Als Gegenpol zu Prognosen für Übernahme-Szenarien und Spekulationen zu „Poker“-Strategien im weiteren Verlauf sowie Schwarz-Weiß-Malereien (wer „verloren“ und wer „gewonnen“ hat), möchte ich zur fundamentalen Bewertung der Zukunftschancen von Epi (ist immer noch die Kernfrage für den Langfrist-Anleger) – auch vor dem Hintergrund der aktuellen Ad-Hoc - Stellung nehmen:
Die Angaben in der Ad-Hoc sind ernst zu nehmen. Daran besteht kein Zweifel, auch wenn es noch an Grundlagen für eine seriöse Analyse fehlt. Kernaussage ist für mich jene zur „Erstattungsverzögerung“ – diese Frage hängt klarerweise mit der gesenkten Ergebnisprognose zusammen.
Wir haben im Forum vor einiger Zeit diskutiert, wie Epi durch Ausreizen der Gestaltungsmöglichkeiten in der Abrechnung mit den Partnern Zahlen hinunter-„schrauben“ kann. Vor dem Hintergrund der nächtlichen Umsatzwarnung (die Epi zweifelsohne mit den Q2-Zahlen im Wesentlichen bestätigen wird) muss man einräumen, dass es wohl zumindest als weitere Ursache für die äußerst bescheidenen Umsatzzahlen eine Absatzschwäche für proColon in den USA gibt. Nun haben wir uns in den letzten 12 Monaten viel darüber ausgetauscht, dass der Vertrieb ohne Erstattung nur ungleich schwerer – sozusagen mit drastischer Deckelung – in die Gänge kommen kann.
Irritierend ist, dass die angegebenen Zahlen anscheinend sogar sinkende Umsätze nahelegen. Falls die anfänglichen Aufträge unmittelbar nach Zulassung (Auffüllen von Lagerbeständen) aus zu optimistischen Erwartungen überzogen waren, würde das natürlich auch eine Rolle spielen. Wurde hier nach einem ambitionierten Verkaufsstart bewusst „Kraft gespart“, was zu einer günstigen Ausgangslage für die Erfolgschancen des laufenden Übernahmeversuches geführt hat? Und dann mit Erstattung richtig durchstarten? Ich weiß es nicht. Jedenfalls wird allen Protagonisten klar sein: die Stunde der Wahrheit wird erst mit dem erstattungsgestützten Verkauf von proColon kommen.
Ich möchte nun 12 Punkte anführen, die aus meiner Sicht allesamt wesentlichen Einfluss auf die weitere Entwicklung von Epi haben können, um daran zu zeigen, wie viel da eventuell bereits heute oder in Bälde in Fluss geraten könnte, von dem wir vorerst nichts mitbekommen:
A) wie
Anlaufen der Darmkrebsvorsorge in China: die Zahlen der Vorsorgeberechtigten im neunstelligen Bereich sind bekannt. Wann wird die Gesundheitspolitik die Initiative starten und wie wird sie von staatlicher Seite unterstützt werden? Das sind wichtige Fragen mit einer großen Dringlichkeit in Hinblick auf die gesundheitliche Entwicklung der Bevölkerung in China. Was wissen wir darüber, was sich diesbezüglich in China tut? Wir kennen nicht einmal die aktuellen Absatzzahlen des abgespeckten Bluttests von Biochain!
B) wie
Bekanntheit von proColon in den USA: Bekanntlich soll diese durch gezielte Maßnahmen gefördert werden, da die Meinungsbildung der Ärzte, der Entscheidungsträger in den Gesundheitsbehörden und nicht zuletzt der Vorsorgeberechtigten große Bedeutung für die zukünftige Akzeptanz und die Einsatzbreite des Tests hat. Wie sieht die Bilanz der bisherigen Bemühungen aus, was wird in dieser Hinsicht aktuell unternommen, welche Maßnahmen sind in dieser Hinsicht für die Zukunft geplant? Was wissen wir darüber?
C) wie
CMS-Erstattung: dazu wurde viel geschrieben – verschiedene Aussagen, Erwartungen und Andeutungen liegen seitens Epi vor. Epi hat bei CMS nach Festlegung eines möglichen Erstattungspreises mit $83,67 einen Antrag auf Neuprüfung (Reconsideration Request) gestellt – mit Begründungen, warum $160 ein angemessener Satz sei. Was wissen wir über die inhaltliche Ausrichtung und über den weiteren Verlauf in der Bearbeitung dieses Antrags? Parallel dazu läuft die Entscheidungsfindung seitens CMS zur Frage, ob proColon landesweit erstattet wird (NCD … National Coverage Determination). Was wissen wir darüber?
D) wie
Deal mit dem Veteranenministerium zur kostenfreien Nutzung des Bluttests durch jene US-Veteranen, die zur vorsorgeberechtigten Zielgruppe gehören: Es gibt ca. 11 Millionen Veteranen in der Zielaltersgruppe für regelmäßige Darmkrebsvorsorge! Was wissen wir über Details und weitere Schritte zu diesem Deal?
E) wie
Empfehlungen seitens der USPSTF: es liegt bereits mehr als ein Jahr zurück dass im Journal JAMA die Aufnahme von proColon in die USPSTF-Empfehlungen veröffentlicht worden ist! Die Empfehlung seitens der USPSTF (US Preventive Task Force, unabhängiges Vorsorge-Fachgremium) ist nicht ganz in der erwünschten Form erfolgt (z.B. Angabe von veralteten Performance-Daten). Hier wurde zwar in einem JAMA-Artikel ein Bericht zur Richtigstellung veröffentlicht, offen ist aber eine neue Stellungnahme durch die USPSTF. Was hat sich (seit Juni 2016) in dieser Sache getan? Was wissen wir darüber?
F) wie
Fortschritte in der Pipeline-Entwicklung – insbesondere bezüglich Lungenkrebs-Bluttest proLung: hier wurden laut Epi die klinischen Vorstudien im Jahr 2016 erfolgreich durchgeführt. Laut Geschäftsbericht 2016 ist der Plan, die letzten klinischen Validierungsstudien (in Lungenkrebszentren in Europa und USA) noch 2017 abzuschließen. Was wissen wir über die Fortschritte dieser Studien und über Interpretation bzw. Aussagekraft Daten?
G) wie
Gesetzesvorlage: eine überparteiliche US-Gesetzesinitiative zur Darmkrebsvorsorge wurde 09/2016 ins Leben gerufen - mit dem Ziel, dass FDA-zugelassene Bluttests zum Darmkrebs-Screening durch die staatliche Krankenversicherung erstattet werden (Vollerstattung), nach dem Motto "Screening the Unscreened". Was wissen wir über Netzwerkarbeit und andere Aktivitäten in Zusammenhang mit der bald ein Jahr langlaufenden Initiative?
H) wie
Hedis-Richtlinien: Die Inklusion in medizinische Richtlinien gilt als unerlässliche, sehr wirksame Unterstützung im Bemühen um eine breite Akzeptanz für ein neues medizinisches Produkt in den USA. Im Fall von Epi geht es um die Aufnahme in die Vorsorge-Richtlinien verschiedener medizinischer Fachgesellschaften. Besondere Bedeutung kommt hier HEDIS (Healthcare Effectiveness Date and Information Set) zu. Es handelt sich um weithin anerkannte Richtlinien zur Bewertung der Performance von medizinischen Leistungen, auf die mehr als 90% der amerikanischen Gesundheitspläne zurückgreifen. Epi gibt für die Aufnahme als üblichen Zeitrahmen 12-24 Monate nach FDA-Zulassung (ist im April 2016 erfolgt) an.
I) wie
Initiative 80/18 der Gesundheitspolitik zur Steigerung der CRC-Screening-Raten: Das Bekenntnis der Politik zur signifikanten Steigerung der Teilnehmerzahlen an der Darmkrebsvorsorge stellt für mich in Zusammenhang mit der Überlegung, dass für die große Gruppe der „Unscreened“ (zig-millionen Menschen), die offenbar stuhlbasierte Tests ablehnen, auf absehbare Zeit proColon (mit Erstattung) wohl als einzig attraktive Alternative denkbar ist, einen zentralen Faktor für mein Investment in Epigenomics dar.
Auch wenn das erklärte Ziel „80% Screening-Rate bis Ende 2018“ nicht realistisch erscheint, würde m.E. jeder nennenswerte Schritt über den Bluttest in Richtung dieses Zieles für Epi eine große Steigerung im Umsatz bedeuten. Die ACS (American Cancer Society) wird sich wohl nicht zwecks Förderung der Epi-Geschäfte für Darmkrebsvorsorge engagieren, aber sie wird nicht umhin kommen diesen „Nebeneffekt“ hervorzurufen. Die Screening-Ausweitung führt in der amerikanischen Gesellschaft unzweifelhaft zu äußerst wünschenswerten Effekten in gesundheitlicher, sozialer, menschlicher und auch finanzieller Hinsicht (Epi hat dies durch die Vorlage eines gesundheitsökonomischen Modells für den Einsatz von proColon belegt). Zusammengefasst kann man m.E. sagen, dass in diesem Punkt eine treibende Kraft für den zukünftigen Einsatz von proColon in größerem Stil liegt, die auch imstande sein wird momentan noch bremsend wirkende Gegenkräfte à la longue überwinden zu können.
J) wie
Jahresbericht PAS: die Post Approval Studie (PAS) läuft nun bereits seit über einem Jahr.
Auf der Homepage der FDA (Link:
www.accessdata.fda.gov/scripts/cdrh/...d=505162&c_id=3927 ) findet man Angaben zu den Kriterien der Studie und, dass der Status der Studie „Progress Adequate“ ist. Der Jahresbericht stammt von 12.04.2017 – ich konnte keinen Zugang zu diesem Bericht finden. Was hört man von Epi dazu?
Warum führe ich die PAS hier als eigenen Punkt an? Die Überwindung von Bedenken hinsichtlich der (vermeintlichen) Gefahr, dass proColon als neuer, in der Praxis noch nicht ausreichend erprobter Test andere, etablierte Tests – oder sogar den Goldstandard Koloskopie – in gewissem Maß verdrängen und damit die Qualität des CRC-Screenings beeinträchtigen könnte, halte ich für wesentlich (eine der bremsenden Kräfte, die ich in Punkt I angeführt habe). Daten der PAS können dazu dienen, diese Bedenken zu zerstreuen.
Was wissen wir über den Inhalt dieses Jahresberichts? Welche Rückschlüsse können aus den gesammelten Daten gezogen werden? Das sind alles offene Fragen für mich.
K) wie
Kooperationen zur Erschließung weiterer Märkte: wie ich bereits am 5.7. (Beitrag
#13026) geschrieben habe, besitzt Epi die weltweiten Rechte, den sehr günstigen, von Biochain entwickelten Septin9-Bluttest außerhalb von China zu vermarkten. Nach der Verlautbarung, dass Epi in Ländern wie Thailand, Vietnam, Malaysia und Singapur Vertriebsvereinbarungen mit der SPD Scientific PTE Ltd. getroffen hat, ist seit langem nach meiner Erinnerung keine Info mehr gekommen, obwohl Epi am 09.11.2016 vermeldet hat, dass weitere Schritte unternommen wurden, um die weltweite Vermarktung von Epi proColon zu verstärken. Was wissen wir über den Stand dieser seit über einem halben Jahr verstärkten Aktivitäten und über die Aktivitäten in den oben angeführten Ländern?
L) wie
Labor-Partner: Epi steht in laufenden Verhandlungen mit Quest Diagnostics, dem weltweit führenden Anbieter von diagnostischen Testverfahren, zu einem möglichen Umstieg auf den FDA-zugelassenen CRC-Bluttest proColon (Quest bietet bisher einen anderen Septin9-basierten Test auf Lizenzbasis an). Was wissen wir über den Stand dieser Verhandlungen? Laut
GB2016 befindet sich Epi diesbezüglich in „intensiven Gesprächen“ und werde sich gemeinsam mit Polymedco 2017 auf die Gewinnung weiterer Labornetzwerke für proColon konzentrieren. Was wissen wir näheres/weiteres darüber?
Ich habe bei jedem Punkt die Frage angehängt, was wir zum jeweiligen Thema (näheres) wissen. Ich weiß nicht, wie ihr für euch diese Fragen beantwortet – ich für meinen Teil muss sagen, dass es in Summe verschwindend gering ist, was ich trotz bemühtem Verfolgen der Meldungen und weiterführenden Recherchen zu diesen Fragen sagen kann.
Zu jedem der genannten Punkte (A-L) könnte man freilich seitenfüllende Erläuterungen schreiben. Dies würde den Rahmen sprengen und alle, die sich interessieren, können hierzu nachlesen (nicht nur hier im Forum). Mir geht es momentan nicht darum, meine Einschätzung zu den einzelnen Punkten in den Vordergrund zu stellen, sondern um folgendes:
Es wird wohl kaum jemand bestreiten können, dass einige oder sogar alle der 12 Punkte hochkarätige Entwicklungschancen darstellen, die bei positiver Umsetzung eine Neubewertung für Epi mit sich bringen würden (manche der Punkte bergen bereits für sich alleine dieses Potenzial). Ungeachtet der Bewertung der Wahrscheinlichkeit für die Realisierung der Punkte geht es mir nun um den Aspekt, dass wir derart knapp mit Informationen versorgt sind, sodass wir zu keinem der 12 Themen in der Lage sind, uns ein detailliertes Bild zur aktuellen Situation oder zu den Epi-Aktivitäten oder zu den jeweiligen Zukunftskonzepten zu machen. Es ist uns also nicht vergönnt, eine Grundlage für eine faktenbasierte Bewertung in der Hand zu haben. Wie man auch immer zur Frage stehen mag, ob dieser Umstand durch bewusste Steuerung herbeigeführt wurde oder nicht,
jedenfalls sind solch „unterversorgte“ Aktionäre leichter zu beeinflussen und ggf. auch in eine gewünschte Richtung zu „lenken“.
Meine persönliche Gesamt-Einschätzung: die Aussichten sind gut, dass aus diesem Konglomerat an hochkarätigen Chancen in den kommenden 6-12 Monaten eine Aufhellung der wirtschaftlichen Bewertungslage von Epigenomics entwachsen kann, die die Tristesse der laufenden Übernahmeposse vergessen lassen würde – wenn man bis dahin noch investiert ist bzw. sein kann.
An meiner Haltung investitionstreu zu bleiben hat sich nichts geändert, und zwar wegen der Vielzahl an chancenreichen Potenzialen für Epi (egal wie viele Shares die Bieterin nun letztlich sammel kann, sie wird sich aus Eigeninteresse auch für das Heben dieser Potenziale einsetzen). Wie ich die einzelnen Punkte genauer einschätze (so gut wie möglich nach verfügbaren Informationen und Deutung der Zeichen), habe ich zum Teil in der Vergangenheit in einigen Kommentaren hier und auch im Nachbarforum als gp_karite dargelegt.
Meine Zuversicht baut nicht darauf, dass ich mit all meinen Einschätzungen zu diesen Punkten grobgesehen richtig liege, sondern einerseits auf der großen Zahl der Punkte und darauf, dass ich nach kritischer Auseinandersetzung mit vielen anderen Meinungen weiterhin viele Zukunftschancen für Epi nach wie vor als ausreichend realistisch im Vergleich zu den Risiken sehe.
Offen bleibt freilich – das will ich nicht verschweigen – die Frage, ob man als Epi-Aktionär lange genug (für ein Durchschlagen des Chancen-Konglomerates A-L) investiert bleiben kann. Aber: warum sollte man sich vom Versuch abhalten lassen, wenn selbst der „worst case“ einer möglichen Zeitlimitierung des Epi-Aktionärs-Daseins (Squeeze Out, Spruchverfahren) nicht gerade große Risiken für Verluste birgt? Solche Verluste bei einem frühzeitigen Squeeze Out wäre aus meiner Sicht wohl nur dann möglich, wenn es den mächtigen Akteuren gelingen würde, dafür zu sorgen, dass das Kursniveau zu eben diesem Zeitpunkt (vor kurstreibenden Ereignissen) „bescheiden“ ist. Wie diese mögliche Gefahr einzuordnen ist, muss jeder für sich bewerten.
Ich hoffe, dass ich mit meiner etwas anderen Art der Beschäftigung mit der Frage „Was braut sich hier zusammen?“, die momentan hochbrisant zu sein scheint, die eine oder andere Anregung zum Nachdenken darüber, was längerfristig in der Luft liegen könnte, geben konnte.
VG, geolong