Gleich vier US-Großbanken überraschen die Investoren. Der Dax klettert seit Wochen nach oben. Anleger fragen sich: Ist die Durststrecke an der Börse nun vorbei - oder kommt der Rückschlag? Die Augen der Börsianer richten sich nun auf die Unternehmen: Die Berichtssaison läuft auf Hochtouren. Gerade in der kommenden Woche wird es spannend.
HB FRANKFURT. Alle reden von Krise, und die Börse legt zu. Seit sechs Wochen schon steigt der Deutsche Aktienindex Dax nahezu ungebremst. Allein im Wochenvergleich hat der Leitindex fast vier Prozent gewonnen. Er notierte am Freitag deutlich über 4 600 Punkten. Diese Hürde hatte der Dax am Donnerstag erstmals seit dem 10. Februar erklommen. Und seit seinem Jahrestief vom März gewann er fast 30 Prozent.
Ist das der oft beschworene Vorgriff der Börse auf eine Erholung der Realwirtschaft in einigen Monaten? Oder doch nur eine Bärenmarktrally, ein Strohfeuer, dem ein neuer Absturz folgt? Genau das sei zu befürchten, meinen die einen. Optimistischere Beobachter sehen im jüngsten Dax-Anstieg einen kleinen Lichtblick auf dem weiterhin steinigen Weg in bessere Zeiten. "Die gegenwärtige Rally am Aktienmarkt wird eher von der Zuversicht der Investoren getragen als von ökonomischen Fundamentaldaten", erklärt Moody's-Ökonom Zach Witton den aktuellen Aufwärtstrend.
In der neuen Börsenwoche dürften zunächst die Optimisten am Aktienmarkt die Oberhand behalten, glauben Marktbeobachter. "Die Hoffnung, dass die Krise in den USA langsam ein Ende findet, lässt Anleger mutiger werden und verstärkt zu Aktien greifen", sagt Tobias Basse von der NordLB. Quartalszahlen der US-Großbanken hätten die Hoffnung auf eine Wirtschaftsbelebung geschürt, was Investoren risikofreudiger stimme. Auch die US-Notenbank Fed sieht Anzeichen, dass sich der Abwärtstrend der Wirtschaft verlangsamt. Positive Konjunkturdaten könnten Analysten zufolge die Märkte zusätzlich unterstützen.
Ob die zu erwarten sind, bleibt indes offen. Derzeit weisen viele Indikatoren nach wie vor nach unten. Selbst wenn einige Börsianer bereits wieder Hoffnung schöpfen, lösen sich diese negativen gesamtwirtschaftlichen Vorzeichen nicht in Luft auf. Einige Marktteilnehmer erwarten daher, dass diese realen Faktoren die Hoffnungen der Optimisten wieder zunichte machen und den Dax erneut in die Knie zwingen werden - zumindest auf mittlere Sicht. Kurzfristig sei ein weiterer Anstieg nicht ausgeschlossen. Also doch eine Bärenrally: "Die Anleger kaufen wie wild auf breiter Basis - ungezügelt und mutig", sagt ein Börsianer.
Vor der Rückbesinnung auf volkswirtschaftliche Rahmendaten halten viele Experten sogar einen weiteren Dax-Anstieg bis auf 5 300 Punkte für möglich. So wird die Aufwärtsbewegung der vergangenen Wochen nach wie vor von ausgeprägter Skepsis begleitet - ungebremst bleibt sie vorerst dennoch.
Harald Weygand, Analyst und Geschäftsführer von Godmode-Trader.de, rechnet trotz positiver Vorzeichen nicht mit der "Geburt eines neuen Aufwärtstrends". Die jüngste Aufhellung der Marktstimmung könne den Dax zwar deutlich nach oben tragen, anschließend sei jedoch ein erneuter Abverkauf zu erwarten, der "auch heftig ausfallen könnte". Denn für eine nachhaltige Verbesserung ist eine konjunkturelle Stabilisierung nötig - da sind sich die Experten einig.
Aktienhändler Christoph Schmidt sieht den Markt in einer umfassenden Erholung mitten im intakten Abwärtstrend und verweist auf die Geschichte: Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 sei es zwischenzeitlich zu einer deutlichen Kursrally gekommen. "Die Krise ist zu groß, als dass man sie schnell beiseite kehren könnte", sagt Schmidt. "Es ist eine ausgewachsene Schuldenkrise, ausgehend vom wichtigsten Wirtschaftsraum der Welt, den USA, und keine kurzfristige Verzerrung in der Kreditvergabe. Das vergessen viele. Der Gesundungsprozess ist schmerzhaft, und wir haben noch einiges vor uns."
Ein wenig positiver schätzt Marktstratege Robert Halver von der Baader Bank die Lage ein: Bislang sei die Erholung an der Börse nicht aus eigener Kraft gewachsen, sondern die Folge der bislang unvorstellbaren Hilfsaktionen von Notenbanken und Regierungen. Gerade im Bankensektor habe der "Griff in die Kiste der Bilanzkosmetik" die Vertrauenskrise ausgeräumt. Damit sei die "entscheidende Bedingung" erfüllt, um die wirtschaftlichen Probleme lösen zu können.
"Der jüngste Dax-Anstieg verdeutlicht die Rückkehr des Vertrauens in die grundsätzliche Funktionsfähigkeit unseres finanzwirtschaftlichen Systems", erklärt Halver. Insofern sei die Erholung am Aktienmarkt kein Strohfeuer. Doch auch er bleibt vorsichtig: Mit einem ungehinderten Durchmarsch des Dax sei ebensowenig zu rechnen. Denn die Krise entfalte sich im zweiten und dritten Quartal mit "all ihren schrecklichen Nachrichten wie Pleiten und Freistellungen" weiter.
"Die starken Kursanstiege stehen im Widerspruch zum konjunkturellen Umfeld", warnt auch Arnim E. Kogge vom Stuttgarter Bankhaus Ellwanger & Geiger. Als Beispiel nennt er die stark gefallenen Einzelhandelsumsätze in den USA. "Dieses Umfeld wird aber momentan ausgeklinkt." Aus technischer Sicht liege der Dax zwar in einem Aufwärtstrendkanal, er müsse aber die Linie von 4 750 Punkten überschreiten, um weitere Luft nach oben zu bekommen. "Wahrscheinlicher ist ein Rückschlag in Richtung der alten Unterstützungslinie von 4 250 Punkten", befürchtet Kogge.
Der Aktienstratege empfiehlt "eine gesunde Menge Skepsis": "Je schneller es in den nächsten Tagen nach oben gehen sollte, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit eines Rückschlags." Außerdem gebe es ja noch die alte Börsenregel "Sell in May and go away". Traditionell erweist sich der Mai als schwacher Börsenmonat. "Aktienanleger sollten also weiterhin mit einem stark schwankungsintensiven Markt rechnen, der sich eher für tradingorientierte Anleger eignet, statt wirklich strategische Käufe vorzunehmen", rät Kogge.
Mittelfristig dürften die Aktienmärkte auch mit Blick auf die Quartalssaison weiter stark schwanken, glauben Beobachter. So rechnen zum Beispiel die Analysten der Landesbank Berlin mit weiteren Abwärtsrisiken. "Die gerade anlaufende Berichtssaison dürfte von Ertragsenttäuschungen und ausbleibenden Ausblicken geprägt sein. Auch die Kursexplosion der Bank-Aktien halten wir für übertrieben, da - wie die Q1-Zahlen von UBS zeigen - die Institute in den nächsten Monaten mit weiteren Problemen sowie den Folgen der Finanzkrise zu kämpfen haben werden", kommentieren die LBB-Analysten.
Für Anleger gestaltet sich die Interpretation der Zahlen schwierig. Traditionelle Kennziffern bieten keine Orientierung. Erklären sich die Kurszuwächse aus den wichtigsten Bewertungsziffern wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Dividendenrendite und Kurs-Buchwert? Immerhin, gemessen an diesen Kennzahlen sind Aktien derzeit extrem günstig zu haben. Kritiker wenden zwar ein, dass all diese gegenwarts- und vergangenheitsbezogenen Zahlen wenig über die künftige Entwicklung der Unternehmen aussagen. Doch die Alternative, keinen Kennziffern zu vertrauen, führt auch nicht weiter.
Andererseits: Wer den aktuellen Börsenkurs in Relation zum erwarteten Firmengewinn setzt (KGV), unterliegt zweifellos der Gefahr, dass die Schätzungen mit der Realität wenig gemein haben, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. So rechneten Analysten bis zum Frühjahr 2008 damit, dass die Gewinne der 30 Dax-Firmen im laufenden Jahr um zwölf Prozent gegenüber 2007 zulegen würden. Tatsächlich wurde daraus ein Einbruch um 40 Prozent. Alle KGV-Berechnungen basierten also auf falschen Annahmen.
Investoren und Börsianer bekommen in nächster Zeit wieder viel Stoff, solche Erwägungen in der Praxis zu testen, denn auch die neue Woche wird im Zeichen der Berichtssaison stehen. Mit Spannung blicken Anleger auf die Quartalszahlen der US-Firmen Bank of America, IBM und Texas Instrument (Montag), Yahoo (Dienstag) und Microsoft (Donnerstag). Zudem legen Schwergewichte der Pharmabranche Quartalszahlen auf den Tisch: Eli Lilly (Montag), Schering Plough, Merck & Co (Dienstag) und Amgen (Donnerstag) in den USA sowie GlaxoSmithKline (Mittwoch) in Großbritannien.
Aus der Schweiz werden Zahlen von Credit Suisse (Donnerstag) und Nestle (Mittwoch) erwartet. In Europa stehen zudem die Geschäftszahlen von Peugeot und Fiat auf dem Terminkalender. In Deutschland lassen sich unter anderem Praktiker, MTU, Software AG und Wincor Nixdorf in die Bücher blicken.
Auf der Konjunkturseite werden aus den USA der Index der Frühindikatoren für März am Montag und die Auftragseingänge langlebiger Güter für März am Freitag erwartet. Diese dürften neue Hinweise bringen, wie es um die US-Konjunktur bestellt ist. Von großem Interesse sind hierzulande die April-Daten des ZEW-Index (Dienstag) und des Ifo-Geschäftsklimaindex (Freitag). "Bei beiden rechnen wir mit einer Verbesserung der Erwartungskomponente, die sich positiv für den Markt auswirken dürfte", sagt NordLB-Experte Tobias Basse. Die Analysten der Postbank urteilen: "Eine weitere Verbesserung würde zumindest eine beginnende konjunkturelle Stabilisierung nachdrücklicher untermauern."