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...Einen Vermieter für Normalverdiener mit Familie zu begeistern, das ist [in San Francisco] reine Sisyphusarbeit. Bis zu 3900 Dollar im Monat werden für eine Zweizimmer-Wohnung schnell verlangt – und bezahlt. Unternehmen wie Apple, Google und Facebook räumen offen ein, dass sie ein Diversifizierungsproblem haben. Gut 70 Prozent oder mehr der Angestellten sind weiß und männlich.
Der typische Nutzer eines der „Google-Busse“, Synonym für klimatisierte Luxus-Shuttlebusse zum Arbeitsplatz im Silicon Valley, ist unter 30 Jahre alt, alleinstehend, kinderlos und verdient 100.000 Dollar oder mehr. Mit solchen Zahlen, ermittelt von der Universität Berkeley, kann kaum noch jemand mithalten. Der Median des Familieneinkommens in San Francisco liegt bei 74.000 Dollar im Jahr. David Campos, Abgeordneter des beliebten Mission-Distrikts im Herzen der Stadt, gibt freimütig zu: „Es ist heute die Mittelklasse, die aus der Stadt gedrängt wird. Es ist eine Stadt, die sich nur noch Millionäre leisten können.“
Szenenwechsel San Francisco Bay: Ein sonniger Nachmittag vergangenen Mittwoch am Lagerhaus Pier 48. Drinnen feiert sich die Technologie-Elite bei der „Disrupt“-Konferenz des Tech-Blogs TechCrunch mit Freibier und Schnittchen, draußen warten die Demonstranten. „Zwangsgeräumt“ steht auf dem Schild, das ein Fahrrad-Rikschafahrer hoch hält. Ein anderes Banner liest sich „Klassenkampf 2.0“. Die Zahl der Zwangsräumungen steigt seit Jahren raketenartig an. Dabei muss nicht einmal ein Mietrückstand oder ähnliches vorliegen. Gängige Praxis ist, Mietern eines Hauses eine kleine Abfindung anzubieten. Wenn sie nicht gehen, dann greift „Ellis Act“, die Wunderwaffe der Immobilienbesitzer.
Das geht so, wie es Google-Anwalt Jack Halpin vorexerziert. Er hat als Privatmann ein Mehrfamilien-Mietshaus gekauft und nach dem Kauf festgestellt, dass er eigentlich ja gar kein Vermieter sein will. Er werde das Vermietungsgeschäft verlassen, teilte er der Stadt mit. Dann beantragte er die Räumung nach dem „Ellis Act“, ein Gesetzt, das für diesen Fall geschaffen wurde.
Alle Familien, sieben an der Zahl, darunter eine Lehrerin, sollen nun ausziehen. Was später mit dem Haus passiert, ist unklar. Die Wohnungen könnten zum Beispiel mit Gewinn verkauft werden. Das Haus kann auch einfach so weiterverkauft werden. Etwa an einen anderen „Vermieter“, vielleicht sogar aus der eigenen Familie. Der wiederum vermietet dann die Wohnungen neu. Natürlich zu dramatisch erhöhten Sätzen.
Wie perfide der gerade einmal 30 Jahre alte „Ellis Act“ wirkt belegt die Tatsache, dass es „Serien-Aussteiger" gibt. Nichts hindert einen Investor daran nach einer Ellis-Räumung ein neues Mietshaus zu kaufen und wieder festzustellen, dass man eigentlich kein Vermieter sein will. Versuche, wenigstens eine Karenzzeit von einigen Jahren zwischen einzelnen Entmietungen einzuziehen, prallen bislang an der Lobby der Immobilienbesitzer ab. Die Rate der „Ellis Act“-Räumungen ist zwischen 2010 und 2013 um 170 Prozent auf mehr als 100 pro Jahr angestiegen.
Getroffen hat es auch Benito Santiago. Der 62-jährige wohnte seit 37 Jahren in einem Zweizimmer-Appartement in einem Altbau im Mission-Distrikt mit 575 Dollar kontrollierter Rente, als er im November 2013 den Räumungsbefehl nach „Ellis Act“ bekam. Der Tanzlehrer, der nebenbei noch Unterricht an einer Schule für behinderte Kinder gibt, weiß nicht mehr wohin. Wenn er keinen Ärger macht wollten ihm die Besitzer 20.000 Dollar zahlen. Dafür hätte er in einem Monat raus sein müssen. Er hätte sogar wieder als Mieter zurückkommen können, erzählte er dem örtlichen TV-Sender KQED: für 4.000 Dollar im Monat. Jetzt lässt er es auf eine Klage ankommen....