, da war ich auch schon zu früh bärisch im Doomday-Bärenthread, A.L.] DAS ist es, worüber ich momentan nachdenke, denn dieses
geistige „Frühbuchen“ hat dazu geführt, dass ich mit meinen Argumenten für einen baldigen Abwärtsschwenk der Aktienmärkte zwar im Prinzip recht HATTE ...
diejenigen, die mich aber damals als Schwarzseher aus Leidenschaft einstuften, recht BEKAMEN. Zumindest noch eine ziemlich lange Zeit. Und das selbe Spiel erlebte ich bei meinen Warnungen vor einem Platzen der Rohöl-Blase und dem Zusammenbruch der Fahnenstange im Gold. Es kam so ... aber erst deutlich später und zu noch irrwitzigeren Kursen als ich mir damals auch nur im Fieberwahn vorstellen konnte.
Entscheidend ist die Frage nach dem „warum“. Und die diskutiere ich öffentlich, weil ich beileibe nicht der einzige war, der zu früh dran war.
Zahllose Anleger, und gerade diejenigen mit Verstand und Erfahrung, wurden ein ums andere Mal für ihre richtigen und fundierten Überlegungen bestraft. Was steckt dahinter, wie werden wir diesen „Fluch“ los?
Ist nachdenken schädlich?Nicht mehr nachdenken und nur die Charts analysieren? Nun, auch das kann in die Hose gehen, aber ich gebe zu, es hätte wohl bessere Ergebnisse gezeitigt. Auf jeden Fall bessere, als blind dem geistlosen Geblöke der Herde zu folgen, die noch im Januar dieses Jahres einen Dax über 10.000, im Frühjahr Gold bei 1.500 und im Sommer Rohöl bei 200 als „so gut wie sicher“ ausrief. Denn
wer der Masse folgte, reagierte nicht, als die Charts Verkaufssignale generierten, sondern glaubte an „seine“ Kursziele. Also Hirn außer Betrieb setzen und den Charts folgen?
Tja, wenn das so einfach wäre! Um diesem Problem zu begegnen, hatte ich extra ein mittelfristig agierendes Handelssystem entwickelt und eingesetzt ... es aber aufgrund der extremen Schwankungen und Kursbewegungen zuletzt ausgesetzt. Das erwies sich für Positionen am Aktienmarkt als richtig, bei Rohstoffen und Euro aber als Fehler. Schon wieder hat der Kopf eine Entscheidung getroffen, die weniger brachte als ein stumpfes Folgen der Vorgaben. Und doch ... wenn Sie nicht zu denen gehören, denen es (meistens erst nach langer Übung) gelingt, wirklich wie ein Daytrader nach den Kursen und nicht nach den Rahmenbedingungen und Ihren eigenen Emotionen zu handeln, ist „Hirn aus“ leicht gesagt. Ich meine:
Es ist auf jeden Fall richtig und notwendig, sich über die Faktenlage klar zu werden, sich über mögliche Szenarien für die Zukunft Gedanken zu machen und den Verstand einzusetzen, wenn man sich auf das aktuell in Windstärke 12 schaukelnde Deck der Börsen begibt. Aber die Erfahrung der letzten knapp 20 Jahre lehrt mich, dass man wohl eines immer im Hinterkopf behalten sollte:
Wer nachdenkt, ist meist zu früh dran – vor allem, was große Trendwenden anbelangt!Die Sucht, das „IST“ in die Zukunft zu verlängernDie Ursache könnte/dürfte darin liegen, dass gerade dann, wenn die Kurse sich extrem stark bewegen, viele das „Hirn baumeln“ lassen und sich mental in die Kuschelecke zurückziehen, indem sie einfach die laufenden Trends blind in die Zukunft verlängern. Immerhin
neigen die vorgeblich weisen Analysten vieler Banken auch dazu, genau das zu tun. Was dazu führt, dass z.B. Goldman Sachs im Juni ein 12-Monats-Kursziel von 200 Dollar für Rohöl ausruft ...
und im Oktober eines von 50. Dies wird in den Medien transportiert und wirkt wie ein permanenter Nieselregen: Man spürt ihn kaum, aber mit der Zeit dringt er durch. Und das führt dazu, dass man nicht reagiert, wenn die Lage dreht. Aber:
Wenn man sich dessen bewusst ist, sollte man mit einer
Kombination aus Verstand und Chartanalyse eigentlich recht gut zurande kommen. Ich hatte seit 2006 vor dem Einstieg in Aktien gewarnt ... und lange daneben gelegen, weil ich das Ausmaß der Ignoranz gegenüber den sich markant verändernden Rahmenbedingungen nicht hoch genug eingestuft hatte.
Und ich hätte im Zuge der rapide fallenden Kurse auch nicht erwartet, dass z.B. Rohöl in einem Rutsch von „zu teuer“ auf „zu billig“ durchgereicht wird, Metalle teilweise unter den Produktionskosten gehandelt werden und der Euro wider alle Vernunft mit in den Crash gezogen wurde. Erfahrungswerte, die genau jetzt umgesetzt werden müssen, denn:
Wann kommt eine Gegenreaktion?Wir sind bei Rohstoffen, beim Euro, bei Aktien so weit gefallen, dass man eigentlich davon ausgehen sollte, dass nun eine mehrwöchige Gegenbewegung überfällig wäre. Nicht nur, weil es eigentlich nie immer nur wie ein Strich in eine Richtung geht, auch wenn die meisten Marktteilnehmer genau das erwarten. Denn wir haben bei Rohöl gelernt, dass es DOCH so kommen kann. Und auch nicht nur, weil die Kurse bei einer Fortsetzung dieser Fallgeschwindigkeit in vielen Bereichen in wenigen Monaten unter die Nulllinie rutschen müssten (d.h. Sie kaufen ein Barrel Rohöl und erhalten dafür nebst dem Barrel noch 10 Dollar dazu ... oder so). Nein, schlicht deswegen,
weil jetzt, nach all der Ignoranz und der Verdrängung zuvor ein Stadium erreicht ist, in welchem man in allen wichtigen Assetklassen mindestens ein Jahr heftiger Rezession im Voraus eingepreist hat.
Nach „alles bestens“ haben sich die Kurse im Eiltempo auf „alles ist aus“ begeben. Immerhin haben wir am Aktienmarkt in einem Jahr so viel verloren wie in der damals als beispiellos geltenden Baisse 2000-2003 in drei Jahren. Und niemand rechnet noch mit positiven Impulsen. Der Abstieg der Konjunktur ist nun einmal, wie ich bereits oft erläutert hatte, ein Selbstläufer geworden und das Pulver der Regierungen und Notenbanken nahezu verschossen. Und eben dieses könnte durchaus zu früh verschossen worden sein, denn die unzähligen Milliarden werden von der Wirtschaft aufgesogen wie ein Stein, den man ins Moor wirft. Blubb und weg ... und ward nie mehr gesehen.
Auch ich bin der Ansicht, dass wir in den kommenden Monaten nicht viel über die Gesamtlage zu lachen haben werden. Auch, obgleich der Regierungswechsel in den USA und das Zupacken der Regierungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten immerhin dazu beiträgt, einen totalen Zusammenbruch zu verhindern. Das wird momentan nicht gesehen – und wozu auch? Die Lage bleibt ja dennoch fatal. ABER:
Der hurtige Übergang von „hurra“ zu „um Himmel willen“, von Allzeithochs zu Mehrjahrestiefs, ist eigentlich, für den aktuellen Stand der Dinge genommen, genauso eine blinde Verlängerung der Entwicklung wie die Hausse zuvor. [seh ich nicht so, vorher wurde gewaltig nach oben übertrieben, aktuell nur "ein wenig" nach unten, A.L.] Und was, in drei Teufels Namen, sollte nach einem solchen historischen Crash dagegen sprechen, dass wir nicht zumindest eine mehrwöchige und für Investments nutzbare Gegenbewegung nach oben sehen, wie sie es nahezu immer gibt? Ein Funke der Hoffnung würde reichen ... und dazu reichen auch die Kurse selbst.
Will meinen, dass eine Rallye selbst die Hoffnung entfacht und dadurch die Basis bildet, dass Shorteindeckungen und spekulative Käufer dafür sorgen, dass diese erste Rallye zu einer länger anhaltenden Bewegung wird.
Das sind meine Überlegungen. Und nun sitze ich da und zweifle an ihnen ... denn bin ich nicht WIEDER zu früh dran? Nur, weil jetzt eigentlich die Voraussetzung für eine Gegenreaktion geschaffen ist, MUSS sie noch lange nicht kommen. Denn wie gesagt: Meine Argumentation mag ja in sich recht stimmig sein, aber werden genug Akteure aus ihrer momentan strikt abwärts gerichteten Perspektive ausbrechen und sich von dem Funken der Hoffnung anstecken lassen?
Oder wird es nun wie so oft noch Wochenlang weiter bergab gehen und eine solche Gegenbewegung erst entstehen, wenn wir bereits zwei Jahre Rezession in den Kursen drin haben?
[Das Problem sind mMn die vielen Hedgefonds und deren Leverage, da gibt es bei der Abwicklung kaum technische Korrekturen - A.L.]Das kann niemand vorhersagen, denn man müsste nicht nur in die Köpfe aller Akteure blicken können, es müsste ja dort zudem bereits zu finden sein, was die Marktteilnehmer in ein oder zwei Wochen denken werden. Daher mein Fazit:
Alle Möglichkeiten im Kopf und der Blick auf die ChartsIch rechne mit der Möglichkeit einer solchen größeren Bewegung nach oben, aber ich bleibe auf der Hut. Zu oft liegen gegebene Voraussetzungen und das Eintreffen der Konsequenz zeitlich zu weit auseinander. Aber ich bleibe dabei: Es ist hilfreich, die Perspektiven und Rahmenbedingungen regelmäßig zu überdenken, denn nur so ist man sich gewärtig, was MÖGLICH ist.
Und heute mehr denn je ist alles und in beide Richtungen drin. Wer sich nur auf eine Weihnachtsrallye einerseits oder auf neue Tiefs zum Jahresende andererseits kapriziert, wird in der Regel zu spät oder gar nicht reagieren, wenn seine eigene Erwartung nicht eintrifft.
Was nun wirklich Realität wird ... und wann ... nun, dies festzustellen sind die Charts momentan wohl das geeignete, wenn nicht einzige Instrument. [Bei der schrägen Vola auch nicht unbedingt - A.L.] Und, es hilft ja alles nichts, bei diesen Schwankungen muss man mit entsprechend großen Puffern um momentan umkämpfte Chartmarken herum arbeiten. Doch ich bleibe dabei: Wer nachdenkt, ist besser dran, wenngleich meist zu früh unterwegs. Aber wer sich dessen bewusst ist, kann sich darauf einstellen und einen mentalen „Retardierer“ einbauen, der zwischen Erkenntnis und Handeln die Voraussetzung einer Bestätigung seiner Ansicht durch die Kurse vorsieht. Klingt einfach und ist es nicht ... aber es ist machbar!
Herzliche Grüße
Ihr
Ronald Gehrt