Die wie immer etwas tieferschürfende und nachdenkliche Intermarket-Analyse von Klaus Singer
Nachdem die Akteure Mitte Februar die erste Ankündigung von US-Finanzminister Geithner hinsichtlich seiner Pläne, die Finanzindustrie zu retten, noch mit fallenden Kursen abgestraft hatten, haben sie die Vorstellung von Details am Montag dieser Woche mit starken Kursaufschlägen gefeiert. Dabei handelt es sich im Kern um die gleichen, nur etwas weiter präzisierten Eckpunkte.
Brauchen die Turbokapitalisten überhaupt noch Nothilfen? BofA-Chef Kenneth Lewis sagte jetzt, sein Institut wolle im nächsten Monat mit der Rückzahlung der staatlichen Rettungsgelder im Volumen von 45 Mrd. Dollar beginnen. Das Geschäft muss ja blendend laufen!
So allmählich kann einen das Gefühl beschleichen, die Finanzindustrie spielt den kranken Mann, arbeitet aber mit Hochdruck an der Komplettübernahme aller öffentlichen Mittel (aus den Händen der Steuerzahler). „Wer das Geld hat, hat die Macht“ oder war das umgekehrt „Wer die Macht hat, hat das Geld“?
Es scheint nur eine Frage der Zeit, dass „die Reise nach Jerusalem“ wieder beginnt – nur dieses Mal ist das Rad dann dank der Mittel der Steuerzahler noch größer als zuvor.
In der Folge wird die Schere zwischen arm und reich noch weiter aufreißen. Bis sie eines Tages reißt. In England gab es Vandalismus gegen das Haus des Ex-Chefs der Pleitebank RBS, in Frankreich haben Beschäftigte zeitweilig den dortigen 3M-Chef festgesetzt. Kleine Anzeichen wachsenden politischen Unmuts, aber nicht weiter dramatisch, da sind sich die Beobachter einig. Und wenn es schlimmer kommt – es gibt ja die Gesetze der Terroristenhatz. Der deutsche Verbraucher zeigt sich weiterhin optimistisch gestimmt, wie die GfK herausfand – die Krise tangiert ihn bisher kaum.
Zurück zum Geithner-Plan: Im Kern werden über das PPP-Programm faule Assets aus den Bilanzen der Finanzinstitute gekauft. Dabei soll privates Kapital involviert werden, sein Anteil dürfte jedoch so gering bleiben, dass es auch im schlechtesten Fall noch verdient. Der Steuerzahler zahlt die Zeche von bis zu einer Bill. Dollar fast alleine. Die als große Besonderheit herausgestellte Beteiligung privater Fondsmanager an der Preisfindung soll Mondpreise wie bei einer normalen Bad Bank oder beim alten TARP-Programm verhindern.
Adam Posen, Peterson Institute, ruft das japanische Experiment in Erinnerung: 1998 wurde ein weiterer Versuch unternommen, das Bankensystem zu rekapitalisieren – die Bedingungen waren jedoch zu lasch und so scheiterte es drei Jahre später, ohne die Kreditvergabe anzukurbeln. Erst als die Banken gezwungen wurden, ihre faulen Assets abzuschreiben, konnte die Krise gelöst werden, weil in diesem Zusammenhang Zombie-Banken verschwanden und die Landschaft neu geordnet wurde.
Wolfgang Münchau schrieb in der FT Deutschland, der teure Geithner-Plan könne wohl eine künstliche Liquidisierung der Märkte für faule Assets bewirken. Aber es vergehe weitere kostbare Zeit, um das Kernproblem, die Rekapitalisierung, anzugehen. Martin Wolf sieht durch die massive Verschiebung von Steuerzahler-Mitteln in die Taschen der Bank-Eigner die Gefahr, dass die weiterhin dringend nötige Rekapitalisierung auf immer größere politische Widerstände stößt.
Brad DeLong begrüßt die Pläne. Aufgrund hohen Risikos und geringer Transparenz seien die Asset-Preise gedrückt, was die finanzielle Expansion zur Lösung der Krise verhindere. Um diese Abwärtsspirale zu durchbrechen, müsste eine Höherbewertung angestoßen werden. Er schätzt zwar, dass hierzu insgesamt 4 Bill. Dollar nötig seien, daher sei das Volumen des PPP mit bis zu einer Bill. Dollar eigentlich viel zu gering. Aber da sind ja noch die anderen Maßnahmen der Fed (siehe Artikel vom 19. März 2009 an dieser Stelle), sowie das konjunkturelle Anreiz-Programm und die Aussicht auf Nachschlag im September und noch weitere 200 Mrd. Dollar aus dem alten TARP-Programm und, und, und...
Auch Nouriel Roubini gewinnt den Plänen positive Seiten ab. Er sehe Licht am Ende des Tunnels, sagte er der NYT, auch wenn noch nicht ganz klar sei, ob es nicht das Licht des entgegen kommenden Zuges ist. Aber die Beteiligung privaten Kapitals, auch mit nur geringem Anteil, stelle einigermaßen sicher, dass faule Assets eben nicht zu Mondpreisen gekauft würden. Dadurch sei eine gewisse Effizienz beim Einsatz der Mittel gewährleistet.
Der geringe Anteil privaten Kapitals verbunden mit der Aussicht, dass es beim PPP (fast) nur gewinnen kann, war denn auch wohl das entscheidende Argument für die Finanzmärkte, die Pläne nun gut zu heißen. Außerdem war von Verstaatlichung keine Rede mehr und, nochmals außerdem, war man sowieso gerade bullischerseits gut unterwegs.
Beeindruckend, wie schnell sich der „Hort der freien Märkte“, die Wall Street, mit staatlichem Einfluss und dem Außerkraftsetzen der Marktmechanismen anfreundet. Natürlich nur dann, wenn „es etwas bringt“ - ordnungspolitische Überzeugungen waren noch nie ihr Ding. Dabei hätten niedrige und weiter fallende Preise als reinigendes Gewitter den Vorteil, dass ein Aufschwung mit Macht neu und solide starten kann. Künstlich hoch gehaltene verlängern nur die Phase bis dahin und können in einer Krise wie der gegenwärtigen leicht aus der Rezession in die Depression führen.
Zur Wochenmitte sorgte die schwache Nachfrage in einer Treasury-Auktion für Störfeuer und schürte Bedenken hinsichtlich der Finanzierbarkeit all der Abenteuer auf Steuerzahlers Kosten, die doch so notleidende Finanzindustrie zu retten. Beobachter schätzen, dass das US-Schatzamt in 2009 etwa zwei Bill. Dollar an Schulden verkaufen will. Das ist etwa ein Drittel der per Ende 2008 ausstehenden Staatsschulden. Nun, wenn sich nicht genügend Abnehmer finden, dann muss eben die Fed ran – die Tür hierzu ist ja aufgestoßen.
Paul Volcker, Fed-Chef der 1980er Jahre fürchtet, die Fed werde eine anziehende Inflation nicht bekämpfen. „Ich werde etwas nervös, wenn ich die Verlautbarungen höre, man wolle die Menge Inflation haben, die eine Erholung herbeiführt,“ sagte. „Ich weiß nicht, welches Maß an Inflation dazu geeignet wäre. Ich hätte es lieber, wenn sie sagen, dass sie die Währung stabil halten wollen, so dass dies zu Vertrauen und Erholung führt.“
Gut geträumt! Per Februar betrugen die Überschussreserven im US-Bankensystem mehr als 600 Mrd. Dollar, die gesamten Reserven wurden nur zu etwa 10 Prozent „genutzt“, in normalen Zeiten sind Werte über 90 Prozent die Regel. In der Rezession 2001 fiel die Quote kurzzeitig auf 66 Prozent, im September 2008 stürzte sie unter 50 Prozent und verharrt seitdem im niedrigen zweistelligen Prozentbereich (siehe Chart „Reserve-Ratio“). Das „Geldschöpfungspotenzial“ via Kredite der Geschäftsbanken ist zwar enorm, bisher allerdings bleibt es beim Konjunktiv. Und solange das Kreditgeschäft nicht anspringt, führt das nicht zu einer Ausweitung der Geldmenge und zu steigenden Preisen.
Unter fundamentalen Aspekten sollte die Geldmenge in Folge des Platzens der Kreditblase und des daraus folgenden Deleveraging kontrahieren und die Asset-Preise durch (Not)Verkäufe fallen. Hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Rohstoffpreise und fallende Aktienkurse sind das aktuelle Ergebnis der deflationären Entwicklung. Wie geht es weiter? Schaffen es Fed & Co, die Kredittätigkeit anzukurbeln und die Preise mit ausufernder Geldmenge steigen zu lassen?
Ein klares Bild hinsichtlich der Frage Inflation oder Deflation liefern die Finanz-Märkte zur Zeit nicht.
Die Bond-Renditen tendieren aktuell zu der Aussage, dass es der Fed (noch) nicht gelingt, die Akteure von der Notwendigkeit zu überzeugen, Geld zu leihen, um Assets zu kaufen: Insbesondere die Renditen von Inflations-indizierten Bonds tendieren abwärts (siehe Chart).
Der Verlauf des Goldpreises zeigt ein indifferentes Bild. In der Frage, was vorzuziehen ist, Liquidität oder Gold, war die Antwort zwischen 1997 und 2001 nach Chart „MZM and Gold“ klar: Der Goldpreis entwickelte sich unterproportional zu den liquiden Assets, gleichsam dem Parkplatz auf dem Weg zur nächsten Runde bei der „Reise nach Jerusalem“. Bis Ende 2005 änderte sich daran nichts Grundlegendes. Dann allerdings gewann Gold in der Gunst der Anleger – zunächst noch gemäßigt, ab August 2007 mit dem ersten offenen Ausbruch der Finanzkrise aber rasant. Momentan halten sich die Präferenzen die Waage, wobei allein eine so weiter wie bisher steigende Liquiditätsausstattung bei schrumpfender Konjunktur eine moderate Aufwärtsbewegung des Goldpreises stützen dürfte.
Interessant ist, dass, anders als in den frühen 1980er Jahren, Gold nicht stärker präferiert wird. Zeigt das, dass die Märkte längst (noch) nicht so erschüttert sind wie in den frühen 1980er Jahren, dem akuten Ausbruch der vormaligen Schuldenkrise? Kommt die wirkliche Erschütterung noch mit einem explodierenden Goldpreis?
Nach den Charts „Inflation-Expection“ deutet aktuell wenig darauf hin, dass eine scharfe Inflation erwartet wird. Bei dieser Auswertung werden Zinsen und Gold als Indikatoren gleichermaßen berücksichtigt.
So komme ich zu der alten, neuen Schlussfolgerung: Die deflationäre Spirale ist gegenwärtig schwer zu stoppen, das deflationäre Szenario sollte noch zumindest bis Ende 2009 Bestand haben. Ob dann die Kredittätigkeit „von Null auf Hundert“ durchstartet, wage ich zu bezweifeln. Eine längere, eher depressive Phase dürfte wahrscheinlicher sein mit deutlicher Deflation bei Industriegütern, jedoch steigenden Preisen bei Nahrungsmitteln und Konsumgütern des täglichen Bedarfs.
Und die Wall Street feiert. Sich selbst.
http://www.timepatternanalysis.de/ Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht. (Mark Twain)