Die in den Gazetten kolportierte "falsche" Erklärung kennen wir zur Genüge. Ich will sie trotzdem noch mal wiederholen: Die Nullzinspolitik (ZIRP) diene dazu, die nach der 2008-Finanzkrise weltweit darbende Wirtschaft zu beleben. ZIRP soll Bank-Kredite günstiger machen, "damit die Firmen wieder mehr investieren". Das schafft dann auch mehr Arbeitsplatzsicherheit. Alle Arbeitnehmer nicken ergriffen mit dem Kopf.
Die wahre Erklärung ist eine andere. Gerade in USA holen sich Firmen das benötigte Geld nur zu einem kleinen Teil "von der Bank". Viel günstiger wird die Refinanzierung, wenn die Firmen Unternehmensanleihen (Bonds) herausgeben, die sie dann an Investoren verkaufen.
ZIRP bringt die Leitzinsen per Definition auf Null. Dadurch sinken auch die Renditen längerfristigen Anleihen, die durch QE noch zusätzlich in den Keller gedrückt werden.
ZIRP erzeugt daher bei den Investoren einen Anlagenotstand. Bekamen sie früher 4 % Zinsen auf sichere (AAA) Staatsanleihen, so sind es heute in USA nur rund 2 % (Chart unten, bezogen auf 10-jährige UST). Damit liegen die Zinserträge unter der realen Inflationsrate (die aus diesem Grunde auch ständig schöngerechnet wird). Mit anderen Worten: Die Kaufkraft der Geldanlagen schwindet, selbst wenn das Geld "gut angelegt" ist.
Dieser Effekt (finanzielle Repression) ist durchaus gewollt. Politik und Wirtschaft ziehen hier am gleichen Strang. ZIRP treibt die Anleger nämlich ins Risiko. Um die "gewohnten" Zinsrenditen von 4 bis 5 % zu erhalten, müssen sie heute Anleihen von Unternehmen mit schwacher Bonität kaufen. Liegt die Bonität unter BBB (= Investmentgrad), handelt es sich um Junkbonds.
Wegen dieses Anlagenotstands können US-Firmen riesige Menge Junkbonds an Investoren verkaufen, die sich trotz des relativ hohen Ausfallrisikos förmlich um diese Papiere balgen. Seit 2009 wurden in USA Rekordmengen an Junkbonds von den Firmen herausgegeben.
Doch das Geld, das die Firmen über die Junkbond-Emissionen einnehmen, wird nur zu einem geringen Teil in Sachanlagen und Investitionsgüter (Maschinen usw.) investiert. Der weitaus größte Teil floss in Aktienrückkäufe. Diese Rückkäufe dienen, wie in # 915/916 detailliert beschrieben, dazu, die variablen Gehälter der Topmanager hochzutreiben. D.h. es wird nicht wirklich investiert und es werden auch kaum gut bezahlte Arbeitsplätze geschaffen (wie die Spinstory aus dem 1. Absatz suggeriert). ZIRP dient vielmehr vor allem dazu, dass sich die Topmanager über die Schiene Junkbond-Emissionen -> Aktienrückkäufe -> Optionsausübungen den A.... vergolden können.
Im Endeffekt führt dieser Mechanismus sogar, wie # 915 zeigt, dazu, dass Arbeitsplätze ABGEBAUT werden - bei HP aktuelle weitere 30.000.
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Hinzu kommt, dass die Junkbondsemissionen jedoch das "Leverage" der Firmen erhöhen: Das Verhältnis von Eigenkapital zu Fremdkapital sinkt. Diese Quote ist aber ein entscheidender Faktor bei der Ermittlung der Bonität der Firmen. Gesteigerte Bondemissionen verschlechtern somit das Kreditrating der Firma weiter. Es gibt heute kaum noch US-Firmen mit AAA-Rating. Die meisten sind durch die vielen Bondemissionen bereits in den "Junk"-Sektor gerutscht.
In normalen Zeiten (angemessene Leitzinsen von ca. 2 bis 3 %, Langlaufzinsen von 4 bis 5 %) würden die Firmen ein Abdriften in Richtung Junk tunlichst vermeiden. Sie müssten sonst 8, 9 oder mehr % an Zinsen bieten, um ihre Anleihen noch losschlagen zu können. "Dank" ZIRP jedoch funktioniert diese automatische Marktregulierung, die zugleich eine Art Selbstdiziplinierung für die Firmen ist, nicht mehr. ZIRP schafft wie gesagt Anlagenotstand - mit der Folge, dass Investoren das Risiko immer stärker ignorieren.
Dies wird sich über kurz oder lang bitter rächen. Ich schätze, dass das ausstehende Platzen der großen Aktienblase mit einem regelrechten Kollaps bei Junkbonds einhergehen wird.
(Verkleinert auf 80%)

