Die Autoindustrie hat sich bei ihrem Branchentreffen in Bochum vor allem mit der Frage beschäftigt, wie lange die Krise noch anhält. Während Frank Stronach, Gründer und Chairman von Magna International, auf schnelle Besserung dank des neuen US-Präsidenten Barack Obama hofft, aüßerte sich Audi-Chef Rupert Stadler skeptischer: "Der Januar ist grottenschlecht", sagte er.
BOCHUM. Es ist kein eindeutiges Bild, das die Autoindustrie bei ihrem Branchentreffen in Bochum bietet. Vor dem Ruhr Congress fällt der Blick auf einen blauen Ford Fiesta. Auf der Tür klebt ein weißer Aufkleber: "3,7 l/100 km, 98 g CO2/km". Weist das in die Zukunft? Die Wagen, die innen das Podium einrahmen, wirken eher wie von gestern: ein kraftstrotzender Audi R8 und ein aufgemotzter Ford Focus RS.
Eindeutig ist aber die Forderung von Fords Europa-Chef John Fleming an die Politik. Er verlangt auf EU-Ebene "eine koordinierte Antwort" auf die Krisenfolgen für die Autoindustrie. "Wir brauchen mehr Industriepolitik." Fords Europachef betont: "Wenn die Autoindustrie Westeuropa einmal verlässt, kommt sie nie wieder." Im Vergleich zu nationalen Hilfsprogrammen - Fleming lobt hier die Initiativen in Deutschland und Frankreich - kritisiert er Brüssels Passivität. Unterstützung etwa durch die europäische Investmentbank bezeichnete er als "lediglich bescheidenen Start".
Der Manager warnte vor für die Autoindustrie schädlichem "zunehmendem Protektionismus und Nationalismus". So sei es unfair, dass Südkorea seinen Markt für europäische Autos nicht öffne, umgekehrt aber nach Europa exportiere. Trotz aller staatlicher Unterstützung, die Fleming einfordert, macht er sich aber keine Illusionen: "Am Ende muss die Industrie die Überkapazitäten beseitigen."
Und die sind gewaltig. Auf 16 Mio. Pkw schätzt Automobilwissenschaftler Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen, der Veranstalter des Bochumer Car-Symposiums, das Überangebot allein für das Jahr 2009 - bei einem von ihm prognostizierten weltweiten Verkauf von knapp 50 Mio. Wagen, das wäre unter dem Absatz des Jahres 2003. Reduzieren ließen sie sich seiner Ansicht nach beispielsweise, indem Bürgschaften an eine Vereinbarung zur Kapazitätsreduzierung gebunden würden. Allein in Deutschland gehen in den kommenden fünf, sechs Jahren 100 000 Arbeitsplätze verloren, so seine Erwartung.
Mit einer Erholung der Autoindustrie rechnet er nicht so schnell. "Die Branche durchläuft ihre schwerste Krise seit dem zweiten Weltkrieg. Die Talfahrt wird aus heutiger Sicht bis ins erste Halbjahr 2010 anhalten."
Eine Prognose, wann es wieder aufwärts geht, wagt Audi-Chef Rupert Stadler nicht. Nur so viel: "Es wird superschwer." Nachdem er in den vergangenen drei Monaten einen massiven Einbruch bei den Auftragseingängen hinnehmen musste, sagt er: "Der Januar ist grottenschlecht." Audi hat deshalb vor wenigen Tagen für den Februar Kurzarbeit für 25000 Mitarbeiter in Neckarsulm und Ingolstadt angemeldet. Trotzdem hat das Unternehmen nach seiner Einschätzung die Chance, die Krise als Gewinner zu überstehen. In Richtung Zulieferer sagt er: "Wir sitzen in einem Boot und müssen schauen, dass wir in stürmischer See keinen Schiffbruch erleiden."
Frank Stronach, Gründer und Chairman des österreichisch-kanadischen Zulieferers Magna International, der weltweiten Nummer drei, ist von den Hauptrednern auf dem Symposium der optimistischste. Er zählt auf den neuen US-Präsidenten Barack Obama: "Ich hoffe, dass wir mit ihm den Tiefpunkt im Sommer erreichen." Stronach betont: "Wir haben keine Autokrise, sondern eine globale Wirtschaftskrise." Er beklagt, ähnlich wie Fleming von Ford, die langsame Reaktion der Politik. Ihm ist aber auch klar: "Die Autoindustrie muss die Strukturen ändern." Derzeit ist sie nach seiner Ansicht vor allem in Amerika nicht wettbewerbsfähig gegenüber Asien. Der Österreicher, der vor über einem halben Jahrhundert nach Kanada ausgewandert ist, gibt sich zwar optimistisch, was Magna angeht. Dennoch muss er einräumen. "Wir sind von der Krise betroffen. Eventuell schließen wir eine Fabrik, wir versuchen das aber so gut wie möglich zu vermeiden."
Fleming liegt mit seiner Prognose in der Mitte: Zu einer Erholung komme es frühestens zum Jahresende 2009. Hoffnungsvoller ist er aber für Ford Europa. "Wir gehen in stärkerer Verfassung in die Rezession als in frühere Abschwünge. 2009 wird zweifellos ein extrem schwieriges Jahr, aber wir wollen den Marktanteil erhöhen." Um wie erhofft gestärkt aus der Krise hervorzugehen, setzt Fleming vor allem auf die kürzlich vorgestellten Neuauflagen der Kleinwagen Fiesta und Ka. "Der Fiesta wird der erste wirklich globale Ford seit langem." Kommendes Jahr soll er auch den US-Markt kommen - und die Käufer dort wie die Symposiumsbesucher in Bochum mit seinem geringen Verbrauch und den niedrigen CO2-Werten überzeugen.
Ob dieses Argument stärker sein wird als PS-Werte und Hochgeschwindigkeit? Im Ruhr Congress ziehen auch ein VW Scirocco, der als Polizeiwagen fast Tempo 240 erreicht, Aufmerksamkeit auf sich oder ein roter Artega-GT-Flitzer. Einen Wagen gibt es aber dann doch, der Vergangenheit und Zukunft verbindet: ein vom ehemaligen Formel-1-Rennfahrer Heinz-Harald Frentzen mitentwickelter Rennwagen der mit Hybridtechnik bis auf 300 Kilometer pro Stunde beschleunigen kann.