08.06.12 12:02 DJN: MARKT-AUSBLICK/Mit Euro-Endspiel werden Beine politischer Börsen immer länger
Von Herbert Rude
DOW JONES NEWSWIRES
FRANKFURT (Dow Jones)--Die Märkte werden wohl auch in der kommenden Woche
Gefangene der Politik bleiben. Die Wahl in Griechenland wirft ihre Schatten
voraus. Dabei zeigt sich immer mehr: Der Leitsatz, nach dem politische Börsen
kurze Beine haben, gilt nicht mehr. Die Beine der politischen Börsen werden
immer länger.
Jede Schlagzeile der Nachrichten-Agenturen zu irgendwelchen
Politiker-Aussagen kann schnelle Richtungswechsel an den Märkten auslösen.
Dabei geht es nur um die Frage, ob Anleger Risiko-Positionen aufbauen oder
abbauen. Im Zentrum der Überlegungen stehen nach wie vor die Versuche zur
Rettung des Euro.
Es brennt lichterloh in der Euro-Zone. Geschürt wird das Feuer derzeit vor
allem aus Spanien und Griechenland. In Spanien stehen die Banken im Brennpunkt,
in Griechenland ist es das Szenario eines Euro-Austritts und einer weiteren
Staatspleite nach der Wahl am kommenden Sonntag.
Zwar gibt es Stimmen, die bei einem Euro-Austritt sogar eine Rally an den
Aktienbörsen erwarten, frei nach dem Motto, dass diese Tragödie dann endlich
abgeschlossen wäre. Doch machen wir uns nichts vor: Ein Austritt wäre der
Präzedenzfall. Das Vertrauen der Märkte in den Bestand der Euro-Zone könnte den
entscheidenden Schlag erhalten. Verkaufswellen spanischer, portugiesischer oder
auch italienischer Vermögenswerte könnten die Folge sein.
Auch ein Gang Spaniens unter den Rettungsschirm EFSF verzögerte den
Niedergang der Euro-Zone dann wohl nur. Er würde die Probleme wieder nur
verschleiern, aber nicht lösen. Abgesehen davon wächst die Gefahr, dass das
System überansprucht wird.
George Soros gibt der Politik noch drei Monate, um die Probleme der Euro-Zone
zu lösen. Dann werde sich die wirtschaftliche Situation auch in Deutschland so
stark eintrüben, dass die deutsche Bevölkerung nicht mehr zu einer stärkeren
Beteiligung an den Sanierungskosten zu bewegen sei, warnt der Triumphator über
diejenigen, die Anfang der 90er Jahre das britische Pfund wider jede
wirtschaftliche Vernunft in der Währungsschlange halten wollten.
Nobelpreisträger Josef Stiglitz setzt noch einen drauf und warnt, Soros
unterschätze die Dynamik der Märkte. Die Krise sei akut und die einzige Chance
sei ein Ja aus Deutschland zu einer europäischen Banken-Union. "Kommt es nicht
dazu, wird das System ziemlich schnell auseinanderfallen", so der
Wirtschafts-Professor.
Eine Banken-Union mit einer gemeinsamen Einlagenversicherung und einem
Zugriffsrecht auf die nationalen Haushalte wäre vermutlich tatsächlich der
erste Schritt zu einer Lösung der Krise. Eine solche Banken-Union wäre der
unmittelbare Einstieg in die Fiskal-Union, sie würde damit einen der
schlimmsten Euro-Geburtsfehler beheben. Wie schwierig diese Lösung schon jetzt
ist, zeigen allerdings Schlagzeilen wie die der Bild-Zeitung: "Sparer sollen
für Pleite-Banken blechen", macht das Blatt mit Blick auf deutsche Sparbücher
und spanische Banken Stimmung.
Das Endspiel um den Euro ist alles andere als eine Einladung an strategische
Investoren zum Kauf von Aktien oder anderen Risikoanlagen. Sie halten sich dem
Markt fern. Damit bleiben die Märkte kurzfristigen Investoren überlassen. Das
wiederum führt zu hohen Kursausschlägen in beide Richtungen, mit Crash-Gefahr,
aber auch mit Rally-Potenzial. Das gilt für die Aktien und den Euro sowie, mit
umgekehrten Vorzeichen, auch für den deutschen Anleihenmarkt.
-Von Herbert Rude, Dow Jones Newswires,
+49(0)69-29725217, herbert.rude@dowjones.com
DJG/hru/flf
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