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| HANDELSBLATT, Montag, 2. Juni 2008, 15:46 Uhr |
| Auswirkungen der US-Immobilienkrise |
Kreditklemme gibt US-Automarkt den Rest |
| Von Martin Buchenau, Matthias Eberle und Mark C. Schneider |
In der Vergangenheit wurden Millionen Autos über Eigenheim-Kredite finanziert. Jetzt stehen GM vor einem schlimmen Absatzeinbruch: Im laufenden Jahr droht der Verkauf um rund eine Million Fahrzeugen gegenüber dem Vorjahr einzubrechen.STUTTGART, NEW YORK, DÜSSELDORF. Die Krise im größten Automarkt der Welt spitzt sich zu und stellt die Vorstände der führenden US-Hersteller vor ein neues Rätsel. Kaum haben sich General Motors (GM), Ford und Chrysler zurechtgeschrumpft, um es kostenmäßig mit japanischen Rivalen wie Toyota oder Honda aufnehmen zu können, werden sie vom schlimmsten Absatzeinbruch seit Jahrzehnten getroffen. Eine Kombination aus Immobilienkrise, verschärften Kreditbedingungen und steigenden Benzinkosten hält immer mehr US-Konsumenten vom Autokauf ab. Industrievertreter gehen inzwischen davon aus, dass 2008 in Nordamerika mindestens eine Million Fahrzeuge weniger verkauft werden als im Vorjahr. Damit würde eine der Schlüsselbranchen Amerikas auf den Stand von 1995 zurückgeworfen, schreibt der Branchendienst J.D. & Associates. Die jüngste Verkaufsstatistik zeigt insbesondere Modelle mit schwachen Verbrauchsdaten dramatisch im Minus. So brachen die Absatzzahlen des Ford-Kleinlasters F-150, dem seit Jahren meistverkauften Fahrzeug in den USA, im April um 27 Prozent ein. Auch die Wettbewerber GM und Chrysler leiden darunter, dass ihre Angebotspaletten auf den kollabierenden Markt für schwere Geländewagen und Kleinlaster ausgerichtet sind. "Die Menschen haben erkannt, dass die Preise nicht zurückgehen und richten sich auf höhere Energiekosten ein. Es ist eine Kapitulation", sagte Analystin Sara Johnson von Global Insight. Ford hat diesmal als Erster reagiert, weitere Entlassungen angekündigt und seinen Plan, 2009 in die schwarzen Zahlen zu fahren, als unerreichbar bezeichnet. Branchenbeobachter erwarten, dass Marktführer GM in Kürze nachziehen wird. Vorstandschef Rick Wagoner wird auf der Hauptversammlung des Konzerns am morgigen Dienstag kaum daran vorbeikommen, zumindest die Eckpunkte eines neuerlichen Sparplans aufzuzeigen. Zwar hat Wagoner in den vergangenen drei Jahren schon neun Mrd. Dollar an Fixkosten aus dem Konzern geschnitten und dabei Zehntausende Jobs gestrichen. Investoren senken aber den Daumen, weil GM auch weiterhin hohe operative Verluste schreibt. Die Aktien des US-Schwergewichts sind in der Vorwoche unter 17 Dollar und damit auf den niedrigsten Stand seit 26 Jahren gefallen. Allmählich werden die ganzen Hintergründe des Absatzeinbruchs offensichtlich. Wie große Teile der Wirtschaft haben auch GM, Ford und Chrysler die Kauflaune ihrer Konsumenten deutlich überstrapaziert. Der Absatz in den vergangenen Jahren war künstlich aufgebläht, geholfen haben billige Kredite und riskante Wetten auf die eigene Immobilie. Im US-Bundesstaat Kalifornien etwa wurden 2007 fast 30 Prozent aller Neuwagen über sogenannte "Home Equity Loans" gekauft, ein für deutsche Verhältnisse absurd hoher Prozentsatz. US-weit lag der Anteil des Autoabsatzes mit Krediten, die über das Eigenheim abgesichert wurden, im Vorjahr bei zwölf Prozent. In Deutschland sei eine derartige Finanzierung "ausgeschlossen", betonte ein BMW-Sprecher. In den USA habe BMW "vereinzelt Kunden", die so finanziert seien. "Wir hatten und haben keine Equity Loans, um Fahrzeuge zu finanzieren", sagte eine Audi-Sprecherin. Auch Porsche teilte auf Anfrage mit, dass man keine Häuserkredite für den Kauf eines Autos akzeptiere: "Wir sind generell sehr strikt bei der Bonität unserer Kunden", sagte ein Sprecher. "Die hypothetische Wertsteigerung einer Immobilie wird in Deutschland in keinem Fall für die Finanzierung eines Autos akzeptiert", hieß es bei der Mercedes-Bank in Stuttgart. Das ganze Risiko dieses Finanzierungsmodells lässt sich nun im US-Markt begutachten: Die Hauspreise sind eingebrochen, die Geldgeber schwer im Stress und die Kreditvergabe ist branchenweit auf dem Rückzug. Informationen der "New York Times" zufolge will der Finanzservice-Anbieter AmeriCredit im laufenden Jahr nur noch rund drei Mrd. Dollar für Autofinanzierungen bereitstellen, nach 9,2 Mrd. Dollar im Vorjahr. Allein die Reaktion von AmeriCredit entspricht einem Gegenwert von mehr als 300 000 Autos, die 2008 nicht mehr finanziert werden. Auch die großen US-Autobanken GMAC, Ford Motor Credit und Chrysler Financial haben ihre Vergabekonditionen inzwischen deutlich verschärft - auf Kosten des Absatzes. Zwar sind deutsche Autokonzerne deutlich vorsichtiger mit ihren Finanzierungsmodellen. Dennoch hinterlässt die Absatzkrise im wichtigsten Absatzmarkt der Welt auch bei der erfolgreichen deutschen Phalanx ihre Spuren. BMW und Daimler verkaufen dort etwa 20 Prozent ihrer Fahrzeuge, Porsche sogar 35 Prozent. "Sollte es in den USA nicht zu einer Erholung kommen, besteht die Gefahr, dass wir die Risikovorsorge zulasten des Ergebnisses weiter erhöhen müssen", hatte BMW-Chef Norbert Reithofer bereits Ende April betont. "Die Kaufzurückhaltung in den USA zieht weite Kreise", heißt es jetzt bei BMW. Allerdings werde der Premium-Bereich von der Krise weniger stark getroffen, betonte ein Sprecher. Porsche gibt sich deshalb vergleichsweise entspannt. Das Unternehmen habe bereits im ersten Halbjahr 2007 Maßnahmen ergriffen, um sich auf eine Krise in den USA vorzubereiten, sagte ein Sprecher. So haben die Deutschen etwa die Lagerbestände des Geländewagens Cayenne auf ein Drittel reduziert. Die Autos gehen stattdessen in Wachstumsmärkte wie China: "Dort sind Margen und Mix besser als in den USA." Auszug aus Detroit: Personalabbau hoch drei Nach der Streichung von zehntausenden Arbeitsplätzen steht beim Marktführer die nächste Personalrunde an. In der Vorwoche teilte GM mit, dass 19 000 Mitarbeiter bereit sind, den Konzern gegen Abfindungen von bis zu 140 000 Dollar zu verlassen. Die meisten von ihnen scheiden zum 1. Juli aus. Damit hat der US-Konzern seit Anfang 2006 etwa 53 000 Jobs abgebaut. Das entspricht annähernd der Hälfte aller Stundenlöhner in den USA. Der seit 2006 amtierende Konzernchef Alan Mulally zieht eine teure Sanierung durch, in deren Rahmen schon 47 000 Mitarbeiter die Bänder verließen, die meisten von ihnen gegen Abfindung. Eine weitere Abbauwelle ist im Anmarsch. Weil im Zuge des Markteinbruchs die Pläne zur Rückkehr in die Gewinnzone nicht aufgehen, drohen bei Ford nun 2 000 Entlassungen im Angestelltenbereich - diesmal ohne Abfindung. Chrysler Das Personal wird seit der Scheidung von Daimler weiter zurechtgestutzt. Der neue Eigentümer Cerberus hat den noch unter Daimler-Regie angekündigten Jobabbau von 13 000 Stellen deutlich verschärft und weitere 11 000 Jobs gestrichen. Der Finanzinvestor hat sich darüber hinaus Schritte offen gelassen, sollte sich die Situation in den USA verschlechtern. Um die Kosten zu kappen, sollen Fabrikarbeiter und Angestellte im Juli eine zweiwöchige Auszeit nehmen. |
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