Die Frau hinter der Glasscheibe bei der Coop Depositenkasse im Einkaufszentrum Sihlcity in Zürich hat kaum je Vergleichbares erlebt. "Die Leute kaufen wie verrückt Euros", sagt die Sparkassen-Angestellte. Ende letzter Woche habe die Bank zeitweise keine grösseren Geldbeträge mehr gewechselt, derart gross sei die Nachfrage gewesen. Die grossen Euro-Beträge habe man für Kontoinhaber und Stammkunden aufheben müssen.
Die Coop Depositenkasse, die laut Eigenwerbung beim Geldwechsel spesenfrei "die besten Tageskurse" anbietet, ist beileibe kein Einzelfall, wie eine Umfrage von cash zeigt. Auch die Migros Bank verzeichnet eine "deutliche Zunahme" beim Euro-Verkauf an den Wechselschaltern, erklärt deren Sprecher Albert Steck. Die Zunahme gehe vor allem auf die grenznahen Regionen zurück. Also dort, wo viele Leute ihre Einkäufe gerne im Ausland tätigen.
Bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) die gleiche Situation: Die Leute lechzen nach Euros. Im laufenden Jahr seien die Euro-Bargeldbezüge gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent gestiegen, sagt ZKB-Sprecher Igor Moser.
Auch Euro-Konti boomen
Doch beim Run auf Euros spielen nicht nur der Einkaufstourismus und die nahenden Sommerferien eine Rolle. Auch das spekulative Element kommt zum Tragen: "Die Leute kaufen auf Vorrat grössere Euro-Beträge ein", beobachtet Steck. Hintergedanke dabei: Tiefer gehts mit dem Euro nicht mehr.
Tatsächlich lässt sich mit einem Euro-Rekordtiefstand von 1,2102 Franken, der am letzten Freitag aufgestellt wurde, so mancher Urlaub und Shopping-Trip in Europa viel entspannter geniessen als früher. Doch wer sagt, dass der Euro nicht noch tiefer fällt? Im letzten Jahr zu dieser Zeit stand der Euro noch bei 1,43 Franken oder fast 14 Prozent höher als heute. Schon damals glaubten viele, dass der Euro nicht noch mehr absacken könne.
Seit rund zweieinhalb Jahren ist die Schweizer Währung auf dem aufsteigenden Ast. Die Schuldenkrise einzelner Euro-Länder (sowie der USA) schwächen das Vertrauen in den Euro. Die Schweiz und ihre Währung gelten für Investoren als sicherer Hafen - ein Nimbus, den der Franken noch vor vier Jahren verloren zu haben schien, als der Euro 1,68 Franken kostete.
Postfinance verzeichnet derzeit zwar bloss normale saisonale Erhöhungen bei den Euro-Bezügen an den Automaten, wie deren Sprecher Marc Andrey gegenüber cash ausführt. Doch der Euro-Trend zeigt sich bei der Post-Tochter woanders. Laut Andrey liegt die Anzahl der Euro-Konto-Eröffnungen bei Postfinance 30 Prozent über dem Vorjahresniveau. Deren Bestand hat sich auch bei der Migros Bank innert Jahresfrist um 10 Prozent erhöht.
Grosse Gebührenunterschiede
Mit Euro-Konti kann die Abwicklung von Zahlungen in der Fremdwährung erleichtert werden und es fallen weniger Währungsrisiken an. Allerdings, so fügt Andrey an, spiele die "spekulative Note" bei der hohen Anzahl der Konto-Neueröffnungen sicher auch mit. Also: Billig kaufen, teurer verkaufen - oder mit der billig erworbenen Fremdwährung spätere Investitionen tätigen.
Zu beachten gilt allerdings, dass beim Bezug von Euros vom Euro-Konto sowohl am Schalter wie auch am Automaten unterschiedlich hohe Gebühren anfallen. Bei Postfinance und Migros Bank ist beides gratis, bei Raiffeisen nur der Bezug an eigenen Automaten. Ein Bezug am Schalter kostet bei der UBS mit 30 Franken am meisten, wie eine Erhebung des "K-Tipp" kürzlich ergab.