An diesem idealerweise positiven Verhältnis der Bürger zum Staat und zur Staatsidee mangelt es leider zurzeit in vielen EU-Staaten ganz erheblich. Vielen Leuten, inbesondere in korrupten Ländern wie GR, I und P, ist der eigene Hintern immer noch tausend Mal wichtiger als das Gemeinwohl.
Das Grunddilemma der Eurozone ist somit: Wenn es schon innerhalb der einzelnen EU-Staaten diese Staatsethik - im Sinne des Kant'schen "Kategorischer Imperativ" - nicht gibt, wie soll sie dann in einem - aus purer Not - per gemeinsamer Wirtschaftsregierung zusammengeschweißten Überstaat (Eurozone) aufkommen?
Ich bin im Prinzip fortschrittsgläubig und überzeugt, dass die Menschheit auf lange Sicht zu Besserem und Höherem emporstrebt. Es gibt neben der technologischen auch eine kulturell-historische Evolution (wie schon Hegel erkannte). D.h. ich bin kein Geschichts-Pessimist wie Nietzsche oder Theodor Lessing.
Daher dürfte sich auch das Zusammenfinden der EU-Staaten zu Euroland langfristig als historischer Fortschritt erweisen. In diesem Sinne sind auch die separatistischen Scharnagls dieser Welt klar rückschrittlich und fortschrittsfeindlich.
Die große Frage bleibt aber, wie diese mangelnde Ethik in den Einzelstaaten und erst recht in der kommenden Staatengemeinschaft etabliert werden soll. Per "ordre de mufti" von oben? Oder gar durch zwanghafte Fernkontrolle aus Brüssel samt Einmischung in die staatlichen Haushalte? Das dürfte nur die heute bereits vielerorts in Europa hochkochenden sozialen Spannungen verstärken.
Wir blicken in Europa auf ein Jahrzehnt verkorkster Laissez-faire-Politik zurück, die zu den aktuellen Schieflagen geführt hat. Ursache war - neben den unzureichenden Maastricht-Kriterien, die obendrein laufend verletzt wurden - , dass Politiker kurzfristige Wachstumsinteressen vor langfristige Nachhaltigkeitsüberlegungen gestellt hatten. In den PIIGS ist uns das Erbe dieser Politik in Gestalt der ruinösen Staatsverschuldung, die teils auf massive Bankenrettungen zurückgeht, erhalten geblieben.
Eine ethische - auf Nachhaltigkeit angelegte - Heilungsmethode kann nur darin bestehen, die bisherigen Schulden-Exzesse geordnet rückabzuwickeln. Dies geschieht ja auch in Gestalt der Sparauflagen für die PIIGS. Dieser Ansatz ist daher zu begrüßen.
Im ersten EMU-Jahrzehnt hat sich in den PIIGS jedoch auch ein Anspruchsdenken etabliert, das im Sinne obiger Prämissen unethisch ist. Zur geordneten Rückabwicklung würde gehören, dass die PIIGS-Bevölkerungen - die Gesamtproblematik würdigend - starken Lohnkürzungen zustimmen. So viel "Staats-Ethik" ist aber offenbar zuviel verlangt. Daher sind von Athen über Rom bis Madrid die Leute auf den Barrikaden. Sie verteidigen damit - in einer Form von unethischem Anspruchsdenken (und missverstandenem Fortschrittsdenken) - vermeintlich erreichte Besitztümer, die in Wahrheit, da überwiegend kreditbasiert, im wahrsten Wortsinn nur auf (inzwischen meist faulem) Papier existierten.
Meine Zweifel am Gelingen des laufenden EU-Rettungsexperiments auf Basis von Geldflutungen (die ebenfalls unethisch sind) rühren daher, dass es den Bürgern in den EU-Staaten, insbesondere in den PIIGS, noch an der nötigen Staatsethik mangelt. Sie sind damit objektiv "historisch rückständig" (wenngleich sie subjektiv einen Fortschritt zu verteidigen glauben). Gegen diese Widerstände ließe sich die europäische Wirtschafts-Gemeinschaft nur mit starker institutioneller Gewalt (EU-Eingriffe in nationale Budgets) und zahlreichen anderen Zwängen etablieren. Bei hinreichender ethischer Reife der Bürger wäre dieses Ziel auch ganz ohne Zwänge erreichbar.
Hier wird also gleichsam mit der Brechstange - dazu zählen auch Draghis Billionenflutungen - zur Unzeit "historisch vorgegriffen". Das Resultat wird mMn nicht sein, dass damit eine "Gemeinschafts-Ethik" in den Köpfen der EU-Bürger etabliert wird, sondern dass im Gegenteil die derzeit bereits national grassierende "Un-Ethik" auf den Gesamtkomplex Eurozone übertragen wird. Die Eurozone wird zum Selbstbedienungsladen, in dem jedes Land auf Kosten der anderen eigene Vorteile sucht. Und Draghis schafft dazu mit Gelddrucken die "finanziellen Grundlagen".
Das ist von Vorn bis Hinten unethisch - und zum Scheitern verurteilt.
Meine Sorge ist, dass die kurzfristigen, um Neuverschuldung, Umschuldungen und Kredithebelung kreisenden Adhoc-Pseudolösungen am Ende sogar die (wirtschaftliche) Basis dafür zerstören, dass Europa langfristig organisch zusammenwachsen kann.
Der zu befürchtende finanzielle Zusammenbruch dürfte mMn schneller kommen als die erforderliche - und historisch gewöhnlich eher langsam (über Generationen) voranschreitende - ethische Reifung.
In dem Sinne bin ich - unter Draghis Prämissen - ein Pessimist, was die Zukunft der Eurozone betrifft. Wobei sich nicht ausschließen lässt, dass der finanzielle Zusammenbruch, den Draghis Politik letztlich heraufbeschwören dürfte (sei er deflationär oder hyperinflationär), am Ende doch noch den Grundstein dafür legt, dass sich Europas Historie langfristig zum Positiven entwickelt.
In Deutschland brauchte es auch der Zerstörungen eines Adolf Hitler, um die Demokratie - die in der Weimarer Republik (@Malko: vor allem in München) noch aggressiv bekämpft wurde, als heute allgemein anerkannte Staatsform zu etablieren.
